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Besuch bei der Philippinischen Unabhängigen Kirche – von der Kathedrale zur Wellblechkapelle

Christkatholisch Besuch Philippinische Kirche Adrian Suter
«Genau wie eine gute Tasse Kaffee: Unterschätze niemals etwas, das mit jugendlicher ­Energie gebraut wurde. Lass dein Leben der Geschmack sein, der inspiriert.» Fotos: zVg

«Ich bin nicht nur hier, um zu lehren, sondern auch, um zu lernen.» So habe ich mich in den theologischen Seminaren der Philippinischen Unabhängigen Kirche vorgestellt, als ich dort zu Vorträgen eingeladen war. Deswegen schreibe ich hier nicht über meine Vorträge, sondern über das, was ich gelernt habe.

Von Adrian Suter

Die Philippinischen Unabhängigen Kirche, oder in ihrer Selbstbezeichnung Iglesia Filipina Independiente, kurz IFI, gehört zu den nächsten Verwandten der christkatholischen Kirche. Sie steht in katholischer Tradition, ist von Rom unabhängig, wird bischöflich-synodal geleitet, hat verheiratete Geistliche und ordiniert seit etwa dreissig Jahren Frauen ins Priesteramt. Seit 2019 wird ein Bistum von einer Bischöfin geleitet (zugegeben: erst eines der über fünfzig Bistümer). Bei dieser Beschreibung der Kirche ist es leicht verständlich, dass sie seit 1965 mit den altkatholischen Kirchen in voller Kirchengemeinschaft steht.

Eine revolutionäre Kirche

Die IFI ist ein Kind des Unabhängigkeitskrieges. Die Philippinen standen jahrhundertelang unter spanischer Kolonialherrschaft. Sie sind deswegen das einzige asiatische Land, das grossmehrheitlich christlich, insbesondere römisch-katholisch ist. Als es 1896-98 zum Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialmacht kam, erstarkte auch in der philippinischen Kirche der Wunsch, dass die einheimischen Geistlichen nicht länger «Priester zweiter Klasse» hinter den spanischen sein sollten. Gregorio Aglipay, der Feldprediger der Revolutionstruppen, und Isabelo de los Reyes sen., ein politisch und gewerkschaftlich engagierter Laie, wurden zu den Gründervätern der IFI, die am 3. August 1902 ihre Unabhängigkeit proklamierte. Unser erster christkatholischer Bischof in der Schweiz, Eduard Herzog, las darüber in der Zeitung und nahm per Brief Kontakt mit Aglipay auf. Da ihm jedoch einige der theologischen Ansichten Aglipays merkwürdig vorkamen, und wohl auch aufgrund der grossen Distanz, ergab sich damals noch keine vertiefte Beziehung zwischen den Kirchen.

Die IFI blieb eine Minderheit: drei bis fünf Prozent der Bevölkerung gehören ihr an – doch bei einer Gesamtbevölkerung von 113 Millionen heisst das, dass sie etwa so gross ist wie alle Schweizer Kirchen zusammen. 1961 schloss sie Kirchengemeinschaft mit den Anglikanern, und zwar mit dem wörtlich gleichen Text, mit dem diese dreissig Jahre zuvor mit den altkatholischen Kirchen ihre Gemeinschaft vereinbarten. Nach dem Motto «der Freund meines Freundes ist auch mein Freund» schlossen 1965 auch die altkatholischen Kirchen ein Abkommen mit der IFI. Aber Kirchengemeinschaft pflegen über eine Distanz von 10’000 Kilometer ist schwierig. Deshalb bestand die Gemeinschaft jahrzehntelang hauptsächlich auf dem Papier. 1986 besuchte eine philippinische Delegation den Internationalen Altkatholikenkongress in Münster/Westfalen – im Archiv des Aglipay Central Theological Seminary in Urdaneta City bin ich auf Unterlagen dieses Kongresses und die Ansprache des philippinischen Bischofs Tito E. Pasco gestossen. Danach wurde die Beziehung stärker und die Begegnungen regelmässiger. Das christkatholische Hilfswerk Partner sein spielte dabei eine bedeutende Rolle, es unterstützt bis heute Projekte auf den Philippinen.

Seit 2013 besteht der Ramento-Lehrauftrag, benannt nach Bischof Alberto Ramento: Er hatte sich stark für die Bauern und Arbeiter eingesetzt, dabei auch die Ungerechtigkeit und Korruption der Regierung angeprangert, und fiel 2006 einem politischen Mord zum Opfer. Er wird als Märtyrer verehrt. Der nach ihm benannte Lehrauftrag führt jedes Jahr eine Theologin oder einen Theologen aus einer altkatholischen Kirche auf die Philippinen; ich durfte diesen Lehrauftrag nach 2023 zum zweiten Mal übernehmen.

Musik, Tanz und eine Talentshow

Vorträge halten folgt in den Seminaren der IFI einem etwas anderen Muster als bei uns in Europa. Vor dem eigentlichen Vortrag gibt es ein Gebet und, ganz wichtig, «Gemeinschaftsbildung»: Angeleitet von einer Gruppe Seminaristinnen und Seminaristen wird ein Lied gesungen, alle tanzen zu einer Choreographie – auch der europäische Gast, der versucht, sich nicht allzu hölzern zu bewegen. Dieser Einstieg sorgt für gute Laune, die mir immer wieder positiv aufgefallen ist.

Im Saint Paul’s Theological Seminary in Guimaras erlebe ich das jährliche Seminarfest mit. Es umfasst einen Festgottesdienst und mehrere Wettbewerbe. Die Seminaristinnen und Seminaristen haben ihre Acht-Personen-Schlafsäle dekoriert, der schönste gewinnt einen Preis. Dann gibt es eine Talentshow, wo sie im Duett singen, sich im Freizeitlook und im klerikalen Gewand präsentieren, einen spontanen Zweiminutenvortrag über ein christliches Symbol halten, und anderes mehr. Unverhofft werde ich in die Jury geholt und wirke auf diese Weise sogar bei der Wahl von Daina Rose zur Botschafterin des Seminars mit.

Das Seminarleben folgt klaren Regeln und einem verbindlichen Zeitplan, in beiden Seminaren. Der Lebensstandard ist einfach, besonders in Guimaras. Die Dusche ist ein Kessel, mit dem ich mir Wasser über den Kopf schütte. Ich als der Gast aus Europa habe das Privileg, jeden Morgen eine Thermoskanne mit heissem Wasser zu bekommen, mit dem ich mein Duschwasser temperieren kann. In Urdaneta ist der Lebensstandard höher, aber auch nicht luxuriös. Neben dem Studium sind die Seminaristinnen und Seminaristen auch für Sauberkeit und Ordnung auf dem Campus verantwortlich, kochen in der einfachen Küche selbst für die Seminargemeinschaft, helfen in den Kirchgemeinden der Region mit, und vieles mehr. Umso schöner ist, dass sie das alles gut gelaunt und mit lachenden Gesichtern tun.

Patriotisch und missionarisch

Der Wahlspruch der IFI lautet «pro Deo et patria», also «für Gott und Vaterland». Die Menschen sind stark verwurzelt im Glauben, die Gottesdienste sind gut besucht. Liturgische Dienste – Ministrieren, Lesen, Kirchenopfer einsammeln etc. – sind eine Ehre, alle der vielen Beteiligten kennen jeden Handgriff genau.

Der Patriotismus äussert sich unter anderem darin, dass sich in der Kirche eine Nationalflagge befindet, die bei wichtigen Gottesdiensten am Ende zum Gesang der philippinischen Nationalhymne geschwungen wird. Es ist aber kein Patriotismus, der die Regierung stützt, im Gegenteil: Die IFI hat ihre revolutionären Wurzeln behalten und steht auf der Seite des einfachen Volkes, nicht des Establishments. Die Kirche versteht ihren Patriotismus so, dass sie aus Liebe zum Vaterland die Regierung kritisieren muss, vor allem wegen der weit verbreiteten Korruption. Sie setzt sich aber auch dafür ein, dass die einfache Bevölkerung nicht ausgenutzt wird. Bergbau, der die internationalen Konzerne reich und die Landbevölkerung arm macht, ist ein wichtiges Thema. Ich habe einen Gottesdienst miterlebt, in dem es um Solidarität mit diesen Menschen ging.

Die IFI ist aber nicht nur patriotisch, sondern auch missionarisch – für unsere Ohren fast noch das grössere Reizwort. Es geht ganz klar darum, Menschen für den Glauben zu gewinnen, und man hat damit Erfolg: Vor vierzig Jahren gab es 250 Kirchgemeinden, heute sind es 640. Und eine Kirchgemeinde besteht in der Regel nicht nur aus einer Pfarrkirche, sondern umfasst auch mehrere Aussenstationen. Neue Gemeinden entstehen einerseits, indem diese Aussenstationen wachsen und bei Erreichen einer gewissen Grösse zu selbständigen Kirchgemeinden werden. Andererseits versucht die IFI in Regionen Fuss zu fassen, wo sie nicht oder nicht mehr präsent ist. Eine wichtige Zielgruppe der Mission sind Menschen, deren Familie früher der IFI angehörte, die sich aber von der Kirche entfernt haben.

Mission ist für die IFI ein durch und durch positives Geschehen. Sie funktioniert nicht durch naive Frömmeleien, auch nicht durch Einschüchterung und Einreden eines schlechten Gewissens und schon gar nicht durch Anbiederung. Sie geschieht vielmehr dadurch, dass die IFI-Geistlichen selbst den Glauben mit Überzeugung leben und verkünden. Sie feiern den Gottesdienst in der traditionellen Form und haben Erfolg damit. Sie reden über ihren Glauben und haben Erfolg damit. Sie sind für die Menschen da, und die Menschen danken es ihnen.

Kirchen in der Hauptstadt und in der Provinz

Ich war in einigen Kirchen im Gottesdienst: In der Nationalkathedrale in Manila, in der Seminarkapelle in Guimaras, in der Pfarrkirche von Urdaneta, die auf dem Campus des Seminars steht, und in einer Aussenstation der Kirchgemeinde Urdaneta, einer Kapelle, die wenig mehr als eine Wellblechhütte ist.

Die alten Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit sind allesamt römisch-katholisch. In den Gotteshäusern der IFI herrscht eine Architektur vor, die die eigene philippinische Tradition aufnimmt. Ungewohnt für uns ist das Nebeneinander von geschmückten Altären und Plastik-Gartenstühlen. Vielen der Heiligenstatuen würden wir das Prädikat «kitschig» geben, aber dort sind sie durchaus stimmig.

Die Nationalkathedrale in Manila ist gross und repräsentativ. In den Altarbildern der Seitenaltäre ist die revolutionäre und arbeiterfreundliche Haltung der IFI aufgegriffen: Eines der Altarbilder zeigt Josef, den Zimmermann, wie er Jesus das Handwerk beibringt. Das andere zeigt Maria und Santo Niño, das heilige Kind, in philippinischer Nationalkleidung. Der Legende nach hat eine solche Marienerscheinung in der Revolutionszeit einer Gruppe von Geistlichen eine Warnung gebracht und sie so vor der Verhaftung gerettet. Hier habe ich auch erlebt, wie am Ende des Gottesdienstes die erstmaligen Besucherinnen und Besucher der Kathedrale nach vorne gebeten wurden und sich vorstellen durften.

Aber Gott wird nicht nur in der Nationalkathedrale verehrt, sondern auch in der Wellblechkapelle im Dorf. Hier habe ich erlebt, wir vier Seminaristen den Gottesdienst gestaltet haben. Einer hat mit der Gitarre vier Mädchen von etwa zehn Jahren begleitet, die den Chor gebildet haben. Ein anderer hat nach dem Gottesdienst mit den Ministrantinnen und Ministranten eine Unterrichtsstunde abgehalten. Ich besuchte mit zwei anderen Seminaristen eine Familie in der Nähe für eine kleine Hausandacht, bevor wir zur Kapelle zurückgingen, wo wir im Freien mit der ganzen Gottesdienstgemeinde zu Mittag gegessen haben.

Die wichtigste Einsicht

Im Aglipay Central Theological Seminary war ich zweieinhalb Wochen. Angenehm war, dass meine Anwesenheit je länger, desto selbstverständlicher wurde und sich das Programm nicht hauptsächlich um mich drehte. Ich bin anderen Gästen begegnet, die das Seminar besucht haben: dem Obispo Maximo (Metropoliten) der IFI, dem Hauptbischof der (anglikanischen) Episkopalkirche der Philippinen, einer Delegation der anglikanischen Kirche von Melanesien, der Dekanin des Saint Andrews Theological Seminarys, dem ich danach spontan auch noch einen Besuch abstattete. Und nicht zuletzt fiel mein Aufenthalt in die Zeit, wo auch ein Studienaustausch von vier Seminaristinnen und Seminaristen stattfand. So gab es viele Gelegenheiten für mich, inner- und ausserhalb des Klassenzimmers Begegnungen und Gespräche zu führen.

Meine wichtigste Einsicht, die ich mitnehme? Schwer zu sagen – vielleicht die: Eine Kirche, die genau den gleichen Glauben und das gleiche Kirchenverständnis wie wir vertritt, kann Erfolg haben. Und zwar nicht, indem sie sich verbiegt und anbiedert, sondern indem sie gemäss ihrer Überzeugung lebt.