Stimme aus dem Tessin: Der Tod muss bekämpft werden, nicht zugefügt
In seinem eindringlichen Werk «Die Nacht» schrieb Elie Wiesel, Schriftsteller, Philosoph und Überlebender von Auschwitz: «Hinter mir hörte ich einen Mann fragen: «Wo ist Gott? Wo ist er?» – Und ich hörte in mir eine Stimme antworten: «Wo er ist? Hier ist er – er hängt dort, an diesem Galgen…»
Von Elisabetta Tisi
Nun ist im Staat Israel von einer «selektiven Todesstrafe» für Terroristen die Rede, die in der Praxis jedoch nur auf Palästinenser angewendet wird. Wir stehen damit vor einer Macht, die nicht aufgrund einer Straftat, sondern aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit des Täters entscheidet, wer lebenswürdig ist. Die christlichen Gemeinschaften in Israel und in den besetzten Gebieten bezahlen, ebenso wie die Muslime, die «Schuld», nicht jüdisch zu sein: In Israel und in den besetzten Gebieten ist ein Katholik, ein Orthodoxer, ein Armenier oder ein Muslim in erster Linie ein Palästinenser. Und als solcher wird er von der Regierung behandelt.
Im Alten Israel galt: Ein Sanhedrin, ein Richter des Hohen Rates, der während seiner Amtszeit auch nur eine einzige Person zum Tod verurteilt, wird als Mörder bezeichnet. Nicht weil es illegal gewesen wäre, sondern weil man wusste, dass das Nehmen von Leben immer eine Niederlage für die Gerechtigkeit, für die Menschlichkeit und für Gott ist, wenn wir an Gott glauben. Auch Jesus wurde von einem System getötet, das zugleich ein rechtliches, ein religiöses und ein politisches war. Machen wir uns nicht vor, es seien bloss böse Einzelpersonen gewesen – Jesus wurde von einer Ordnung getötet, die sich für gerecht hielt.
In Erinnerung an Karfreitag und an Ostern entlarvt Jesu Tod jeden Anspruch auf irgendeine Form von Gerechtigkeit, welche als Argument für die Auslöschung eines Menschen vorgebracht werden könnte. Und seine Auferstehung ist nicht etwa ein Trost: Sie ist eine Widerlegung, eine Erklärung, dass das Leben immer das letzte Wort über Macht und Angst hat.
Deshalb kann sich eine christliche Gemeinschaft nicht gelassen und ruhig zurückziehen; sie kann nicht einfach nur beten. Sie kann nicht «in Frieden leben», während anderen ihr elementarstes Recht vorenthalten wird: das Recht, überhaupt zu leben. Wenn wir als Christinnen und Christen nicht aktiv, immer und für alle auf der Seite des Lebens stehen, dann landen wir, auch ohne es zu wollen, auf der Seite derer, welche entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss.
Ein lebendiger Glaube stört. Und er fordert uns auf, eine persönliche Entscheidung zu treffen: für das Leben. Uns dafür zu entscheiden, die eigene Stimme (laut!) zu erheben. Zu den verschiedenen Situationen humanitären Unrechts in der Welt klar Stellung zu nehmen durch internationale Appelle, durch finanzielle Unterstützung von NGOs, durch die Unterstützung von Kräften, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Und nicht nur mit Blick auf den eigenen Geldbeutel.
Apropos Geldbeutel: Es ist beschämend, dass sich ganz Europa bei der Verabschiedung der UN-Resolution zur Verurteilung der transatlantischen Sklaverei der Stimme enthalten hat und sich damit weigerte, die Sklaverei als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen aufgrund ihres Ausmasses, ihrer jahrhundertelangen Dauer und ihres systemischen Charakters – eine Stimmenthaltung, die durch die Angst motiviert war, Entschädigungen zahlen zu müssen, nachdem wir uns so lange auf Kosten der Ausgebeuteten bereichert haben. Unser Schweigen zu all diesen Situationen verrät das Evangelium.