Geflügelte Worte: «Ein Buch mit sieben Siegeln»
Eine Szene aus dem Alltag, die jeder Mensch kennt: Trotz Mühe, trotz Anstrengung und trotz redlichem Engagements kann ich eine Sache, ein Problem oder einen Lösungsweg nicht verstehen. Die Sachlage ist wie verschlossen für mich.
Von Michael Bangert
Ich finde keinen Zugang. Die Tür zum Verstehen öffnet sich nicht. In solchen Situationen findet oft die Redewendung «Das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln» Verwendung. Etwas gröber könnte man sagen: «Ich stehe wie ein Ochs vor dem Berg.» Die Aussagerichtung ist gleich. Die Kraft meines Verstehens dringt nicht zur Lösung, zur Erkenntnis vor.
Unser «Geflügeltes Wort» stammt nicht aus der Welt des europäischen Humanismus mit seiner grossartigen Erfindung des Buchdrucks und auch nicht aus einem pädagogischen Handbuch für verzweifelte Lehrpersonen. Es stammt aus dem letzten Buch des Neuen Testaments, aus der sogenannten Offenbarung des Johannes:
«Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sass, ein Buch, beschrieben innen und aussen, versiegelt mit sieben Siegeln.»
(Off. 5,1)
Wer eine Sache oder Handlung als «ein Buch mit sieben Siegeln» einschätzt, für den ist das Ganze ein Rätsel. Undurchschaubar, verwirrend und unverständlich. Die Offenbarung des Johannes wird bisweilen auch als «Apokalypse des Johannes» bezeichnet. Es ist in sich eine in weiten Teilen nicht leicht verständliche Schrift. Vielfach wird dort mit fast unverständlichen Bildern und sehr komplexen Symbolen gearbeitet. Manche der Visionen des «Sehers Johannes» werden kaum aufgeschlüsselt.
Die Rede vom «Buch mit sieben Siegeln» finden wir im 5. Kapitel dieser biblischen Schrift. Dort wird von einer Vision des Johannes berichtet, in der er einen Blick in die himmlische Ratsversammlung um den Thron Gottes werfen kann. Dabei ist von einem Buch die Rede, das mit sieben Siegeln verschlossen wird. Dieses Buch enthält die Schilderung der endzeitlichen Ereignisse auf der Erde. Doch zunächst scheint niemand die Siegel des Buches öffnen zu können. Schliesslich ist Jesus Christus in der Gestalt eines Lammes in der Lage und auch würdig, das Buch zu öffnen. Damit wird die Weltgeschichte an ihr von Gott bestimmtes Ziel gebracht.
Auch unsere Gegenwart ist oft nicht leicht zu verstehen. Viele wirtschaftliche und politische Prozesse sind komplex und unüberschaubar. Das macht nicht wenigen Menschen grosse Sorgen. Sie fühlen sich unsicher. Da treten dann die grossen «Welterklärer» auf, die alles auf scheinbar einfachste Weise verständlich machen. Solche Verschwörungsmythen bewirken stets das Gegenteil, denn das, was da geschieht, ist immer Manipulation und Simplifizierung.
Der Lauf der Dinge bleibt in vieler Hinsicht rätselhaft. Das «Buch mit sieben Siegeln» kann – so die biblische Tradition – nur Christus, das Gotteskind öffnen.
Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund berechtigt, die Erklärungskompetenz der christlichen Spiritualität zu nennen. Letztlich erklärt nur der liebende Blick auf die Welt all das Verworrene und Unübersichtliche. Und manchmal ist es einfach notwendig, auf schnelle, oberflächliche Deutungen zu verzichten. Es kann unser unruhiges Herz still werden lassen, wenn wir wissen, dass unsere Welt bei Christus gut aufgehoben ist und er uns das «Buch mit den sieben Siegeln» sanft und mit Liebe öffnen wird.