«Bete zur Muttergottes.» – Von der dualen Gottesbeziehung zur universellen Geschwisterlichkeit
In einer Welt, die sich immer tiefer in virtuelle Räume flüchtet, verliert der Mensch das Gespür für das Wesentliche: die Liebe, die Verbundenheit und den Glauben als gelebte Haltung. Gott wird zum Werkzeug des Ichs – dabei liegt seine wahre Gegenwart jenseits jeder Selbstbezogenheit.
Von Paolo Rossi
Kurz vor meiner Operation riet mir meine Mutter, eine 96-Jährige mit entwaffnender Integrität, sanft: «Bete zur Muttergottes.» Es war eine liebevolle Aufforderung, eine Geste aufrichtiger Fürsorge. Und doch konnte ich in meinem Herzen dieser Aufforderung nicht folgen. Nicht etwa, weil ich meiner Mutter widersprechen wollte. Sondern weil ich nicht glaube, dass Gott oder die Religion ein Supermarkt sind, auf den wir zurückgreifen können, wenn wir etwas brauchen, um unserer menschlichen Schwäche abzuhelfen.
Der Vergleich ist zwar gewagt. Aber es scheint mir ähnlich wie Gott anzurufen, um Kriege zu rechtfertigen oder Gebiete zu beanspruchen, um Ungläubige zu diskriminieren oder um diejenigen zu verurteilen, die nicht ins Schema einer lustfeindlichen und parteiischen Moral passen, welche aus der rückständigen Auslegung der Heiligen Schrift entstanden ist. Solange wir Gott in einer dualistischen Beziehung sehen und mit dem eigenen Ich verbinden, wird dieser zum Instrument unserer Wünsche oder Ängste und nur für unsere Zwecke instrumentalisiert. Aber Gott ist nicht das.
Wenn das Ich grösser wird als der Glaube
Gott ist Liebe, Geschwisterlichkeit, Harmonie. Er ist eine Stimme, die zu unserem Herzen spricht, wenn wir uns von den Überstrukturen befreien können, die uns unser Menschsein auferlegt. Aber hier offenbart sich ein Widerspruch: In der digitalen Gesellschaft, die in eine virtuelle Welt eingetaucht ist, sollte es eigentlich einfach sein, das Wesen Gottes zu verstehen, der über das Ich hinausgeht. Doch das Gegenteil geschieht: Anstatt zum Wesentlichen zu führen, verstärkt die Digitalisierung die menschlichen Ängste.
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