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Eine ernüchternde Antwort aus Rom

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Stellungnahme des Dikasteriums für die Glaubenslehre zum Internationalen Römisch-katholisch – Altkatholischen Dialog

Die ökumenischen Beziehungen zwischen der christkatholischen und der römisch-katholischen Kirche sind durch die Geschichte der Trennung belastet. Umso erfreulicher ist, dass die Inter­nationale Römisch-katholisch – Altkatholische Dialog­kommis­sion (IRAD) über viele Streitfragen eine Verständigung erzielen konnte. Ihre beiden Berichte 2009 und 2016 gaben Anlass zu Hoffnung. Jetzt ist darauf die – leider sehr ernüchternde – Antwort aus dem Vatikan eingetroffen.

Begrüssung von Papst Franziskus und Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs, Dr. Heinz Lederleitner anlässlich seines Besuches in Rom im Januar 2023.

«Kirche und Kirchgengemeinschaft» – diesen Titel tragen die beiden Berichte zum internationalen römisch-katholisch – altkatholischen Dialog. In sorgfältiger ökumenischer Diskussion hatte die Dialogkommission ein gemeinsames Verständnis davon entworfen, wie Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen funktioniert, wie Kirchen miteinander in Gemeinschaft stehen und welche Rolle in einer weltweiten Gemeinschaft von Kirchen dem Papst zukommt.
In ihrem Bericht war die IRAD zum Schluss gekommen, dass römisch-katholische und altkatholische Kirche ein gemeinsames katholisches Grundverständnis haben und die Unterschiede weniger Gewicht hätten. Die Differenzen seien eine Art «Familienzwist» zwischen Verwandten. Man könne in Zukunft eine Kirchengemeinschaft eingehen und die verbleibenden Differenzen als legitime Meinungsverschiedenheiten innerhalb der gleichen Familie betrachten.

Rezeption ökumenischer Dialoge

Die Entscheidung über Kirchengemeinschaft fällt aber nicht eine Kommission, sondern die beteiligten Kirchen. Man nennt diesen Vorgang «Rezeption». Die christkatholische Nationalsynode hatte sich bereits vor einiger Zeit positiv zum Dialog und seinen Ergebnissen geäussert. Eine Reaktion aus dem Vatikan stand aber bisher noch aus. Jetzt ist sie gekommen: Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat je einen Kommentar zu den IRAD-Dokumenten von 2009 und 2016 geschrieben. Das Dikasterium für die Glaubenslehre, deren Präfekt Kardinal Müller 2012 bis 2017 war, hat sich die beiden Kommentare «zu eigen gemacht und am 3. Januar 2023 die Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben», wie Kardinal Kurt Koch an Bernd Wallet, den Erzbischof von Utrecht schreibt.
Kardinal Müller würdigt die Annäherung, die im Dialog erzielt wurde, als «wichtigen Teilerfolg». Den Überlegungen zum Kirchenverständnis, zur Rolle des Papstes und zu den Mariendogmen kann er positive Seiten abgewinnen. Auch im Zölibat sieht er keinen Trennungsgrund. Er ist sogar bereit, römisch-katholischen Priestern, die zum Altkatholizismus konvertierten, «in einem einmaligen Akt der Versöhnung und Heiligung eine Anerkennung ihres weiteren Dienstes in den Kirchen der spezifisch altkatholischen Tradition» zu gestatten. Dies gilt aber nur in Bezug auf die Vergangenheit: «Zukünftig können aber katholische Priester mit dem Zölibatsversprechen nicht mehr in eine Diözese mit altkatholischer Prägung wechseln, nur um zu heiraten.»

Frauenordination als Einheitshindernis?

Trotzdem erteilt Kardinal Müller einer möglichen Kirchengemeinschaft eine klare Absage: «Das gegenwärtig schwierigste Problem, das eine volle Gemeinschaft verhindert, ist die sakramentale Weihe von Frauen in den meisten altkatholischen Kirchen. Hier handelt es sich nicht nur um eine unterschiedliche Interpretation eines gemeinsamen Glaubensgegenstands, sondern um das Faktum eines Eingriffs in die Substanz des Weihesakraments». Nur eine Abkehr der altkatholischen Kirchen von dieser Weihepraxis kann für Kardinal Müller zu einer Kirchengemeinschaft führen: «Die Kirchengemeinschaft mit der altkatholischen Kirche setzt… voraus, dass die Ungültigkeit dieser Frauenordination erklärt und in Zukunft von der Weihe von Frauen zum sakramentalen Amt abgesehen wird und man damit zur gemeinsamen Tradition aller katholisch geprägten Kirchen zurückkehrt.»
Entspräche man Kardinal Müllers Bedingung, hätte das zudem zur Folge, dass auch die bisherigen christ- und altkatholischen Diakoninnen und Priesterinnen ihr Amt niederlegen müssten: Ihre Weihen würden ja für ungültig erklärt. Es ist klar, dass eine solche Bedingung aus christkatholischer Sicht inakzeptabel ist. Dies hat Bischof Harald Rein in einem Interview mit kath.ch unmissverständlich bekräftigt: «Selbstverständlich werden wir weiter Frauen zu Diakoninnen und zu Priesterinnen weihen und hoffentlich bald auch zu Bischöfinnen.»

Unfehlbarkeit durch die Hintertür

Die Problematik sitzt allerdings tiefer. Dies wird deutlich, wenn wir Kardinal Müllers Begründung lesen: «Diese Entscheidung über die Substanz des Weihesakraments kommt allein dem höchsten Lehramt des Papstes und der Bischöfe in Einheit mit ihm zu.» Er ist also nicht nur der Ansicht, die christkatholische Entscheidung zur Frauenordination sei falsch gewesen. Er meint auch, die christkatholische Kirche hätte gar nicht die Kompetenz gehabt, einen solchen Beschluss überhaupt zu fassen.
Kardinal Müller verweist auf das Apostolische Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994. Darin hatte der Papst festgehalten, «dass die Kirche in keiner Weise die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass diese Sentenz von allen Gläubigen definitiv festzuhalten ist». Kardinal Müller ist der Ansicht, dies sei eine endgültige Entscheidung des Papstes, hinter die seine Kirche nicht zurück könne. Genau dies ist aber auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche und Theologie umstritten.

Das Apostolische Schreiben von 1994 ist kein Ex-cathedra-Beschluss, also keine Entscheidung, für die der Papst jene Unfehlbarkeit beansprucht, die ihm 1870 das Erste Vatikanische Konzil zugesprochen hatte. Wenn nun aber Kardinal Müller die Ablehnung der Frauenordination als definitiv und unabänderlich ansieht, dann bekommt diese Entscheidung den gleichen Status wie ein Ex-cathedra-Beschluss. Anders gesagt: Es wirkt, wie wenn die Unfehlbarkeit des Papstes, einer der Hauptgründe für den altkatholischen Protest in den 1870er Jahren, «durch die Hintertür» zum Tragen kommt, obwohl «Ordination sacerdotalis» die Kriterien für eine solche Entscheidung nicht erfüllt.

Persönliche Betroffenheit

Die Stellungnahme von Kardinal Müller und des Dikasteriums ist nicht nur theologisch problematisch, sondern auch auf der persönlichen Ebene: Unsere geweihten Frauen mögen es mit unterschiedlicher persönlicher Betroffenheit aufnehmen, wenn ihre Amtsausübung als Hindernis für eine kirchliche Gemeinschaft dargestellt wird – taktvoll ist eine solche Aussage aber keinesfalls. Auch für die Ökumenikerinnen und Ökumeniker beider Kirchen ist es schwer verdaulich, ihre differenzierten Bemühungen um eine gemeinsame Sichtweise durch einen Federstrich aus Rom entwertet sehen. Dies betrifft nicht nur das Thema Frauenordination: Von Anfang bis Ende erweckt die Stellungnahme von Kardinal Müller den Eindruck, er würde das in den IRAD-Berichten gemeinsam erarbeitete Kirchenverständnis nicht mittragen, sondern allein das traditionelle Verständnis des römisch-katholischen Lehramtes gelten lassen und als allgemeinverbindlich ansehen.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch, wie unterschiedlich der Rezeptionsprozess in den beiden Kirchen abläuft: Auf altkatholischer Seite äussern sich Synoden zum Bericht, es kommen in der Rezeption unterschiedliche Stimmen zum Tragen; auf römisch-katholischer Seite hingegen ist allein die Stellungnahme des Vatikans relevant.

Wie geht es weiter?

Wie aber ist unsere christkatholische Haltung zur Kirchengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche? Es gab den Vorschlag, mit gleicher Münze heimzuzahlen: Gemeinschaft gibt es nur, wenn die römisch-katholische Kirche damit beginnt, Frauen ins Priesteramt zu weihen.

Nun wäre eine solche Zulassung von Frauen zum Weiheamt in der römisch-katholischen Kirche aus christkatholischer Sicht ein höchst erfreulicher Schritt, aber keineswegs eine Voraussetzung für kirchliche Gemeinschaft: Die christkatholische Kirche hat sich stets auf den Standpunkt gestellt, in dieser Frage anderen Kirchen keine Vorschriften zu machen, wie sie sich selbst auch keine Vorschriften machen lässt. Die christkatholische Kirche ist und bleibt in Gemeinschaft mit der Polnisch-katholischen Kirche in Polen, und genauso mit acht anglikanischen Kirchenprovinzen, die alle keine Frauen zum geweihten Amt zulassen.

Aus christkatholischer Perspektive sehe ich nicht die Unterschiede bei der Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt das Haupthindernis für eine Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche. Stein des Anstosses ist vielmehr der ungebrochene Anspruch Roms, alleine und doch allgemeinverbindlich zu entscheiden. Die Dialogkommission hat in den IRAD-Berichten gemeinsam ein Modell und Kriterien vorgelegt, nach denen eine kirchliche Gemeinschaft zwischen römisch-­katholischer und altkatholischer Kirche möglich wäre. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Dikasterium für die Glaubenslehre ausschliesslich seine eigenen Kriterien gelten lässt. Im ökumenischen Miteinander ist diese Haltung ein Problem.
Wie es weiter geht, scheint im Moment offen. Die Beziehungen werden natürlich nicht abgebrochen, es wird weiterhin Gespräche auf unterschiedlichen Ebenen geben, aber die Hoffnungen der Dialogkommission haben sich nicht erfüllt.

Die Stellungnahme ist bisher «nur» eine des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Das lässt die Tür für die Zukunft zumindest einen Spalt breit offen. Denn immerhin gilt im römisch-katholischen System: Solange es keine Entscheidung des Papstes gibt, ist es nicht endgültig. Dies macht Hoffnung für die Zukunft, unterstreicht aber gleichzeitig das Problem. Denn genau gegen diese Konzentration der Verantwortung in der Hand eines einzelnen hatte sich die christkatholische Gründergeneration im 19. Jahrhundert gewehrt. Für mich zeigt die Stellungnahme zu den IRAD-Berichten, dass es weiterhin nötig ist, sich für die christkatholische Position stark zu machen.

Adrian Suter
Pfr. Dr. Adrian Suter ist Co-Präsident der Christkatholisch – Römisch-­katholischen Gesprächskommission der Schweiz. Diese Gesprächskommission hatte im Auftrag der internationalen Kommission das Kapitel über die ­Mariendogmen für den zweiten IRAD-Bericht entworfen.