Geflügelte Worte «Wie Sodom und Gomorra»
Ein unaufgeräumtes Kinderzimmer kann bei überforderten Grosseltern schon einmal zu einem heftigen Aufschrei führen: «Hier sieht es ja aus wie in Sodom und Gomorra!» Oder mit ganz anderen Dimensionen, wenn spitzbärtige und bleichnasige Bürger angesichts von freizügiger Erotik der inneren Erschütterung mit einem geseufzten «Hier geht es ja zu wie in Sodom und Gomorra!» Ausdruck verleihen.
Von Michael Bangert
Wenn es um Unordnung im leichtesten Fall, oder um sexuelle Unzucht und moralischen Verfall im schwereren Fall geht, dann werden die beiden vorderorientalischen Städte mit Namen Sodom bzw. Gomorra als warnendes Beispiel herangezogen, weil dort eine derartige moralische Verderbtheit herrschte, dass ein göttliches Eingreifen nahezu zwangsläufig erscheinen will:
Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer.
(Gen 18,20)
In den biblischen Berichten findet sich zwar noch der gutgemeinte Versuch von Lot, eines Bürgers von Sodom, die Strafe für seine Stadt mit diplomatischem Geschick zu verhindern. Auch wenn nur zehn Gerechte in Sodom zu finden seien, dann solle es keine Bestrafung geben. Doch die Diplomatie hilft hier nicht. Denn – so das Buch Genesis – die Verfehlungen der Einwohner von Sodom und Gomorra wiegen schwer: Sie missachten aufs Übelste das hochgeschätzte Gastrecht! So weiss das 19. Kapitel davon zu berichten, dass Lot in Sodom einige Gäste beherbergt. Mehrere Männer aus Sodom fordern daraufhin von Lot, ihnen diese Besucher herauszugeben. Die niederträchtige Absicht ist es, die Gäste zu vergewaltigen. Lot versucht alles, um das Gastrecht nicht zu verletzten und seine Gäste zu schützen, doch er kann die rasende Begierde der Bedränger nicht besänftigen. Nur mit göttlicher Hilfe gelingt es Lot, seine Gäste und seine Familie aus der Stadt herauszuführen. Daraufhin regnen Feuer und Schwefel vom Himmel. Beide Städte gehen unter.
Überlebt haben Sodom und Gomorra als abschreckendes Beispiel für ein Leben, das keine ethische Orientierung kennt. Das klingt bereits früh im Buch Genesis an: «Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider Gott.» (Gen 13,13).
In späteren Bibeltexten finden die beiden Städte immer wieder unrühmliche Erwähnung. Auch im Neuen Testament wird Sodom neunmal erwähnt. So prophezeit Jesus von Nazareth den Menschen, die ihm nachfolgen, dass es den Bewohnern von Sodom im Gericht besser ergehen werde als den Menschen, die das Evangelium gehört, es aber abgelehnt haben (Mt 10,15). Denn die Bewohner von Sodom kannten weder die Ankündigungen der Propheten im Alten Testament, noch hatten sie die Wunder gesehen, die Jesus und die von ihm bevollmächtigten Jünger öffentlich getan hatten.
In der europäischen Kulturtradition wurde der Städtename «Sodom» durch das neulateinische «Sodomia» zu einem Standardbegriff für alle möglichen sexuellen Handlungen, die nicht der Fortpflanzung dienen. Insbesondere Sexualpraktiken mit Tieren wurden bis in die Neuzeit als «Sodomie» qualifiziert. Eine moralische Engführung diffamierte in der Folge alle homosexuellen Handlungen als «Sodomia» und damit als strafwürdig und gotteslästerlich.
Neben der sexuellen Hemmungslosigkeit und dem Verbrechen an der Verpflichtung, Gäste und Fremde zu schützen, ist der Untergang der Städte gleichsam symbolisch geworden: Wo alles durcheinander gerät, wo Zerstörung und Konfusion herrschen, da ist es eben auch «wie in Sodom und Gomorra»!
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