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Die Krönung und die Kirche

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König Charles spricht vor Vertretern der Religions­gemeinschaften bei seinem ersten Commonwealth Day-Gottesdienst in Westminster Abbey, London. Foto: Picture Partnership.

Welche Bedeutung hat King Charles III für die Kirche von England?

Wie sich Seine Majestät König Charles III innerlich auf die bevorstehende Krönung vorbereitet, ist nicht bekannt. Sicher hat er genügend Zeit gehabt, sich dazu Gedanken zu machen. Nachdem seine Mutter, Königin Elisabeth II, mit 70 Jahren und 214 Tagen die längste Herrschaft in der britischen Geschichte innehatte, wird König Charles III zum Zeitpunkt der Krönung am Samstag, 6. Mai 2023, mit seinen 74 Jahren älter als jeder britische Monarch vor ihm sein.

Bei der Krönung in Westminster Abbey wird der neue Souverän einen Eid ablegen und versprechen, nach dem Gesetz zu regieren, Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit auszuüben und die Kirche von England zu erhalten. Welche Bedeutung hat der britischer Monarch überhaupt noch für die Kirche von England? Im 21. Jahrhundert ist diese Rolle eher zeremoniell und symbolisch. Zum Verständnis dieser Rolle trägt ein Blick ins 16. Jahrhundert bei. Im Jahr 1558 bezeichnete sich Königin Elisabeth I nicht mehr als Supreme Head. Diese Position hatte zuvor Heinrich VIII beansprucht, nachdem es einen Bruch mit dem Papst gab. Die Position des Supreme Head für Heinrich VIII wurde durch ein Gesetz des Parlaments in 1534 bestätigt. Elisabeth I definierte ihre Rolle als Supreme Governor (oberster Gouverneurin). Damit betonte sie, dass die Monarchie die Verantwortung für die Kirche trägt, aber das Haupt der Kirche Jesus Christus ist. Königin Elisabeth II nahm die Rolle als Supreme Governor der Kirche von England ernst. In ihren späteren Jahren sprach die Königin zunehmend öffentlich von ihrem religiösen Glauben und ihrer Hingabe und berief sich in einer ihrer jährlichen Weihnachtsbotschaft, die immer um 15:00 Uhr am Weihnachtstag weltweit ausgestrahlt wird, auf ihre «persönliche Rechenschaftspflicht vor Gott».

Zu den vielen Titeln und Aufgaben, die König Charles von seiner Mutter übernimmt, gehört der Titel «Verteidiger des Glaubens». Dieser Titel wurde Heinrich VIII von Papst Leo X im 1521 verliehen, damals auf Latein: «Fidei Defensor». Nach dem Bruch Englands mit Rom wurde der Titel von den britischen Monarchen beibehalten. Britische Münzen werden weiterhin mit diesem Titel geprägt. Neu wird es auf jeder Münze zu sehen sein: «CHARLES III · D · G · REX · F · D» – die Abkürzung für «Charles III Dei Gratia Rex Fidei Defensor» (von Gottes Gnaden König, Verteidiger des Glaubens).

Beschützer von Religionen

Spannend ist wie König Charles seine Aufgabe versteht, «Verteidiger des Glaubens» zu sein. Ian Bradley, emeritierter Professor für Kultur- und Geistesgeschichte an der University of St Andrews, Schottland, und Autor von «God Save The Queen: The Spiritual Dimension of Monarchy» sagt, dass Charles den Glauben und die Hingabe seiner Mutter teilt, obwohl es einen etwas anderen Ton hat – vielleicht eher hochkirchlich, mit einer besonderen Affinität und einem besonderen Interesse für das östliche, orthodoxe Christentum. Der neue König hat auch grosses Interesse an nichtchristlichen Glaubensrichtungen gezeigt, insbesondere an Islam und Judentum. 1994 löste Charles eine Kontroverse aus, als er sagte, er würde eher ein «Defender of Faiths» (Verteidiger der Glaubensrichtungen) als ein Verteidiger des einen Glaubens sein. Es sei sein Wunsch, die religiöse Vielfalt Grossbritanniens zu widerspiegeln.

Die englische Krone. Foto: Shutterstock

2015 stellte Charles seine Position in einem Interview klar. Für ihn ist die Glaubensfreiheit sehr wichtig, wie auch der Einbezug aller Glaubensrichtungen. Er glaubt, dass es möglich sei, Verteidiger des Glaubens zu sein und gleichzeitig Beschützer von Religionen. Er wies darauf hin, dass die Königin einmal sagte, ihre Rolle bestehe darin, «den Anglikanismus nicht unter Ausschluss anderer Religionen zu verteidigen, sondern stattdessen habe die Kirche von England die Pflicht, die freie Ausübung aller Glaubensrichtungen in diesem Land zu schützen.»

Starke Symbole

Für Diarmaid MacCulloch, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford, wird König Charles die Rolle des Verteidigers des Glaubens zwar überdenken, sie aber in Wirklichkeit ähnlich wie seine Mutter ausüben. Sie war sich sehr bewusst, dass sie einer multikulturellen Gesellschaft vorsteht. Ian Bradley betont: «Eine der bedeutendsten Errungenschaften von Königin Elisabeth II im spirituellen Bereich bestand darin, die interreligiöse Gesellschaft anzunehmen, zu der Grossbritannien während ihrer Herrschaft wurde, ohne ihr eigenes christliches Engagement aufzugeben. Das war ein Aspekt ihrer grundsätzlichen Offenheit und Toleranz.»

Die Krönung in der Westminster Abbey am 6. Mai 2023 wird ein zutiefst religiöser Anlass sein. Die Zeremonie wurzelt in einer Tradition, die ins Jahr 972 zurückgeht – die Krönung von König Edgar durch den Heiligen Dunstan. Unter einem Baldachin aus goldenem Stoff werden König Charles III und Königin Camilla vom Erzbischof von Canterbury mit heiligem Öl gesalbt, gesegnet und geweiht. Der Erzbischof von Canterbury Justin Welby ist das geistliche Oberhaupt der Kirche von England. In einer Zeremonie in Jerusalem haben zwei Bischöfe in der Grabeskirche das heilige Öl gesegnet, mit dem König Charles III zur Krönung am 6. Mai gesalbt werden soll. Die Zeremonie wurde vom griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos III. und dem anglikanischen Erzbischof der Stadt, Hosam Naoum, geleitet.

Das spezielle Chrisamöl wurde mit Sesam, Rose, Jasmin, Zimt, Neroli, Benzoe, Amberöl und Orangenblüten parfümiert. Das Öl, nun in einem silbernen Flakon aufbewahrt, stammt vom Ölberg am Rande der Jerusalemer Altstadt. Das Rezept für dieses Öl wird laut Buckingham Palast «seit Hunderten von Jahren» benutzt, so auch bei der Krönung von Elizabeth II im Jahr 1953. Die Oliven dafür wurden auf dem Ölberg geerntet, der in der Bibel eine prominente Rolle spielt. Von den Königen der Antike bis zum heutigen Tag wurden die Monarchen mit Öl von diesem heiligen Ort gesalbt. Justin Welby, Erzbischof von Canterbury erklärte, dass zeige die «tiefe historische Verbindung zwischen der Krönung, der Bibel und dem Heiligen Land». Mit dem Öl unterstreicht Charles aber auch die Verbindung seiner Familie zum Nahen Osten. Seine Grossmutter väterlicherseits, Prinzessin Alice von Griechenland, ist im Kloster Maria Magdalena auf dem Ölberg begraben. Aus diesem Klostergarten stammen die Oliven für das Öl.

Das Krönungsemblem – Wenn Sie im kommenden Jahr das Vereinigte Königreich besuchen, werden Sie das Emblem auf allen Souvenirs finden, von Teekannen bis Regenschirmen. Es soll die Liebe des Königs zur Natur betonen und zeigt die Flora der vier Nationen (die Rose für England, die Distel für Schottland, die Osterglocke für Wales und das Kleeblatt für Nord­irland), in der Form der St. Edward’s Krone. Diese wird für die Krönung der britischen Monarchen seit dem 13. Jahrhundert verwendet.

Die Kirche sieht eine Chance

Die Kirche von England sieht die Krönung als eine Chance für das Zusammenkommen des ganzen Landes. Unter dem Titel «Celebrating Community, Faith and Service – the Coronation with the Church of England», schrieben der Erzbischof von Canterbury und Stephen Cottrell, Erzbischof von York: «Die Krönung wird ein historischer Moment im Leben unserer Nation sein, eine Zeit zum Nachdenken über unsere Geschichte, eine Zeit unsere Identität zu Feiern, um gleichzeitig in die Zukunft zu blicken. Im Mittelpunkt steht ein christlicher Gottesdienst, in dem Seine Majestät zum König gesalbt wird. Wir beten, dass dies ein Moment für die Nation und für viele Menschen auf der ganzen Welt sein möge, der Person von Jesus Christus, dem dienenden König, zu begegnen und seinen Ruf an jeden und jede von uns, anderen zu dienen».

In vielen Kathedralen und Kirchen wird am 6. Mai in Grossbritannien ein Public Viewing der Krönung angeboten. Für Sonntag, 7. Mai, gibt es die Initia­tive «The Coronation Big Lunch», die die Menschen draussen in ihren Vierteln für ein gemeinsames Mittagessen zusammenbringen soll. Auch die anglikanische Kirche St. Andrew’s in Zürich bietet nach dem Gottesdienst am 7. Mai so ein Mittagessen an. Am Montag, 8. Mai, erhält die Bevölkerung einen zusätzlichen freien Tag, der unter dem Titel «Big help out» dazu benutzt werden soll, die grosse Tradi­tion der Freiwilligenarbeit in Grossbritannien zu feiern und neue Leute dafür zu gewinnen.

Lars Simpson