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Geflügelte Worte: «Auf Herz und Nieren prüfen»

Christkatholisch Gefluegelte Worte Auf Herz Und Nieren Cmyk
«Vor dem Gott, der ‹auf Herz und Nieren prüft›, ist meine Existenz ganz offen und klar.» Foto: Alamy

In unserer Gegenwart bedeutet «Auf Herz und Nieren prüfen», jemanden oder etwas aufrichtig und gründlich zu hinterfragen. Es geht darum, das Wesent­liche, die eigentliche Natur einer Sache oder Person zu erfassen.

Von Michael Bangert

Wenn die Personalchefin einen Kandidaten akribisch «unter die Lupe nimmt», also seine Fähigkeiten, Leistungen, Umgangsformen und Zeugnisse einem eingehenden und genauen Check unterzieht, dann wird dieser Vorgang oft mit der Redewendung «Sie prüft ihn auf Herz und Nieren» umschrieben. Und selbst wenn ein Auto – obwohl es keine inneren Organe hat – bei der Motorfahrzeugkontrolle genau inspiziert wird, kommt die Redensart zum Einsatz: «Sie haben meinen Opel auf ‹Herz und Nieren› geprüft und festgestellt, dass ein Reifen kein Profil mehr hat.»

Den Ursprung auch dieses «Geflügelten Wortes» finden wir in der hebräischen Bibel. Die Wendung «auf Herz und Nieren prüfen» hat ihre Wurzel eben nicht in einem Handbuch für innere Medizin oder in einer Anleitung für Notfallsanitäter. Die Herkunft finden wir im Buch der Psalmen. Der 7. Psalm ist mit «Klagelied Davids» überschrieben. Diese Klage soll David angestimmt haben, als ein Bote ihm die Nachricht vom Tod seines Sohns Abschalom überbrachte. Diesen Kummer formuliert der Psalm folgendermassen:

«Die Bosheit der Frevler
finde ein Ende,
doch gib dem Gerechten Bestand,
gerechter Gott,
der du auf Herz und Nieren prüfst.»
(Psalm 7, Vers 10)

Das Prüfen von «Herz und Nieren» wird hier als Grundlage des göttlichen Handelns gesehen. Dabei geht es nicht um irgendwelche «Innereien», sondern um das Innere des Menschen. Das heisst um seine innere Wirklichkeit, die sich einer oberflächlichen oder rein äusserlichen Beobachtung entzieht.

Das Herz steht in der biblischen Tradition für die Mitte des Menschen. Es gilt als Sitz der Weisheit, der Vernunft, des Planens und des Wollens. In den Nieren sind die innersten Gefühle, das Gemüt und das Gewissen beheimatet. Auch die Haltung des Glaubens ist in jüdischer Sicht in den Nieren zuhause.

Herz und Nieren sind die Organe, welche die Persönlichkeit prägen und bestimmen. Wenn nun diese besonderen Orte des Inneren von der Gegenwart Gottes «geprüft», also liebevoll angeschaut und wahrgenommen werden, dann geht es nicht um das «Haben», sondern um das «Sein». Das Wesentliche ist im Blick! In der biblischen Perspektive meint das auch, dass eine Verstellung oder eine Maskerade gar nicht möglich sind. Vor dem Gott, der «auf Herz und Nieren prüft», ist meine Existenz ganz offen und klar. All die Versteckspiele des Alltags sind nicht mehr nötig. All die Verstellungen und Konstrukte des Lebens kommen an ein Ende. Das mag für den einen oder die andere erschreckend sein. «Jetzt kommt alles ans Licht!», so werden der Heuchler und der Schwindler voll Panik denken. Doch Gott ist kein Kriminalist und schon gar kein Jurist. Er schaut wohlwollend und sacht auf unser inneres Leben. Darum kann es ungemein entlastend sein, von dem menschenfreundlichen Gott auf «Herz und Nieren» geprüft zu werden.

Dem hinterhältigen, notorischen Lügner aber wird es nicht wohlergehen – davon ist Psalm 7 überzeugt. Eine moderne Konkretion: In der Politik ist es seit geraumer Zeit zu einer Art Mode geworden, nicht direkt zu lügen, sondern ganz nonchalant Erinnerungslücken vorzuschützen. So ist der ehemalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz dafür berühmt geworden, dass er sich häufig und hartnäckig hinter seiner «Nicht-Erinnerung» verschanzt. Die Philosophin Hannah Arendt hat dieses Verhalten von Politikern und Prominenten in einen pragmatischen Kontext gestellt. Sie schreibt davon, dass das Lügen scheinbar zum «Handwerk des Politikers und Staatsmannes» gehöre. Diese Einsicht ist realistisch und beelendend zugleich. Doch um ein detektivisches Vorgehen muss es sich die Gemeinschaft von Christinnen und Christen nicht angelegen sein lassen. Unsere Aufgabe ist die Prüfung «auf Herz und Nieren» nicht! Das können die Getauften getrost dem gütigen Geheimnis Gottes überlassen.