Geflügelte Worte von Michael Bangert: «Die Hände in Unschuld waschen» (Psalm 26,6)
Dieses «geflügelte Wort» hat eine komplizierte Geschichte. Seine ursprüngliche Bedeutung ist geradezu ins Gegenteil verkehrt worden. Aber Schritt für Schritt!
Von Michael Bangert
Im Psalm 26 wird das Gebet, das herzinnige Bitten eines verfolgten Menschen vorgelegt. Dieser Mensch spricht von seiner Lauterkeit, seinem gradlinigen Verhalten und seinem gottesfürchtigen Leben. Kein Umgang mit bösartigen Intrigen! Kein Kontakt zu Hinterlist und arglistigen Manövern! So ist der Psalm ganz eindeutig:
Ich sass nicht bei falschen Leuten, mit Heuchlern habe ich keinen Umgang. Verhasst ist mir die Versammlung derer, die Unrecht tun; bei Gottlosen kann ich nicht sitzen. Ich will meine Hände in Unschuld waschen und deinen Altar, Gott, will ich umschreiten, um laut das Lob zu verkünden und all deine Wunder zu erzählen. Gott, ich liebe die Stätte deines Hauses und den Wohnort deines Glanzes.»
(Psalm 26,4-8)
Auch im Psalm 73 wird auf den Vorgang der Handwaschung als Ausdruck von Integrität, Gottesfurcht und Gerechtigkeit hingewiesen:
Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?
(Psalm 73,13)
Also: Das «Waschen der Hände in Unschuld» ist hier ein Ausdruck der Redlichkeit und der Rechtschaffenheit. Doch unser «geflügeltes Wort» hat heute eine Färbung, die mit dieser Charakterstärke nicht zusammenpassen will. In der gängigen Interpretation bedeutet «die Hände in Unschuld waschen», dass jemand alle Verantwortung oder Schuld von sich weist, obwohl er doch erkennbar beteiligt ist. Diese Redewendung suggeriert, dass eine Person nichts mit einem bestimmten Vorgang zu tun haben möchte und sich als unschuldig darstellt. Diese spezielle Färbung in der Auslegung hat mit Pontius Pilatus zu tun, der von 26 bis 36 n.Chr. römischer Präfekt in Judaä war. Dieser kaiserliche Statthalter wusch im Verlauf des Prozesses gegen Jesus von Nazareth symbolisch seine Hände, um seine Unschuld am Tod Jesu zu beteuern. Er wollte keine Verantwortung für das Todesurteil übernehmen. So heisst es im Matthäus-Evangelium:
Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer grösser wurde, liess er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!
(Mt 27,24)
Im übertragenen Sinne wird also die Redewendung aus dem Psalm 26 verwendet, um zu beschreiben, wie sich jemand von einer Angelegenheit distanziert, in die er doch augenscheinlich verwickelt ist. Aber der Betreffende tut so, als ob er keine Schuld oder Verantwortung trüge. So wird die Wendung oft im Zusammenhang mit der Abwehr von Haftung oder Verantwortung verwendet: Jemand will sich aus einer schwierigen Situation herauswinden. Dieses Verhaltensmodell ist aus den Kontexten von Gesellschaft, Politik und Rechtsprechung mehr als gut bekannt. «Seine Hände in Unschuld waschen» ist eine etwas verklausulierte Form, um von einem Feigling zu sprechen, der weder für sich, noch für seine Taten und deren Folgen einstehen will. Verbindlichkeit, Gewissen und Treue zu sich selbst ist einem solchen Menschen fremd. Das aber ist ein Weg, der im Weglosen endet. Die göttliche Weisheit und die entsprechende Gerechtigkeit eröffnen eine eindeutige Alternative: Umkehr!