Geflügelte Worte von Michael Bangert: «Mir stehen die Haare zu Berge!»
Im Basler Dialekt spricht man von «Hienerhut», wenn sich die kleinen Körperhaare an den Armen, im Nacken, an den Beinen aufstellen. In der Standardsprache haben wir dafür das Wort «Gänsehaut». Gemeint ist in beiden Fällen ein und dasselbe Phänomen: Bei Angst, Kälte, bestimmter Musik, psychischer Erregung oder bestimmten emotionalen Reizen richtet sich unwillkürlich die Körperbehaarung auf – und manchmal dazu noch die Haare auf dem Kopf.
Von Michael Bangert
Diese Aktion, die die Neurowissenschaft als «Piloerektion» bezeichnet und auf die spontane Kontraktion kleiner Muskeln an der Basis der Haarfollikel zurückführt, können wir Menschen nicht bewusst steuern, da sie ein Reflex des autonomen Nervensystems ist. Vermutlich ist dieser Effekt ein Überbleibsel der evolutionären Funktion, bei der das Aufstellen der Haare dazu diente, grösser und bedrohlicher zu erscheinen. Bei Katzen und Hunden gehört diese Vergrösserung des Körperschemas durch das Aufstellen des Haarpelzes zum gewöhnlichen Verhalten, um zu drohen oder um zu imponieren. Beim Menschen stehen die Haare allerdings nur dann zu Berge, wenn er erschaudert oder in irgendeiner anderen Weise innerlich berührt wird.
Die unwillkürliche Reaktion der Haut und der Körperhaare ist durch die Geschichte der Menschheit hindurch ein Symbol für die enge Verflechtung von seelischem Leben und körperlicher Wirklichkeit, der sich niemand entziehen kann. So wundert es nicht, dass auch diese Redewendung im «Buch der Bücher» seinen fassbaren Ursprung hat. Die Bibel will ja das Leben des Menschen in seiner Höhe und seiner Abgründigkeit beschreiben und verstehen. So wird im Buch Hiob eine Erfahrung geschildert, die von Ängsten und Albträumen erfüllt ist:
Zu mir hat sich ein Wort gestohlen, mein Ohr vernahm davon ein Flüstern. Im Grübeln und bei Nachtgesichten, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt, kam Furcht und Zittern über mich und liess erschaudern alle meine Glieder. Ein Geist schwebt an meinem Gesicht vorüber, die Haare meines Leibes stehen zu Berge. (Hiob 4,12-15)
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