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Auf der Suche nach Mehr – eine biblische Betrachtung zur Fastenzeit

Giovanni Di Paolo Ecce Agnus Dei Google Art Project Rgb
Auf dem Gemälde von Giovanni di Paolo (1403–1482) steht Johannes der Täufer inmitten seiner Jünger und zeigt ihnen den, der kommen soll und stärker ist. Bild: ZVg

Fastenzeit – Gelegenheit, uns auf die Spurensuche zu begeben

«Was sucht ihr?» ist der erste Satz Jesu im Johannesevangelium.
Er richtet sich auch an uns, und erinnert uns an unsere eigene Sehnsucht nach «Mehr» – nach Sinn, Tiefe, Glück.

Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums werden wie in einer Opern- Ouvertüre die zentralen Themen des Evangeliums vorgestellt: Die besondere Verbindung Jesu zum Vater und die Fleischwerdung des Wortes (Joh 1,1–18), das Zeugnis Johannes´ des Täufers (Joh 1,19–34), die Suche und die Berufung der Jünger (Joh 1,35–51). In diesem letzten Abschnitt heisst es:

Am Tag darauf stand Johannes wieder dort, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heisst übersetzt: Meister –, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. (Joh 1,35–39)

Die Jünger hören das Wort des Täufers und machen sich auf den Weg. Sie gehen los, ohne genau zu wissen, wohin. In respektvollem Abstand, fast schüchtern, gehen die beiden hinter Jesus her, den sie ehrfürchtig «Rabbi» nennen. Irgendwann spürt Jesus, dass ihm jemand folgt, er wendet sich den Jüngern zu und fragt sie: «Was sucht ihr?»

Was sucht ihr?

«Was sucht ihr?» (griechisch tì zetêite) ist der erste Satz Jesu, der im Johannesevangelium überliefert ist. Jesus macht den Anfang mit der Begegnung. Er spricht die Frage aus, die jeder der Jünger in sich trägt: «Was ist es, wonach ihr auf der Suche seid?» Jesus fragt danach, was sie innerlich bewegt, er fragt nach ihrer Sehnsucht. Bei dieser Berufungsszene geht es um eine, vielleicht die Grundfrage, die auch wir uns irgendwann stellen oder die das Leben uns stellt: Was ist meine Sehnsucht? Wo gehöre ich hin? Was ist mein Weg? Wo ist mein Zuhause?

Johannes der Täufer hatte mit seiner Umkehrpredigt die Jünger hinreichend sensibilisiert für die Frage «Was ist wirklich wichtig?» und für ein Umdenken (metanoia) plädiert: Denkt um, kehrt um! Überdenkt euer bisheriges Leben, bleibt nicht stehen, hört nicht auf zu suchen! Lasst euch nicht verführen von Bequemlichkeit! Seid stets bereit zum Aufbruch, zur Veränderung!

Wo du wohnst

Nun sind sie also auf dem Weg hinter Jesus her. Der spricht sie mit einer Frage an, die sie überrascht. Entsprechend verduzt antworten sie mit einer Gegenfrage: «Rabbi, wo wohnst du?» Diese antwortende Frage oder fragende Antwort «wo du wohnst – wo wohnst du», die auf den ersten Blick so ungelenk daherkommt, zielt nicht nur auf den räumlich fassbaren Aufenthaltsort; es geht uns nicht nur darum – so scheinen die Jünger zu denken –, wo du körperlich zuhause bist; uns interessiert vor allem deine geistige Beheimatung, dein innerer Wohnort. Woher kommst du? Wovon lebst du? Wovon nährst du dich?
Kommt und seht!

Jesus scheint zu spüren, was die beiden Jünger auf dem Herzen haben, und geht ihnen mit seinem einladenden, offenen Appell regelrecht entgegen: «Kommt und seht!» Eine Einladung in Freiheit. Keine Erläuterung, keine moralische Belehrung, keine Bedingungen, keine Eintrittsbarrieren, kein Zwang. «Kommt und seht selbst!» ist eine Einladung zur Erkundung der Wohnung, des Standorts – dort wo man bleiben, wohin man gehen, wovon man ausgehen, worin man wurzeln kann. Einzige Voraussetzung: ein offenes Herz. Die Einladung Jesu «Kommt und seht!» ist auch an uns gerichtet. Sie ermutigt uns, unseren eigenen Wohnort zu erkunden.

Und sie sahen, wo er wohnte

Die Jünger sind mit Jesus mitgegangen und haben den Ort Jesu auch für sich selbst entdeckt. Sie haben eine Antwort auf ihre Frage gefunden: «Und sie sahen, wo er wohnte.» Was mag Jesus den Jüngern bei ihrer ersten Begegnung gesagt haben? Was mag es gewesen sein, was sie bei ihm bleiben liess, was sie zur Nachfolge veranlasste?

Obwohl uns das Evangelium nichts über den Inhalt des Gesprächs schildert, lässt es uns nicht im Ungewissen darüber, worum es zwischen Jesus und den Jüngern ging: Darum, wer Gott ist und wie er ist, und wie Jesus zu Gott steht, den er in einer für damalige Verhältnisse höchst merkwürdigen Weise «Vater» nennt. Und sie sahen, dass er beim Vater wohnt und er bei ihm, so eng verbunden, dass kein Blatt dazwischen passt: «Ich und der Vater sind eins» (Joh 10,30).

Durch die Begegnung mit Jesus erkennen die Jünger Gott als den liebenden und barmherzigen Vater, der sich den Menschen bedingungslos zuwendet, der ihnen ins Herz sieht, der ansprechbar ist wie ein barmherziger Vater und eine gütige Mutter. Jesus gibt den Jüngern Gott als den liebenden Vater zu erkennen, der immer bei uns ist. Gottes Liebe ist nicht ein Ziel, das erst verdient werden müsste, sondern der sichere Ausgangspunkt. Glauben bedeutet, sich in der Welt, in der wir leben, auf Gott zu verlassen, in ihm zu bleiben, in ihm seine Heimat, seine Wohnung zu finden.

Auf dem Weg nach Emmaus

Abendmahl in Emmaus, Detail des Hochaltars von Sieger Köder in der Kirche «Unsere Mutter der Sorrows» in Rosenberg, Deutschland. Foto: Shutterstock

In einer ähnlichen Struktur wie die Berufungsgeschichte des Johannes bewegt sich auch die Emmaus-Geschichte am Ende des Lukas-Evangeliums (Lk 24,13–35). Auf dem Weg nach Emmaus laden zwei Jünger einen Fremden zu sich nach Hause ein, der sich auf ihrem Weg zu ihnen gesellt hat. Der unbekannte Wanderer hört sich ihre Erfahrungen, ihren Schmerz und ihre Fragen an, er lässt sich alles erzählen und erzählt dann selbst das ganze biblische Geschehen, indem er ihre Erfahrung aufgreift und in seine Erzählung einbaut. «Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt» (Lk 24,29). Als der Fremde beim Abendessen mit ihnen zu Tisch sitzt und das Brot mit ihnen bricht, «gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn» (Lk 24,31). Beim Brotbrechen erkennen sie, wer Jesus ist, verstehen sie, wie er ist: nicht wie die nostalgische Erinnerung an ein vergangenes Ereignis, sondern wie die Gegenwart einer Vergangenheit, die Zukunft ist.

Wie die Emmaus-Jünger, so erkennen auch die beiden Jünger zu Beginn des Johannesevangeliums nach ihrem Besuch bei Jesus, wer er ist, wo er wohnt, und wie es ist, seine Bleibe bei ihm zu suchen. Wer auch immer einlädt, – im einen Fall ist es Jesus, im anderen die Jünger: In der Gemeinschaft hat sich stets eine innere Wandlung vollzogen. Das Mit-Gehen, das Gespräch, die Einladung, die Tischgemeinschaft und das gemeinsame Essen verheissen uns auch heute: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Mt 18,20).

Das Weite suchen

Erkenntnis, Umdenken (metanoia) und Verwandlung ereignen sich in diesen Augenblicken der Begegnung. Sie ermutigen die Jünger, also uns, loszugehen, weiterzugehen, aufzubrechen. Neben der Sehnsucht nach einem bleibenden Ort gehört der Aufbruchsgeist offensichtlich dazu; «Come» und «Go» sind die beiden Pole einer einzigen Wirklichkeit. Das Ziel braucht wohl nicht sofort erkannt zu werden, doch die Grundenergie muss stimmen, und die unstillbare Sehnsucht nach dem Gehen muss leben. Der brasilianische Erzbischof Dom Hélder Câmara (1909–1999) hat dies unter dem Titel «Aufbruch» in folgendes Gedicht gefasst:

Wenn dein Boot,
seit langem im Hafen vor Anker,
dir den Anschein
einer Behausung erweckt,
wenn dein Boot
Wurzeln zu schlagen beginnt
in der Unbeweglichkeit des Kais:
Suche das Weite.
Um jeden Preis müssen
die reiselustige Seele deines Bootes
und deine Pilgerseele
bewahrt bleiben.

Einen Standort finden, das Weite suchen – das Kirchenjahr gibt uns mit der 40-tägigen Fastenzeit reichlich Gelegenheit, uns auf Spurensuche zu begeben, auf eine «Suche nach Mehr»… Sucht unsere Seele das Weite, lässt sie zu, dass Gott sie «ins Weite» führt (vgl. Ps 18,20)?

Pfr. Theo Pindl