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Geflügelte Worte: «Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen!»

Christkatholisch Gefluegelte Worte Licht Unter Den Scheffel Alamy
«So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.» Foto: Alamy

In der Welt bürgerlicher Sittlichkeit hat die Bescheidenheit eine hohe ­Bedeutung. Zurückhaltung und Genügsamkeit gelten als hohe Werte. In kirchlichen Kontexten ist das ebenso: Keine Ansprüche stellen! Sich nicht vordrängeln! Demutsvoll sein Schicksal tragen! Ein wenig schwermütig tun! Dann funktioniert man gut!

Von Michael Bangert

Doch Jesus von Nazareth passt seine Botschaft keineswegs einer solchen Moral an. In den grundlegenden Weisungen an die Menschen, die in seiner Nachfolge unterwegs sind, spricht er nicht von verhuschtem Leben oder gar von Duckmäusertum. Für Jesus Christus gibt es keine Verpflichtung, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Auf ihn also geht das «geflügelte Wort» vom Licht, das nicht verdunkelt werden soll, zurück.

Göttlicher Auftrag

Direkt im Anschluss an die staunenswerten «Seligpreisungen», die ja gleichsam seine Kernbotschaft bilden, wendet sich Jesus Christus direkt an seine Jüngerinnen und Jünger. Ihnen traut er Grosses zu! In sie setzt er seine Hoffnung. Und diese Frauen und Männer, die Kinder und Jugendlichen, haben einen wunderbaren, einen göttlichen Auftrag. Einen Auftrag, den sie nicht verbergen oder verheimlichen sollen. So lesen wir im Matthäus-Evangelium im 5. Kapitel, Verse 14–16:

«Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.»

Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen – diese vielfach genutzte Wendung geht zurück auf die Übersetzung des Jesus-Wortes durch Martin Luther. Der hier im griechischen Text verwendete Begriff für «Scheffel» bezeichnet ein Hohlmass zur Abmessung von Getreide oder anderen Gütern. In biblischer Zeit gehörte ein solcher Scheffel zum Inventar jedes jüdischen Haushalts. Martin Luther hat diese Mass mit dem seinen Zeitgenossen vertrauten Wort «Scheffel» übersetzt. Heute ist dieses Wort fremd geworden. Aber unabhängig von der Übersetzung – auch Gefäss, Topf, Kessel wären möglich – ist klar, was das Jesus-Wort meint: Christinnen und Christen müssen ihre Fähigkeiten, Kräfte und Talente nicht verstecken. Es gibt eben auch einen «falsche Bescheidenheit»! Die Getauften können gerade in einer Zeit, die sich so oft verfinstert, ihr Licht in der Welt mit Zuversicht leuchten lassen. Es geht nicht um das Irrlicht der narzisstischen Selbstbeleuchtung, sondern um das Licht Gottes! Im Grunde müssen die «Kinder Gottes» dies göttliche Licht auch gar nicht verstärken. Sie müssen es einfach nur aus sich heraus leuchten lassen. Einfach einmal strahlen mit einer unaufgeregten Freude an dem Licht, das mir gegeben ist.

Demut und Selbstgewissheit

Das Jesus-Wort macht Mut. Es will keinen verklemmten Glauben in den Hinterzimmern der Gesellschaft. Die Christinnen und Christen können frohgemut und zuversichtlich die «Scheffel» vom eigenen Licht wegnehmen. Sie können durchaus in einer spirituellen Kombination von Demut und Selbstgewissheit eine «Stadt auf dem Berge» sein. Das Licht der Güte soll in dieser Stadt befreit leuchten, damit sich die Welt orientieren kann.

Es wäre doch ein reizvolles Gedanken-Experiment: Alle Menschen guten Willens beginnen – ohne sich von den eigenen Minderwertigkeitsempfindungen aufhalten zu lassen – ihre Fähigkeiten, Begabungen, Kräfte, Geistgaben und Einsichten mit Freude und Charme leuchten zu lassen. Nicht um andere in den Schatten zu stellen. Nein, um ein Licht, eine Erleuchtung für alle, zu ermöglichen. Das wäre eine lebendige, eine vertrauensvolle Welt im Sinne Jesu ­Christi! Eine Welt, in der niemand sein Licht verbergen muss.