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Die Zukunft des Christentums: Ökumenisch oder gar nicht

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Von Links: Prof. Dr. Nicola Ottiger, Leiterin Ökumenisches ­Institut Luzern; Heinrich Bedford-Strohm, Landes­bischof der evang.-lutheran. Kirche Bayerns; Dr. Adrian Suter, Christkatholischer Pfarrer in der Kirchgemeinde Luzern. Foto: M. D. Zemp

Prof. Nicola Ottiger über die Zukunft der christlichen Kirchen

Eigentlich ist die Sache klar: Seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten sind sich die christlichen Kirchen einig, dass es die Ökumene braucht. Kein anderer Weg führt uns als Christinnen und Christen in die Zukunft. Auf diesem Weg gibt es unschätzbar positive Entwicklungen, aber auch Stolpersteine und Phasen, die nach Stillstand, sogar nach Rückschritt aussehen. Doch die «Einheit der Kirche», wie das Ziel theologisch heisst, deren Form aber noch niemand kennt, ist kein beliebiges Anliegen.

«Dass sie alle eins seien»

(Joh. 17,21)

Der Grund für ökumenische Annäherung und Zusammenarbeit liegt in Jesus Christus selbst. Um seine Bitte, überliefert vom Abend vor seinem Tod, dass seine Jünger und Jüngerinnen eins seien (Johannesevangelium 17,21), kommt niemand herum. Die Bibel bezeugt weitere Worte und Mahnungen, in welchen es um dieses Einssein geht. Und immer sind sie verbunden mit der Überzeugung, dass es der Heilige Geist selbst ist, der die Vielfalt untereinander sowie auch die Einheit schafft. So sind die Spaltungen und Trennungen unter den Christinnen und Christen als ein grosses Versäumnis, ja eine Schuld gegenüber dem Willen Christi zu verstehen.

Kein «Nebenthema»

Wo stehen wir in der Ökumene? Entdecken wir nicht nur die Mahnung, sondern vor allem die Chance und Notwendigkeit, unser Christsein gemeinsam zu leben? Bei uns sind es heute – Gott sei Dank! – keine kämpferischen konfessionellen Auseinandersetzungen mehr, welche die Schweiz über Jahrhunderte belasteten. Auch eine unverhohlene Ablehnung ist seit Jahren der ernsthaften Bereitschaft gewichen, sich anzunähern und zusammenzuarbeiten. Gerade für sogenannte «Mischehen» – heute spricht man besser von konfessionsverbindenden Ehen und Familien – war und ist dies ein Segen.

Die Situation, in der sich die Ökumene heute befindet, ist trotzdem komplex. Viele kritische Zeitgenossen fragen, ob es Kirche überhaupt noch brauche? Dass es immer noch verschiedene Kirchen gibt – und man nicht längst zusammengefunden hat –, wirkt unverständlich. «Warum sind die da nicht weiter?!» Auf der anderen Seite führen Unbeweglichkeit und Verlustängste angesichts schwindender Mitgliederzahlen hüben wie drüben dazu, dass die Ökumene ein «Nebenthema» bleibt. Die eigene Kirche genügt scheinbar, und die Begegnung mit den anderen bleibt eine schöne, im Zweifelsfall auch verzichtbare «additional option», wie es der frühere anglikanische Erzbischof Desmond Tutu bezeichnete und kritisierte. Haben wir uns vielleicht doch zu gemütlich eingerichtet in einer friedlichen Koexistenz?

Im Dienst des Friedens

Dass es an vielen Orten an Frieden fehlt, und dass es mit dem Frieden auch rasch wieder vorbei sein kann, weiss, wer mit offenen Augen und vor allem Herzen in die Welt hinausblickt. Kirche und Welt sind weit entfernt von einer «Einheit», die allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht. Und darum geht es tatsächlich auch: Es ist die zentrale Aufgabe der Kirchen, das Reich Gottes in der Welt zu verkündigen. Deshalb werden sie immer danach befragt werden müssen, wie sie sich selbst verhalten, und wie sie ihre gesellschaftliche Verantwortung für das grössere Ganze wahrnehmen. Die Aufgabe, eine «Einheit in Vielfalt» zu suchen und zu leben, betrifft die Kirchen untereinander wie ihre Aufgabe mit Blick auf eine «Einheit der Welt». Wie nötig dies ist und wie weit wir vom erklärten Ziel noch entfernt sind, macht seit 2021 der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, religiös legitimiert von Patriarch Kyrill, dem Oberhaupt der russisch-ortho­doxen Kirche, mehr als schmerzhaft deutlich. Es handelt sich um eine menschliche Katastrophe, aber eben auch um eine Katastrophe für die Kirchen und die Ökumene.

Grossartige und visionäre «Charta Oecumenica»

Die Kirchen Europas haben 2001 die grossartige und visionäre «Charta Oecumenica» verfasst und sich darin verpflichtet, an einer noch grösseren Ökumene zu arbeiten, aber explizit auch, als Kirchen das gesellschaftliche und politische Zusammenwachsen Europas zu unterstützen. Was als positive Vision für das 3. Jahrtausend gedacht und gut auf den Weg gebracht worden war: Ist es heute hinfällig? Nein, es zeigt sich nur überdeutlich, dass Ökumene nicht überholt und keinesfalls verzichtbar ist. Im Gegenteil ist Ökumene eine Aufgabe, die im Kleinen und Grossen, das heisst vor Ort wie weltweit, immer stattfinden muss. Es ist zweifellos so, dass ein intensiveres ökumenisches Engagement, trotz oft mühseligem Mehraufwand, trotz einer wiederkehrenden Mischung aus Erfolgen und Enttäuschungen und trotz eigener (Verlust-)Ängste immer ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Ökumene als Lernprozess «in Echtzeit»

Ökumene entstammt dem Auferstehungsgeist Christi. Und sie ist nötig zur gegenseitigen Unterstützung der Christinnen und Christen, wie auch zur Förderung eines friedvollen und gerechten Zusammenlebens der ganzen Menschheitsfamilie. Als solche leiden wir unter Kriegen, unter der Klimakrise und vielen weiteren Krisen, die niemand in Abrede stellen kann. Ökumene ist seit gut hundertfünfzig Jahren ein Prozess, der als Erfahrungs- und Entwicklungsraum «in Echtzeit» verstanden werden kann. Ökumene ist mehr als einfach nur eine Theorie des guten Zusammenlebens. Die Erfahrungen und Errungenschaften ökumenischer Gespräche auf Weltebene sowie vor Ort können und sollen anderen gesellschaftlichen Prozessen dienen. Dass die Kirchen der Botschaft des Evangeliums verpflichtet sind, und keinen wirtschaftlichen Interessen, macht sie zur unverzichtbaren Stimme im Dienst von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dass Ökumene in diesem Sinne nicht «nur» die christlichen Konfessionen betrifft, sondern im Sinne einer «grossen Ökumene» auch den Dialog und die Zusammenarbeit mit den anderen Religionsgemeinschaften sowie einer säkularen Gesellschaft, versteht sich von selbst.

Woran die Ökumene messen?

Das Engagement der christlichen Kirchen für die genannten Aufgaben ist heute schon gross. Wahrgenommen werden die Kirchen in der Öffentlichkeit aber oft aufgrund negativer Ereignisse. Im Moment sind es der grosse und berechtigte Aufschrei und Schmerz über die Gewaltverbrechen sexueller wie spiritueller Art in der römisch-katholischen Kirche, deren Vertuschung sowie systemische Probleme, die zu Recht angeprangert werden. Das Leid der Betroffenen, die existenziellen Tragödien sind unsagbar. Gleichzeitig wird das Ansehen von Kirche überhaupt, und damit auch von anderen Kirchen, in Mitleidenschaft gezogen. Die römisch-katholische Kirche ist noch lange nicht von ihrem Klerikalismus befreit, und die Hoffnung auf eine echte Transformation in nützlicher Frist ist klein. Auch davon ist die Ökumene betroffen.

Mehr miteinander wagen!

Hat Ökumene eine Chance? Die Gegenfrage, was denn die Alternative zur Ökumene wäre – die Alternative zu Kirche überhaupt! –, ist ernst gemeint.Mit Blick auf die Botschaft Jesu Christi gibt es keine. Hoffnung und Gewissheit gehen dahin, dass ein verstärktes ökumenisches Engagement nur zum Guten führen kann. Immer. Das Lernen, von- und miteinander, bleibt zentral, genau wie das gemeinsame Beten und Gottesdienst feiern. Wir tun es viel zu wenig, oft nur am Dank-, Buss- und Bettag oder in der Woche der Einheit jeweils im Januar. Es gäbe und gibt noch so viel mehr Ideen. Auch die «Charta Oecumenica» mit ihren vielen Vorschlägen, die der kreativen Umsetzung harren, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Es ist doch so, dass wir alle «arm», und das heisst schwach, langweilig und uninspiriert bleiben ohne einander. Und dies schadet, darin sind die Kirchen sich einig, dem Wirken des dreieinen Gottes, der Botschaft Jesu Christi und einem Leben aus dem Heiligen Geist.

Mit der Frische des Geistes vorangehen

Stattdessen könnten wir die Frische des Heiligen Geistes – der sowieso genuin «ökumenisch» ist – nutzen und uns noch mehr aufeinander einlassen. Nicht nur, aber auch, weil uns eine grosse gesellschaftliche Mehrheit spiegelt, dass wir ohne einander als Christinnen und Christen keine Zukunft haben.

Prof. Dr. Nicola Ottiger
Universität Luzern

Charta Oecumenica
Leitlinien für die wachsende ­Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa.
Verabschiedet vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen und von der Konferenz Europäischer Kirchen am 22. April 2001.

Die Charta Oecumenica zum download:
https://agck.ch/charta-oecumenica/