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Food Waste oder der Vater, die Sau?

Als ich klein war, sagte meine Grossmutter: “Iss auf, wir werfen nichts weg.” Jetzt bin ich Vater und sage diesen Satz oft auch zu meinen Kindern. Auch meine Frau tut das. Verschwendung geht nicht. Das ist gegen unsere Moral und schlecht für die Umwelt.

Später, als meine Grossmutter Probleme mit der Verdauung bekam, kam sie von ihrem Aufessgebot ab und beteuerte bei jeder Gelegenheit: “Du musst nicht aufessen. Wenn der Magen Stopp sagt, heisst das Stop. Also lass es liegen, zuviel essen ist ungesund. Sonst bekommst Du auch Probleme mit der Verdauung.”

Bisher ass ich oft kleine Reste am Familientisch oder im Restaurant noch schnell auf oder erwartete das von den Kindern, denn immer noch hallt das Gebot, dass man nichts wegwerfen darf, in mir nach. Und ausserdem: was denken denn die Gäste, die Leute, das Personal im Restaurant, wenn man den Teller nicht leer isst? Oder: Ich habe in meiner Erziehung etwas falsch gemacht, wenn die Kinder nicht aufessen.

Früher habe ich darüber nicht nachgedacht. Es war mir egal, ob ich schon satt war oder das Essen mochte, Hauptsache das soziale und ökologische Gewissen wurde beruhigt, indem jemand die Reste aufass. Heute habe ich für mein Empfinden ein paar Kilo zuviel um den Bauch. Ausserdem drängt sich mir immer mehr ein Bild auf: Bin ich eigentlich eine Biotonne? Die einzig legitime Alternative zum Food Waste? Wenn es Tellerreste aufzuessen gibt und er sich dazu aufopfert, sie aufzuessen, pflegte und pflegt mein Schwiegervater zu sagen: “Wenn ihr mich nicht hättet, müsstet ihr Euch eine Sau halten.” Armes Schwein, der Opa, finde ich.

So betrachtet, wünsche ich mir immer mehr, dass ich das alte Muster ablegen kann. Ich mag nicht über meinen Appetit hinaus essen. Ich bin keine Biotonne für überschüssiges Essen. Das ist doch ungesund und gewissermassen auch erniedrigend. Ich sehe deshalb auch die Aktion “Verwenden statt verschwenden” kritisch: Die Nahrungsmittelindustrie und die Supermärkte spielen da mit unserem schlechten Gewissen und nutzen bis zu einem gewissen Grad den sozio-ökologischen Druck aus, anstatt die Produktion zu mässigen. Schön, wenn man das betreffende Lebensmittel gerade wirklich gebrauchen kann, schlecht, wenn man es zusätzlich kauft und im dümmsten Fall dann zuhause doch noch entsorgen muss.

Die einzige nachhaltige Lösung für dieses Problem liegt in einer gewissenhaften Planung, die keinen Überschuss produziert. Klingt einfach, ist aber eine Kunst, zumal Hausarbeit und Hauswirtschaft in der Gesellschaft meist unbezahlt erfolgen und einen niedrigen Stellenwert haben. Der Überfluss und die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln lassen eine seriöse Essensplanung auch überflüssig und übermässig anstrengend erscheinen: ob zu viel oder zuwenig von etwas zu haben, erscheint vor vollen Regalen irrelevant, denn es ist immer genug da, zumindest jetzt, in der Schweiz. Ausserdem tendieren wohl die meisten Menschen dazu, lieber etwas mehr zu nehmen, als nötig wäre. Deshalb bleibt der bewusste Umgang mit Lebensmitteln und die seriöse Planung ein Vorsatz, den man wohl ein Leben lang verfolgen muss. Es mag nicht immer gelingen, aber ehrlich, ob der Überschuss im Abfall oder in menschlichen Biotonnen und “Säuen” landet, macht keinen Unterschied: Was zuviel ist, ist zuviel. Also schauen wir doch, dass wir uns mit einem einfachen “genug” zufrieden geben ohne Verlustängste oder das Gefühl, zu kurz zu kommen und auch ohne schlechtes Gewissen, wenn halt doch wieder einmal etwas im Abfall landet.

Autor: Pfarrer Lenz Kirchhofer. Dieser Artikel ist ein persönlicher Kommentar des Autors zu aktuellen ethischen Fragen des Umgangs mit Lebensmitteln. Der Artikel repräsentiert daher weder die offizielle Postition der Christkatholischen Kirchgemeinde Aarau, der Christkatholischen Landeskirche im Aargau, des Christkatholischen Bistums der Schweiz oder der anderen Kirchen der Utrechter Union sowie der Union selber.