«Das Tessin ist wie eine grosse Stadt.» – Vanessa Giudici: Brückenschlag zwischen Italien und dem Tessin
Wer sagt, er wohne im Tessin, bringt damit eine Lebenshaltung zum Ausdruck: geprägt von Gastfreundschaft und Vielschichtigkeit, offen für unterschiedliche Weltanschauungen, Glaubensrichtungen, politische Haltungen, Sprachen, gutes Essen, Trinken und inspirierende Gespräche. Das Tessin ist für viele wie ein Spiegel der Seele.
Interview Niklas Raggenbass
Vanessa, du bist in Italien aufgewachsen, lebst im Tessin, sprichst viele Sprachen und kennst unterschiedliche Kulturen und Menschen. Sag, wo bist du daheim?
Ich habe die Vorstellung, dass wir auf dieser Welt Orte haben, die uns gehören – und dass wir Verantwortung dafür tragen, sie zu schützen. Ich bin in der Nähe von Lugano, in einem kleinen Dorf am Luganersee in Italien geboren. Heimat war für mich am Anfang das, was ich gesehen habe. Meine Lieblingsstadt war immer Lugano, und die Schweiz empfinde ich in meinem Herzen als Heimat.
Du arbeitest im Tourismus und «verkaufst» das Tessin?
Meine Liebe zu meiner Heimat hat mir geholfen, im Tessin im Tourismus zu arbeiten. Ja, ich bin sozusagen die Person, die das Tessin «verkauft» – und ich kann das, weil ich hier wirklich lebe.
Seit wann lebst du im Tessin?
Seit über zehn Jahren. Ich habe hier auch studiert und meine Spezialisierung im Marketing in der Deutschschweiz gemacht. Die Prüfungen waren in Luzern im KKL und in Basel. Schon zu Beginn meiner Karriere spielten Marketing, Kommunikation und Tourismus eine wichtige Rolle. Es war immer diese Richtung, für die ich mich einsetzen wollte.

Vanessa Giudici: «Das Tessin ist eine Mischung aus Schweizer Effizienz und mediterranem Flair – genau das macht es einzigartig.»
Foto: Jakob Ineichen
Was ist das Besondere dieses Kantons?
Ich sage immer zuerst: Das Tessin ist eine gute Mischung aus Schweiz und mediterranem Flair. Wir sind der einzige Kanton, in dem – zusammen mit einem Teil Graubündens – Italienisch wirklich die Hauptsprache ist. Das mediterrane Klima verbindet sich mit schweizerischer Effizienz und Tessiner Gastfreundschaft.
Und welche Rolle spielt die Küche?
Da kommt vieles zusammen. Die Küche ist stark von Italien beeinflusst – zum Glück. Ausserdem haben wir sehr guten Wein, der natürlich nicht fehlen darf. Die Tessiner Gastronomie spielt eine grosse Rolle, und es gibt Touristen, die extra deswegen zu uns kommen.
Spielen auch Verkehrsmittel eine Rolle?
Ja. Der neue Basistunnel und die Verbindung zwischen Sopraceneri und Sottoceneri sind sehr wichtig. Der Ceneri ist ein kleiner Berg und trennt Nord und Süd. Dank der neuen Zugverbindung ist die Distanz heute viel einfacher zu überwinden. Ich wohne in Lugano und arbeite mindestens vier Tage pro Woche in Bellinzona. Jeden Tag fahre ich etwa 15 Minuten mit dem Zug zwischen Sopraceneri und Sottoceneri.
Ist das wirklich so nah?
Wenn ich das Tessin präsentiere, sage ich immer: Das Tessin ist wie eine grosse Stadt. Man kommt in etwa einer halben Stunde von A nach B. Man kann in Locarno zu Mittag essen, am Nachmittag in Lugano spazieren und am Abend in Bellinzona essen gehen.

Vanessa Giudici: «Heimat ist für mich nicht nur ein Ort, sondern etwas, das wir schützen und bewahren müssen.»
Foto: Jakob Ineichen
Kann diese Nähe auch Probleme schaffen?
Ja, ein wenig. Die Distanz zwischen Sopraceneri und Sottoceneri ist sehr klein – wie bei Nachbarn. Diese Nähe kann auch Unsicherheit auslösen. Ich nenne das die «Verdi-Sache»: eine metaphorische Grenze. Wir sind gleich, aber trotzdem möchte jeder für sich bleiben – frei nach der Oper Rigoletto.
Hat sich das Verhältnis zwischen Sopraceneri und Sottoceneri verbessert?
Ja, vor allem für junge Menschen. Die Distanzen spielen kaum noch eine Rolle. Neue Mobilität und soziale Medien erleichtern Kontakte und Begegnungen.
Wie erlebst du den Unterschied zwischen Stadt und Land?
Ich habe eine Kollegin im Maggiatal. Sie ist sehr offen und engagiert sich stark für ihr Dorf. Sie hat ein tiefes Gefühl für das Tal. Vielleicht gibt ihr das Sicherheit und Mut. Gleichzeitig kenne ich Menschen in Lugano, wo alles moderner ist, die aber konservativer sind als Leute in den Tälern.

Vanessa Giudici: «Im Tessin bist du in einer halben Stunde überall – wie in einer einzigen grossen Stadt.»
Foto: Jakob Ineichen
Gibt es auch neue Lebensformen?
Ja. Ich habe Freunde, die keine Familie wollen, und andere, die sich bewusst dafür entscheiden. Früher war das oft eine Pflicht. Heute haben wir mehr Freiheit, unsere Lebensform und unseren Beruf selbst zu wählen. Wir können Entscheidungen treffen, unabhängig von unseren Eltern.
Was fällt dir sprachlich im Tessin auf?
Es gibt Ausdrücke, die man nur auf Italienisch sagen kann und die sehr schwer zu übersetzen sind. Vor allem in den Tälern gibt es auch eigene Dialekte. In der Regel spricht man zuerst Italienisch und dann Dialekt. Dieser Dialekt wird auch von Menschen in Norditalien verstanden – die Unterschiede sind nicht gross.
Hast du ein Beispiel?
Ja. Wir sagen zum Beispiel «Tipp-Ex» für Korrekturmittel oder «Bilux» für Autoscheinwerfer. Für günstige Angebote sagen wir «actione». In der Schweiz sieht man das oft bei Grossverteilern. Im Italienischen existiert dieses Wort so aber nicht. Dort bedeutet «azione» etwas anderes. Es war lustig, als ich in Italien nach «actione» fragte – die Verkäuferin hat mich nur erstaunt angeschaut.
Du sprichst sehr gut Deutsch. Wo hast du das gelernt?
Im Lyceum in Como und an anderen Orten. Ich habe mehrere Sprachen gelernt, aber Deutsch besonders vertieft, weil ich mich in diese Sprache verliebt habe.
Wie sagt man «christkatholisch» auf Italienisch?
Cattolica cristiana.
Und wie bist du zur christkatholischen Kirche gekommen?
In Italien ist die römisch-katholische Kirche sehr stark. Ich wusste lange nicht, dass es die christkatholische Kirche gibt. Vor etwa fünf bis sechs Jahren habe ich online einen Artikel entdeckt. Das war eine sehr positive Überraschung. Danach habe ich einen Gottesdienst besucht.

Vanessa Giudici: «‹Condivisione› heisst: gemeinsam teilen und daraus etwas Neues entstehen lassen.»
Foto: Jakob Ineichen
Allein?
Ja, und das ist nicht immer einfach. Aber ich habe eine sehr positive Erfahrung gemacht. Viele Menschen haben etwas beigetragen: Gesang, Texte, Gedanken. Es war sehr vielfältig und berührend. Am Ende wurde ich herzlich willkommen geheissen: «Siete sempre benvenute».
Wo trefft ihr euch zum Gottesdienst?
Einmal im Monat in der anglikanischen Kirche in Lugano, nahe beim Bahnhof. Danach bleiben wir oft noch zusammen zum «Chilekaffi» Wir nennen das «Merenda». Sie findet nach dem Gottesdienst statt, der gegen 18 Uhr endet, oft als liebevoll vorbereiteter Apéro.
Was können wir Deutschschweizer von euch lernen?
Gastfreundschaft und Austausch. Wir nennen das «Condivisione» – gemeinsam teilen. Daraus entsteht etwas Neues. Es ist eine Win-win-Situation. Jeder Mensch ist eine eigene Welt. Wichtig ist, Geduld zu haben und einander Raum zu geben.
Was wünschst du dir für die kommende Session der Nationalsynode?
Dieses Jahr findet die Session bei uns in Lugano statt. Wir werden gemeinsam etwas organisieren. Ich wünsche mir, dass wir ins Gespräch kommen und einander besser verstehen – echte «Condivisione».
Lebensstationen
Vanessa Giudici wurde am 25. März 1986 in Como geboren. Sie studierte Linguistik und interkulturelle Mediation und hat anschliessend die eidgenössische Prüfung zur Marketingfachfrau erfolgreich abgeschlossen.
Sie lebt in Lugano und ist seit 2023 Sales & Marketing Managerin beim «Ticino Convention Bureau», dem offiziellen Kompetenzzentrum für Geschäftstourismus im Tessin. Als Mitglied der christkatholischen Kirchgemeinde in Lugano engagiert sie sich dort, wo Hilfe gebraucht wird.