Israel, die Todesstrafe und der Krieg
10. April 2026
Ein Essay
Die Knesset stimmt am 30. März für die Todesstrafe für Terroristen. Das Israelische Militär macht nach dem grauenhaften Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf das Supernova-Musikfestival in Israel innert rund zwei Jahren den Gazastreifen dem Erdboden gleich. Eine Untersuchungskommission des UNO-Menschenrechtsrats wirft Israel daraufhin Völkermord vor. Im Verbund mit den USA, die den Iran angegriffen haben, greift Israel zurzeit Ziele im Libanon an. Soweit die breitere Wahrnehmung Israels in jüngster Zeit.
Vor diesem Hintergrund irritiert es nicht nur, wenn in der Kirche in der Osternacht, der Feier der Auferstehung Jesu Christi, die Geschichte vom Durchzug des Volkes Israel durch das Schilfmeer (Exodus 14) vorgelesen wird, sondern auch wenn in anderen Lesungen aus der Bibel vom Volk Israel gesprochen wird. Besonders irritierend ist es, wenn in solchen Texten die Kirche auch mit dem Volk Israel identifiziert wird. Denn was hat die Kirche mit der heutigen Politik Israels zu tun? Es stellt sich also die Frage, wie wir – gerade in der ethisch aufgeklärten, christkatholischen – Kirche angesichts der aktuellen Politik des Staates Israel in unseren Gottesdiensten vom Volk Israel sprechen können.
Die biblischen Texte stammen vor allem aus einer anderen Zeit. Wenn dort vom Volk Israel die Rede ist, ist damit primär das damalige Volk Israel oder besonders in den neutestamentlichen Schriften allenfalls das aus allen Völkern gesammelte Volk Gottes gemeint. Zeitgenössische israelisch-nationalistische Kreise mögen vielleicht glauben, dass das heutige Israel und seine Militäraktionen und Kriege auch in der Torah bereits mitgemeint sind, gerade weil die Zusage Gottes und seine Verheissung bis heute gelten. Aber es gibt Gründe, die gegen eine solche Deutung sprechen.
Die militärischen Erfolge Israels zum Beispiel, wie sie im Buch Exodus beschrieben sind, entbehren jeder historischen oder archäologischen Grundlage. Die Erzählung vom pharaonischen Heer, das Gott in den Fluten vernichtet, oder von Jericho, das allein durch Trompetenschall eingenommen wird, entspringen einer theologischen Tradition, die Gottes Zuwendung zu seinem Volk mit einer Sprache und mit Bildern beschreibt, die sich der Vorstellung von einem siegreichen Feldherren bedient. Sie sind also metaphorisch gemeint und metaphorisch zu verstehen und in einer nahezu gewaltverherrlichenden Sprache verfasst.
Diese Metaphorik steht, um hier eine dezidiert christliche Perspektive einzubringen, in einem interessanten Kontrast zu dem, was Jesus bei seiner Verhaftung zu seinem Begleiter sagt, der das Schwert zieht und einem der Diener der Hohepriester ein Ohr abschlägt:
«Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?» (Matthäusevangelium 26,52ff)
Jesus sagt dies zwar im Ansinnen, seiner Bestimmung gehorsam zu folgen und weniger in einem pazifistischen Sinn. Aber dennoch spricht er damit Bände gegen herkömmliche Vorstellungen von Stärke, Macht, Sieg, Triumph und Göttlichkeit. Dieses Wort hört die Kirche am Karfreitag im Zusammenhang mit dem Leiden und Sterben Jesu. Und dann in der Osternacht wieder die Keule am Schilfmeer: der Herr der Heerschaaren schlägt erneut zu?
Die Kirche muss sich also nicht nur fragen, wie sie heute angesichts der aktuellen Politik Israels vom Volk Israel sprechen soll, sondern auch, wie sie mit biblischen Texten, die so wie Exodus 14 Kriegsmetaphorik enthalten, im Blick auf die Gewaltlosigkeit Jesu am Karfreitag umgehen will. Letztere Frage sei an anderer Stelle beantwortet. Erstere beantworte ich versuchsweise dahingehend, dass die biblischen Geschichten, in denen das Volk Israel vorkommt, letztlich im Blick auf dieses Volk Gottes zu deuten sind, welches Gott sich aus allen Völkern und Nationen nach seinem Urteil sammelt und aus christlicher Perspektive eben gerade nicht nur auf das historische oder zeitgenössische Israel begrenzt ist.
Pfarrer Lenz Kirchhofer