Zwischen Trauer und Hoffnung: Eindrücke von der Gedenkzeremonie aus Martigny
Als die Schweiz in stiller Trauer innehielt, wurde in Martigny spürbar, wie nah Schmerz, Hoffnung und Glaube beieinanderliegen. Die nationale Gedenkfeier für die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana wurde zu einem Moment der gemeinsamen Verletzlichkeit – und zu einer eindrücklichen Erfahrung dafür, wie Trost, Solidarität und Zuversicht selbst im Angesicht des Unfassbaren wachsen können.
Von Bischof Frank Bangerter
Es gibt Momente in der Geschichte eines Landes, in denen die Zeit nicht einfach nur vergeht, sondern förmlich stillzustehen scheint. Momente, in denen die vertrauten Rhythmen unseres Alltags – das Läuten der Kirchenglocken am Morgen, das geschäftige Treiben in den Gassen unserer Städte und das vertraute Rauschen des Verkehrs – plötzlich wie aus einer fernen, fremden Zeit wirken. Die Brandkatastrophe von Crans-Montana war eine solche Zäsur, ein Ereignis, das die Schweiz bis ins Mark erschüttert hat.
Als ich mich am 9. Januar auf den Weg nach Martigny machte, um unsere christkatholische Kirche bei der nationalen Gedenkzeremonie für die Opfer zu vertreten, spürte ich diesen Stillstand körperlich. Es war, als hätte sich ein unsichtbarer Schleier über unser gesamtes Land gelegt – ein Schleier, gewebt aus Asche, aus bitteren Tränen und einer tiefen Sprachlosigkeit, die bis in die tiefsten Poren unserer Gesellschaft drang. Schon bei der Ankunft in Martigny lag etwas unbeschreiblich Schweres in der Luft; ein Schleier der Trauer, der nicht nur über diesem Ort im Wallis, sondern über der ganzen Schweiz zu liegen schien.
Ein Mensch unter Menschen
In der grossen Halle des CERM in Martigny angekommen, war die Stille fast greifbar, obwohl beinahe tausend Menschen dort versammelt waren. In solchen Momenten treten das Amt und die Würde in den Hintergrund. Auch mich hat das Geschehen sehr erfasst; ich war tief berührt und ich sass dort nicht nur als offizieller Vertreter unserer Kirche.
Ich sass dort als ein Mensch unter Menschen, dessen Herz schwer war vor Mitgefühl mit jenen Müttern, Vätern und Freunden in der ersten Reihe, deren unermessliches Leid uns alle im Raum erschütterte. Ich fühlte mich gelähmt von einer Hilflosigkeit, die uns alle in diesem Raum vereinte. Wir waren eine Gemeinschaft in Trauer, zusammengekommen, um der Toten zu gedenken, den Verletzten nahe zu sein und den Angehörigen den Raum zu geben, den ihr Schmerz beanspruchte.
Doch diese Gemeinschaft beschränkte sich nicht nur auf jene im Saal. In der Schweigeminute um 14 Uhr stand gefühlt das ganze Land still. Züge hupten in den Bahnhöfen, Glocken erklangen in allen Kantonen, und das öffentliche Leben machte Halt. Die Schweiz war in diesem Moment eine einzige, grosse Trauergemeinde. Es wurde spürbar: Wir tragen diese Last nicht allein. Da waren Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprachen, Generationen, Religionen und Konfessionen, die dennoch alle durch das verbunden waren, was uns im Kern ausmacht: die tiefe Verletzlichkeit des Lebens.
Die Botschaft der Jugend
Inmitten dieser Starre und der quälenden Frage, wie man einem Schmerz begegnet, der jede theologische Erklärung im Keim zu ersticken droht, geschah etwas Unerwartetes. Was mich in diesen schweren Stunden am tiefsten berührt hat, war die Kraft der Jugend. Wir sprechen in der Kirche und in der Gesellschaft oft über die „fragile Welt“, in der die junge Generation aufwachsen muss. Doch in Martigny waren es ausgerechnet drei Jugendliche – Maria, Solal und Aline –, die uns allen den Weg aus der Erstarrung zeigten.
Diese jungen Menschen hatten selbst die Apokalypse jener Silvesternacht miterlebt. Sie sprachen nicht aus einer sicheren, theologischen Distanz zu uns, sondern aus der unmittelbaren Nähe des Erlebten, direkt aus ihrer eigenen Ohnmacht heraus. Und gerade deshalb waren ihre Worte so unermesslich kraftvoll. Als Aline mit den bekannten Worten von Cicley Saunders an das erinnerte, was jetzt zählt:
«Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen, aber wir können den Tagen mehr Leben hinzufügen.»
…da ging ein Zittern durch die gesamte Versammlung. Es war kein billiger Trost, keine hohle Phrase, sondern ein trotziges, fast schon heiliges Bekenntnis zum Leben, mitten im Angesicht des Todes. Dass diese Jugendlichen uns anderen Mut zusprachen und uns baten, nicht in der Trauer zu versinken, sondern für eine bessere Welt zu kämpfen, war ein Moment reiner Gnade. In ihrer Verletzlichkeit lag eine Stärke, die mich zutiefst beschämt und zugleich ermutigt hat. Sie machten Mut, ohne das Leid zu verharmlosen. Vielleicht ist genau dies eine der wichtigsten geistlichen Aufgaben in solchen Momenten: Hoffnung nicht statt der Trauer zu setzen, sondern mitten in ihr aufkeimen zu lassen.
Eine Frage, die bleibt
Natürlich bleibt die quälende Frage nach dem „Warum“ im Raum stehen. Warum musste dieses Feuer so viele Träume vernichten? Warum so viel Leid? Wenn Erklärungen hohl klingen und das „Warum“ keine Antwort findet, ist es wichtig, diese Hilflosigkeit nicht zu überspielen. Ich habe keine Antwort darauf, die das Herz sofort zur Ruhe bringen könnte.
Doch während der Klänge von Johann Sebastian Bach, die Beatrice Berrut so feinfühlig auf dem Piano intonierte, spürte ich eine Gewissheit: Gott ist nicht der ferne Regisseur, der dieses Drama grausam zugelassen hat. Als Christinnen und Christen glauben wir nicht an einen Gott, der Leid einfach nur erklärt oder rechtfertigt. Wir glauben an einen Gott, der sich dem Leid nicht entzieht.
Gott war mitten im Geschehen. Er war in den Händen der Feuerwehrleute und Rettungskräfte, die unter Einsatz ihres Lebens in die Flammen gingen – jene Männer und Frauen, die unter grossem Applaus in die Halle einzogen. Gott war in der Umarmung der Wildfremden, die sich gegenseitig stützten. Er leidet mit uns. Er ist die leise Stimme, die uns in der tiefsten Nacht zuflüstert: „Du bist nicht allein“. Gottvertrauen bedeutet in solchen Stunden nicht, fertige Erklärungen zu haben, sondern die Hand Gottes in der Dunkelheit zu suchen – und sie oft ganz konkret in der Hand des Nächsten zu finden.
Auch Jesus selbst hat am Kreuz geschrien: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott hält dieses Ringen aus. Er ist in Jesus Christus selbst durch Tod und Verlassenheit gegangen und bleibt denen nahe, die heute durch das Dunkel gehen. Das nimmt das Leid nicht weg, aber es verändert die Perspektive: Wir sind nicht allein, auch dort nicht, wo wir keinen Sinn mehr erkennen können.
Symbol der Hoffnung und des Handelns
Schon zu Beginn der Feier fiel mir ein stilles, aber übermächtiges Zeichen auf: Auf jedem einzelnen Stuhl lag eine weisse Rose. Ein Symbol der Reinheit, des Abschieds, aber auch der Hoffnung. Viele hielten diese Rose während der gesamten Feier fest in ihren Händen; sie wurde fast zu einem Gebet ohne Worte. Sie war leicht und zerbrechlich wie das Leben selbst, und doch voller Bedeutung.
Als wir diese Rosen am Ende niederlegten – für die Verstorbenen, für die Verletzten und für alle, deren Leben sich in jener Nacht für immer verändert hat –, wurde mir klar: Unser Gedenken darf nicht in Martigny enden. In diesem gemeinsamen Tun lag etwas Tröstliches: Wir konnten das Geschehene nicht rückgängig machen, aber wir konnten da sein. Zusammen. Mit leeren Händen, aber nicht ohne Geste.
Der Schleier der Trauer darf uns nicht dauerhaft lähmen; er muss sich nun verwandeln in einen Mantel der Fürsorge. Die Hilfe, die wir als Kirche und als Gesellschaft nun leisten müssen, braucht zwei Flügel: das Gebet und die Tat. Wenn wir unsere Hände zum Gebet falten, tun wir das nicht, um vor der Welt zu flüchten, sondern um Kraft zu sammeln. Das Gebet ist der Ort, an dem wir unsere Ohnmacht ablegen können, damit unsere Hände wieder frei werden zum Handeln.
Den Glauben „anfassbar“ machen
Wahres Christsein bewährt sich jetzt in der konkreten Diakonie. Wir sind gerufen, dort zu helfen, wo durch die Katastrophe Lücken gerissen wurden. Diakonisches Handeln ist eine Form des Gebets mit den Händen. Das kann die finanzielle Unterstützung für die Verletzten sein, die oft vor dem Ruin ihrer Existenz stehen. Aber es ist vor allem die „Diakonie der Nähe“: den Hinterbliebenen zuzuhören, auch wenn sie zum hundertsten Mal dieselbe Geschichte erzählen müssen, um das Unbegreifliche zu verarbeiten.
Es bedeutet, ihnen Brot zu bringen, wenn sie selbst keine Kraft zum Einkaufen haben, oder mit den eigenen Händen dort zuzupacken, wo Hilfe gebraucht wird. Unsere Kirche soll ein Ort sein, an dem die Trauer Raum hat, aber auch ein Ort, an dem Hoffnung ganz praktisch „angefasst“ werden kann. Jede kleine Geste zählt, wie es die Jugendlichen treffend formuliert haben. Oft zeigt sich der Glaube gerade in schweren Zeiten nicht in grossen theologischen Abhandlungen, sondern in stillen, treuen Handlungen.
Der unbesiegbare Sommer
Staatsratspräsident Mathias Reynard zitierte einen Gedanken, der mich noch lange begleiten wird: Er sprach davon, dass wir gemeinsam in einen „unbesiegbaren Sommer“ voranschreiten werden. Für uns Christen ist dieser Sommer das Licht der Auferstehung. Der Winter der Trauer in Crans-Montana ist bitterkalt, und wir müssen diesen Frost gemeinsam aushalten. Doch wir tun es als Menschen, die wissen, dass der Frühling kommen wird – nicht, weil wir das Leid vergessen, sondern weil die Liebe letztlich stärker ist als der Tod.
Die Katastrophe hat viele Grenzen weggefegt – geografische, politische und religiöse. In der Trauer standen wir zusammen, und ich wünsche mir, dass wir als Kirche diesen Geist des Zusammenhalts bewahren. Dass wir einander stützen, gerade wenn der Alltag zurückkehrt und die Trauer leiser, aber nicht weniger real wird. Die Gedenkzeremonie in Martigny habe ich nicht als Abschluss erlebt, sondern als ein Innehalten. Es war ein Moment, in dem wir alle fühlen konnten: Wir sind getragen – voneinander und von Gott.
Die Worte „Wir werden euch nie vergessen“ hörte ich an diesem Tag mehrfach. Für mich ist das weit mehr als eine freundliche Geste; es ist ein Versprechen, das wir im Alltag einlösen müssen. Denn solange wir uns erinnern, bleibt die Liebe lebendig – und die Liebe hört niemals auf. Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig stützen und den Mut der jungen Menschen weitertragen: füreinander und für das Leben einzustehen. Gott lässt uns dabei nicht allein. Er ist uns ganz nah – in unseren Tränen genauso wie in jeder Hand, die zupackt und hilft.
Gebet für die Tage nach Martigny
Guter Gott,
Wir kommen zu dir mit schweren Herzen. Noch spüren wir die Rose in unseren Händen – ein Zeichen der Liebe, die über den Tod hinausgeht.
Wir bringen dir die Verstorbenen von Crans-Montana. Nimm sie auf in dein ewiges Licht, wo kein Schmerz und kein Feuer mehr ist.
Wir bringen dir die Verletzten, die an Leib und Seele gezeichnet sind. Schenke ihnen die Kraft für jeden neuen Tag und Menschen, die ihre Wunden heilen helfen.
Wir bringen dir die Angehörigen. Sei du ihnen der feste Fels, wenn der Boden unter ihren Füssen nachgibt.
Segne unsere Hände, damit sie nicht leer bleiben. Verwandle unser Innehalten in tätige Nächstenliebe. Lass uns nicht verzweifeln an der Dunkelheit dieser Welt, sondern lass uns füreinander zum Licht werden.
Denn du bist der Gott, der uns auch im tiefsten Schatten niemals loslässt.
Amen.