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Musik als Friedensbotschaft: Frieden beginnt im Zuhören

Christkatholisch Basler Madrigalisten C Carlo Stuppia
Die 16 Stimmen der Basler Madrigalisten spiegeln in ihrem Programm «Da pacem» verschiedene Facetten von Krieg und Frieden. Foto: Carlo Stuppia

Die Basler Madrigalisten machen im März hörbar, wie Komponisten ­Friedenssuche gestalten und weiterdenken. Ihr Dirigent Raphael Immoos über das Programm «Da pacem», indem sich Leid und Hoffnung Kriegs­betroffener epochenübergreifend begegnen.

Interview Anouk Hiedl

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zum vierten Mal. Am 7. März werden Sie mit den Basler Madrigalisten Francesco Hochs «ZET» in Bern uraufführen. Darin vertont der Komponist eine Aussage Wolodymyr Selenskis.
Raphael Immoos: Aktuell arbeitet Francesco Hoch am mehrteiligen Zyklus «I Resistenti». Mit «ZET» spielt er auf den Beginn des russischen Angriffs­krieges 2022 und die resistente Haltung Selenskis an. Joe Biden bot Selenski damals Asyl in den USA an, was dieser mutig ablehnte. Dieses Zitat liegt der Komposition zugrunde.

Wie haben Sie bei der Vorbereitung auf «ZET» reagiert?
Raphael Immoos: Ich frage mich immer, wie politisch darf Musik sein? Wir wissen nicht, wie sich Selenski in Zukunft verhalten wird. In Francesco Hochs Vertonung hört man auf Joe Bidens Nachfrage Selenskis stammelnde Worte «Ich bin hier – wir sind hier – immer noch». Es sind berührende, teils geflüsterte Worte; keine Knallerei leerer Worthülsen, sondern Ausdruck menschlicher Überforderung, Ratlosigkeit und doch eindrücklicher Entschlossenheit.

Ihr Programm «Da pacem» reicht von der Gregorianik bis zur Gegenwart. Was hat Sie nebst dem Leitthema zu genau dieser Werkauswahl bewegt?
«Da pacem Domine» ist ein alter gregorianischer Gesang aus dem frühen ersten Jahrhundert mit dem Wunsch nach Frieden. Doch wie geht Frieden, wie wird Frieden? Der lutherische Theologe Cornelius Becker prangerte im 16. Jahrhundert in einer freien Psalmübersetzung das Gehabe der Mächtigen an, die auf Recht und Ordnung pfeifen. Das kommt einem auch heute bekannt vor … In Heinrich Schütz’ Vertonung von 1628 erhielt diese Sicht des Psalms zusätzliche Brisanz. Während des Dreissigjährigen Kriegs wurde um Glaubensfragen und Grenzverschiebungen gekämpft. Dabei starben Schütz die Musiker weg.

«Seit vorgestern dieses Alarmgeschrei, diese weinenden Frauen und vor allem diese schreckliche Begeisterung der ­jungen Leute und aller Freunde, die gehen mussten und von denen ich nichts mehr höre. Ich halte es nicht mehr aus.
Der Albtraum ist zu schrecklich.
Ich glaube, ich werde jeden Moment ­verrückt oder verlöre meinen Verstand.
Ich habe noch nie so hart gearbeitet, mit solch wahnsinniger, heroischer Wut.»

Maurice Ravel, Februar 1915

In Ihren ausgewählten Werken kommen auch Betroffene zu Wort.
Ja, etwa die junge Frau, die in Maurice Ravels Lied «Trois beaux oiseaux du Paradis» den Verlust ihres Geliebten an der Front des Ersten Weltkriegs fürchtet. Während des Zweiten Weltkriegs schrieb Frank Martin im Auftrag des Schweizer Radios die Friedenskantate «In terra pax», woraus das «Notre Père» erklingen wird. Dasselbe Gebet singen wir auch in einer tschechischen Fassung von Leoš Janáček.

Benjamin Brittens «War Requiem» wurde 1962 zur Einweihung der wiederaufgebauten Kathe­drale von Coventry uraufgeführt. Diese Musik zeigt stille Trauer und gedenkt der Toten des Zweiten Weltkriegs. Sie werden Brittens 1938 komponiertes «Advance Democracy» zum Klingen bringen.
Genau, auch darin zeigt sich seine pazifistische Haltung. Es handelt sich um einen flammenden Appell für den Erhalt der Demokratie – ein Plädoyer gegen Machtmissbrauch und Diktatur. Heute, 88 Jahre später, sind wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Das muss zu denken geben. Einen dritten Weltkrieg dürfen wir nicht riskieren.

Macht der jeweilige Zeitgeist der Komponisten Unterschiede in ihrem Erleben von Krieg und Frieden deutlich?
Die ausgewählten Werke sind thematisch eng mit­einander verzahnt. Je nach Blickwinkel gehen die Komponisten aber anders vor. Auch das macht das Programm interessant. Allen aber wohnt der Wunsch nach Frieden, Erfüllung und einem sinnstiftenden ­Leben inne.

«Ich glaube nicht, dass ich (…) jemals irgendwelche Illusionen über die Art des Friedens hatte, der dem Ende des Krieges folgen würde. Aber dieser Mangel an ­Illusion konnte mich nicht an dem Versuch hindern, den Übergang von tiefster Verzweiflung zur Hoffnung auf eine leuchtende Zukunft auszudrücken».

Frank Martin, nach 1944

Mit den Basler Madrigalisten erinnern Sie epochenübergreifend an verschiedene Kriege. Inwiefern appellieren Sie mit diesen Konzerten für den Frieden?
Was bedeutet Frieden? Das sagt sich so schnell. Reicht es, dafür zu beten? Mit unserem Programm «Da pacem» möchten wir dazu ermutigen, eine klare Position einzunehmen und sich aktiv für den Frieden zu engagieren. Dafür singen und musizieren wir.

Erstpublikation: «pfarrblatt» Bern

Weitere Infos: www.basler-madrigalisten.ch

«Da pacem» – Stimmen des Friedens
in einer zerrissenen Welt

Nebst der gregorianischen Antiphon «Da pacem Domine» erklingen Chorwerke von Heinrich Schütz, Leoš Janáček, Maurice Ravel, Benjamin Britten, Knut Nystedt sowie der Schweizer Komponisten Frank Martin, Edward Staempfli, Heinz Holliger und Francesco Hoch.

Basler Madrigalisten
Tenor: Rolf Romei, Harfe: Vera Schnider,
Orgel: Martin Heini
Leitung: Raphael Immoos

Sa, 7. März, 19.30 Uhr:
Kirche Dreifaltigkeit, Bern. Eintritt frei – Kollekte
So, 8. März, 17 Uhr:
Kirche St. Katharinen, Horw. Eintritt frei – Kollekte
So, 15. März, 16 Uhr:
Basilika Kloster Mariastein. Tickets: https://eventfrog.ch oder Abendkasse