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Frieden lässt sich nicht mit Gewalt über die Körper von Frauen erzwingen

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Ruhe, Gemeinschaft und Verbundenheit – als Symbol dafür, dass die Körper von Frauen keine moralischen Schlachtfelder sind, sondern Orte von Leben, Würde und Beziehung. Foto: Sierra Koder auf Unsplash

Wenn kirchliche Stimmen Abtreibung als «grössten Friedenszerstörer» bezeichnen, verschiebt sich der Blick: weg von Gewalt, Einsamkeit und struktureller Ungerechtigkeit, hin zu einer moralischen Fixierung auf den Körper von Frauen. Doch welcher Frieden ist damit gemeint? Und wer trägt seinen Preis?

Von Elisabetta Tisi

Wenn der Papst Abtreibung als «grössten Friedenszerstörer» bezeichnet, stellt sich die Frage: Von welchem Frieden sprechen wir – und wer zahlt dafür? Abtreibung so zu benennen, während man zu Gewalt, Ungleichheit, Einsamkeit und Zwangsschwangerschaften weitgehend schweigt, bedeutet, den Fokus zu verschieben. Vor allem aber setzt es eine lange kirchliche Tradition fort, in der Moral zu Kontrolle und Glaube zu Herrschaft wird.

Moral, Macht und Verschiebung des Blicks

Eine Kirche, die über den Körper von Frauen spricht, ohne ihnen zuzuhören, verkündet nicht das Evangelium. Sie verteidigt eine patriarchale Ordnung, die mit religiöser Sprache verbrämt ist. Und das geschieht seit Jahrhunderten – immer auf Kosten der Frauen selbst. Es ist zutiefst unstimmig, dass eine Kirche weiterhin mit normativer Kraft in die Körper von Frauen eingreift, während sie nahezu stumm bleibt, wenn diese Körper Schmerz, Verlust und Trauer erfahren.

Unsichtbare Trauer und das Schweigen der Kirche

Der weibliche Körper wird in offiziellen Reden oft wie ein Territorium beschrieben, das es zu verteidigen gilt. Doch wenn dieser Körper wegen einer glücklichen Schwangerschaft, die plötzlich endet, blutet, wenn er nach einer enttäuschten Erwartung leer bleibt, wenn Eltern ein Kind verlieren, das nie geboren wurde, dann verschwindet die Kirche allzu oft.

Es gibt kein Wort.
Es gibt keinen Ritus.
Es gibt keinen Raum.

Und dieses Schweigen spricht Bände.

Ich arbeite an einem Ritus, um Familien in dieser Trauer zu begleiten. Das zwingt mich zu einer grundlegenden Frage: Wie kann sich eine Kirche so beharrlich um den Körper der Frauen kümmern, wenn sie Leben schenken – und so wenig, wenn sie Leben verlieren?

Perinatale Trauer ist ein unsichtbarer Schmerz unserer Zeit. Sie hinterlässt keine Fotos, keine gemeinsamen Erinnerungen, oft nicht einmal einen Namen. Die Eltern bleiben allein mit einer Leere zurück, die von der Gesellschaft heruntergespielt wird und die die Kirchen jahrhundertelang kaum anerkannt haben.

Und doch ist da eine reale Wunde. Eine Liebe, die keine Zeit hatte, Geschichte zu werden, die aber bereits als Hoffnung und Erwartung existierte. Ein Ritual für perinatale Trauer ist kein pastorales Detail. Es ist eine theologische Stellungnahme: Dieser Schmerz zählt. Dieses kurze Leben hat Spuren hinterlassen. Diese Eltern sind nicht allein. Und es sagt zugleich: Der Körper der Frauen ist kein moralisches Objekt, sondern ein heiliger Ort von Beziehung und Glauben.

Ein anderer Frieden: Nähe statt Kontrolle

Wenn eine Kirche über Frauen spricht, ohne ihnen eine Stimme zu geben, wenn sie moralisch eingreift, aber keine Räume des Zuhörens schafft, wenn sie Prinzipien verteidigt, aber Wunden nicht begleitet, dann verkündet sie nicht das Evangelium. Sie übt Macht aus. Sich immer wieder über den Körper der Frauen zu erheben, bedeutet letztlich, Gehorsam zu verlangen, ohne Nähe anzubieten. Die perinatale Trauer entlarvt diesen Widerspruch besonders deutlich. Denn dort gibt es nichts zu kontrollieren. Es gibt nur Verlust. Und eine stille Suche nach Sinn.

Im Evangelium hat Jesus keine Angst vor verletzten Körpern. Er berührt sie und lässt sich berühren. Wenn er Frauen begegnet, reduziert er sie nie auf biologische Funktionen oder Symbole. Er begegnet ihnen als Subjekte, als Menschen mit Stimme, Würde und Entscheidungsfähigkeit. Und er nimmt den Leidenden niemals das Wort. Eine Theologie, die sich auf das Evangelium stützt, muss hier ansetzen: beim Körper als theologischem Ort – nicht als Problem, das es zu lösen gilt.

In der Schweiz leben wir in einer Gesellschaft, in der die Kirchen noch immer eine öffentliche Stimme haben. Gerade deshalb ist ihre Verantwortung gross. Jedes Wort über den weiblichen Körper wiegt schwer. Jedes Schweigen wiegt noch schwerer. Wenn Kirchen glaubwürdig sein wollen, müssen sie aufhören, nur dann zu sprechen, wenn es um Grenzziehung geht. Sie müssen anfangen, zu sprechen – und vor allem zu handeln –, wenn es darum geht, Verluste zu begleiten.

«Der grösste Friedenszerstörer»: Der Frieden, den Jesus verkündet, ist ein Frieden, der die Fragen der Frauen und ihre schwierigen Entscheidungen nicht fürchtet. Er entsteht durch Begleitung und Unterstützung – nicht durch Überwachung oder Verurteilung.

Ich glaube, es ist nicht die Aufgabe der Kirche, Körpern Gesetze zu diktieren. Ihre Aufgabe ist es, Menschen dort beizustehen, wo das Leben schmerzt und Entscheidungen schwer wiegen – in einem Dasein, in dem es kaum reine Lösungen gibt. Und wenn wir wirklich über Frieden sprechen wollen, dann beginnen wir damit anzuerkennen: Die Körper der Frauen sind kein Territorium moralischer Eroberung. Sie sind heilige Orte des Lebens, der Beziehung und der Verantwortung.