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Zum Welttag des Buches

Das Buch. Verstaubt, unpraktisch, zu gross, zu schwer, totgesagt. Naja, ein Buch hat viele Nachteile gegenüber einer Buchapp. Aber nicht nur. Einen entscheidenden Vorteil, dessen Tragweite mir erst kürzlich wieder bewusst wurde, möchte ich anlässlich des diesjährigen Welttages des Buches ins Blickfeld rücken. Aber von vorne.

Buch, das klingt fast so verstaubt wie Archiv. Das Archiv meiner Kirchgemeinde ist auch ganz schön staubig: 150 Jahre alte Bücher, Akten, die man nur ganz, ganz, ganz, ganz, gaaaanz selten braucht, Leute, die beim Räumen irgendwo noch kistenweise Akten finden, die man noch archivieren müsste, kaum hat man ein paar Archivschachteln gefüllt, stapeln sich schon wieder neue Dokumente in der Ablage, eine Sisyphosarbeit und für meine Begriffe nicht gerade das Kerngeschäft des Pfarrers. Ich vergesse die Archivarbeit oft, ich meide sie, denn sie hat ja noch Zeit und irgendwie nerven mich diese Papiere, die ich mit mühseliger Arbeit sortieren, klassifizieren, von Metall befreien und im Verzeichnis nachtragen muss. Zum Glück motiviert mich die Gemeindesekretärin ab und zu dazu und packt die Stapel zusammen mit mir an.

Wenn wir das dann machen, stossen wir immer wieder auf ganz interessante Zeitzeugnisse in Papierform. Diese Trouvaillen lassen mich dann erahnen, was Historikerinnen und Archivare vielleicht so für alte Bücher begeistert. Bei einer meiner letzten Archivaktionen stiess ich auf so etwas Sonderbares. Ich entdeckte unter den Stapeln von Protokollen, Briefen, Jahresrechnungen und Traktandenlisten einen kleinen Stapel: fünf Zentimeter hoch, zehn Zentimeter breit, fünfzehn tief. Es handelte sich um ein Register bestehend aus roten Registerkarten aus Karton, die viele Adresskarten nach Ortschaften sortieren. Ein Adressbuch also oder sogar das Mitgliederverzeichnis der christkatholischen Kirchgemeinde Zofingen, die seit den 1970ern bis 2019 existierte. Ich kann nicht genau sagen, wie alt dieses Buch ist, aber ich schätze die ältesten Einträge und beigefügten Unterlagen auf rund 40 Jahre oder etwas mehr. Ich kann die Einträge lesen, sofern die Handschrift einigermassen lesbar ist. Das fordert maximal etwas Geduld, aber ich brauche keinen Rechner, keine Software oder so, ich kann das Adressbuch einfach lesen und könnte das bei Tageslicht theoretisch sogar ohne Strom.

Am selben Tag entsorgte ich die Softwarepakete und Productkeys von Microsofts Office 23, damals noch eine Vollversion zum Download. Der Pfarramtsrechner und das neuste Betriebssystem können Office 23 nicht mehr. Im Paket dabei ein Productkey für „Acces“, ein Programm mit dem zum Beispiel Mitgliederverzeichnisse programmiert werden können – das heisst konnten. Microsoft setzt Acces in diesem Jahr ab. Es klingelt in meinem Hinterstübchen: irgendwo im digitalen Archiv haben wir noch ein älteres Mitgliederverzeichnis in Form einer Acces-Datenbank. In diesem Moment wird mir klar: diese Datenbank werde ich nie mehr lesen können, obwohl wir vor nicht ganz zehn Jahren noch damit gearbeitet haben. Um das in Zukunft zu schaffen müsste ich einen Rechner archivieren, der Acces schafft, den ich aber sonst zum Arbeiten nicht brauchen könnte oder ich müsste hilfe vom IT-Spezialisten haben. Zum Glück haben wir das ältere digitale Mitgliederverzeichnis vollständig ins neuere integriert. Aber trotzdem stimmt mich das nachdenklich.

Wieviel praktischer doch das Digitale gegenüber dem Analogen doch meistens gilt: klein, immer verfügbar und so weiter. Das gilt halt nur solange Hard- und Software zur Verfügung stehen oder die Daten in die neuen Formate übertragen werden. Halbwertszeit: fünf bis zehn Jahre maximal? Und das trotz des riesigen Aufwandes, der für die Digitalisierung betrieben werden muss. Da staune ich, wie ein einfaches Adressbuch den technologischen Fortschritt locker um Jahrzehnte überdauert, zugänglich bleibt für jeden, der lesen kann, ohne Update, ohne Jahresabo und alles, was die digitale Welt von uns verlangt, damit unsere Daten sicher nicht verloren gehen. Natürlich, das Adressbuch wurde sorgfältig aufbewahrt und ging weder durch Brand, Hochwasser oder Diebstal verloren. Aber es war einfach da, greifbar, lesbar, nicht besonders gross oder schön, nur schlicht und einfach da.

Pfarrer Lenz Kirchhofer