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Hirtenbrief von Bischof Frank Bangerter

Christkatholisch Hirtenbrief 2026a Unsplash

An die Christkatholikinnen und Christkatholiken
Liebe Geschwister in Christus

«Lasst euch mit Gott versöhnen!»

(2. Korintherbrief 5,20)

Seit ich meinen Dienst als Bischof angetreten habe und dabei regelmässig kreuz und quer durch unser Bistum reisen darf, sehe ich vieles, das mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Ich sehe Menschen, die ihren Glauben mit einer beeindruckenden Treue leben, ich erlebe die Feier der ­Liturgie als Kraftquelle und spüre das enorme Engagement in unseren Gemeinden. Unsere stolzen Bauwerke und das vertraute Geläut der Glocken künden von einer langen Geschichte der Hoffnung.

Doch wenn ich genauer hinsehe, wenn ich nicht nur auf die Fassaden blicke, sondern in die Gesichter der Menschen und in die Reihen der Kirchenbänke, dann sehe ich auch das, was schmerzt: Ich sehe die leeren Plätze. Und ich meine hier nicht die Leere als Ergebnis von Desinteresse oder dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Oft ist sie nämlich die stumme Zeugin von Brüchen. Da sind Menschen, die einmal «Herz und Seele» einer Gemeinde, eines Projekts oder eines Anlasses waren und die heute fehlen, weil Kränkungen nie ausgesprochen wurden, weil Missverständnisse zwischen den Generationen zu Distanzen wurden oder weil Verletzungen durch uns Seelsorger und Seelsorgerinnen tief sitzen. Es sind Wunden, die vernarbt sind, aber unter der Oberfläche noch immer einen dumpfen Schmerz verursachen.

In vielen persönlichen Gesprächen spüre ich, dass dieses Unversöhnte manche von uns wie eine schwere Last lähmt. Wir tun oft so, als wäre nichts, wir wahren den Schein, aber die Unbefangenheit ist verloren gegangen. Wir ­begegnen einander beim Einkaufen und schauen diskret weg. Wir meiden bestimmte Orte, Anlässe oder ehrenamtliche Aufgaben, weil «die anderen» auch dort sind. Es ist, als trügen wir unsichtbare Steine im Rucksack unseres Lebens, die uns den Atem nehmen und die wir eigentlich schon längst hätten ablegen können. Diese Last hindert uns daran, mit leichtem Herzen Zeuginnen und Zeugen jener Freiheit zu sein, die Christus uns verheissen hat.

Die Fastenzeit lädt uns ein, langsamer zu werden. Sie ist keine Zeit der blossen Verzichtsübungen, sondern eine «Schule der Wahrnehmung». Sie will uns den Mut geben, ehrlich hinzuschauen auf das, was uns trägt, aber eben auch auf das, was uns belastet und was zwischen uns steht. In diesem Jahr möchte ich Sie einladen, gemeinsam mit mir einen Weg zu gehen, der so alt ist wie die Heilsgeschichte selbst: den Weg der Versöhnung.

Wagnis der Begegnung

Versöhnung ist kein abstrakter moralischer Appell. Sie hat ein Gesicht, eine Geschichte und oft einen sehr schwierigen, fast qualvollen Anfang. Die Heilige Schrift schenkt uns dafür eine Erzählung von unübertroffener menschlicher Tiefe: die Begegnung zwischen den Brüdern Jakob und Esau (Genesis 32–33).

Jakob hatte seinen Bruder betrogen, den Segen des ­Vaters erschlichen und war in die Fremde geflohen. Jahrzehnte des Schweigens und der räumlichen Distanz konnten das Unrecht nicht heilen. Als der Tag der Rückkehr kommt, ist Jakob kein triumphierender Heimkehrer. Er ist ein Mann, der von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt wird. Die Angst steht ihm im Gesicht geschrieben. Er weiss nicht, ob ihn beim Wiedersehen Vergeltung oder Vergebung erwartet.

In der Nacht vor der Begegnung, allein am Fluss Jabbok, ringt Jakob. Er kämpft nicht nur mit einem geheimnisvollen Gegner, er kämpft mit seinem eigenen Gewissen und mit Gott selbst. Dieser Kampf zeigt: Wirkliche Versöhnung ist Arbeit. Sie ist ein inneres Ringen, das uns an die Grenzen unserer Kraft führt. Wir müssen uns selbst und unseren Fehlern standhalten, bevor wir dem anderen gegenübertreten können. Jakob geht schliesslich weiter, nicht mehr als der stolze Betrüger, sondern als ein Gezeichneter, ein Hinkender, in aller Verletzlichkeit.

Doch dann geschieht das Ungeplante, das «Wunder der Versöhnung»:

«Esau lief ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals; er küsste ihn und sie weinten.»

(Genesis 33,4)

In diesem Moment zählt keine juristische Aufrechnung ­alter Schuld mehr. Es gibt keine Rechtfertigungsschriften, nur noch die Nähe, die Tränen und die nackte Menschlichkeit. Versöhnung geschieht hier, weil jemand den Mut hat, dem anderen wieder offen ins Gesicht zu schauen. Es bleibt ein Wagnis, ja. Aber es ist ein Wagnis, das einen Raum öffnet, in dem das Leben wieder fliessen kann. Jakob erkennt im Angesicht seines Bruders das Angesicht Gottes. Das ist die spirituelle Tiefe der Versöhnung: Wenn wir Frieden mit dem Nächsten schliessen, begegnen wir Gott auf eine Weise, wie es im Gebet allein oft nicht möglich ist.

Ich frage uns heute konkret: Wer ist der Mensch, vor dessen Blick wir ausweichen? Wo haben wir uns in die Festung unserer Selbstgerechtigkeit zurückgezogen? Jakob lehrt uns, dass wir mit unserer Angst zu Gott gehen dürfen, um dann den befreienden Schritt auf den anderen zu wagen.

Radikalität der Liebe

Viele von uns bemühen sich aufrichtig um ein geistliches Leben. Doch Jesus stellt uns in der Bergpredigt vor eine Herausforderung, die unser gesamtes religiöses Tun in ein neues Licht rückt:

«Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder; dann komm und opfere deine Gabe!»

(Matthäus 5,23–24)

Dieser Satz ist von einer ungeheuren Radikalität: Der Gottesdienst kann – nein, er muss – warten! Die heiligste Handlung, die wir als Kirche kennen, wird zweitrangig, solange die Mauer zum Nächsten unüberwindbar zwischen uns steht. Gott möchte keinen rituellen Gehorsam, wenn in unseren Herzen die Kälte des Grolls herrscht. Er ­möchte keine schönen Gesänge, wenn wir gleichzeitig über unseren Bruder oder unsere Schwester richten.

Dabei ist ein Detail entscheidend: Jesus sagt nicht «Geh hin, wenn du schuld bist». Er sagt: «Wenn du merkst, dass der andere etwas gegen dich hat». Er nimmt uns in die Pflicht, den ersten Schritt zu tun, völlig ungeachtet der Frage, wer angefangen hat oder wer «zu wie viel Prozent» im Unrecht ist. Versöhnung ist eine Vorleistung der Liebe, die nicht auf die Entschuldigung des anderen wartet.

Wahres Fasten in diesem Jahr könnte bedeuten, auf die Bequemlichkeit des Schweigens zu verzichten. Es bedeutet, den Mut aufzubringen, jene Themen anzusprechen, die wir seit Jahren unter den Teppich gekehrt haben. Wenn wir als Getaufte diesen Mut nicht aufbringen – wer denn dann in einer Gesellschaft, die immer mehr zur Polarisierung und zum unversöhnlichen Streit neigt?

Vielleicht ist diese Fastenzeit der Moment für ein Telefonat, für eine kurze Nachricht oder den einfachen, aber ­alles verändernden Satz: «Ich denke oft an das, was zwischen uns geschehen ist, und es tut mir leid. Ich möchte nicht, dass es so bleibt.» Wir müssen nicht sofort wieder die engsten Vertrauten werden, aber wir können aufhören, einander die Luft zum Atmen zu nehmen. Wir können einander die Freiheit schenken, wieder als Schwestern und Brüder am selben Ort zu stehen.

Fundament, das trägt

Warum verlange ich Ihnen und mir selbst das ab? Nicht, weil ich als Bischof ein moralischer Lehrmeister sein möchte. Ich tue es, weil Versöhnung der Kern der christlichen Existenz ist. Der Apostel Paulus führt uns im 2. Korintherbrief in das theologische Zentrum:

«Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht ­anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat.»

(2. Korintherbrief 5,18–19)

Wir müssen Versöhnung nicht aus eigener Kraft «erfinden». Wir schöpfen aus einem Brunnen, der bereits überfliesst. Am Anfang steht nicht unsere Anstrengung, sondern Gottes überwältigende Zuwendung zu uns. In Christus ist Gott den ersten Schritt auf uns zugegangen, als wir noch weit weg waren. Er rechnet nicht auf. Er definiert uns nicht über unser Versagen.

Wenn wir auf den Herrn blicken, sehen wir die ausgestreckten Arme Gottes, die alle Hindernisse zwischen Schöpfer und Geschöpf und zwischen Mensch und Mensch überbrücken. Unsere Kirche sollte deshalb wie eine Herberge der Barmherzigkeit sein. Stellen wir uns die Herberge vor:

Es ist ein Ort, an dem man nach einem schweren Weg, nach Sturm und Erschöpfung anklopft. Man wird nicht zuerst nach seinem Rang, seinem Erfolg oder seinem makellosen Lebenslauf gefragt. In der Herberge der Barmherzigkeit bekommt man einen Platz am Feuer, ein Wort des Trostes und die Zeit, die man zur Heilung braucht. Wenn wir als Bistum fähig werden, diese gastfreundliche Herberge zu sein, in der man einander mit den Augen Christi sieht, dann werden wir zu einem Leuchtturm in ­einer Welt, die vor lauter Unversöhnlichkeit oft zu zerbrechen droht. Christus selbst ist der Herbergsvater, der uns zeigt, dass Liebe stärker ist als jede Kränkung.

Weg der Heilung

Liebe Schwestern und Brüder, ich weiss: Manche Verletzung sitzt so tief, dass sie das gesamte Lebensgefühl vergiftet hat. Es gibt Dinge, die man nicht einfach «gutmachen» kann. Es gibt Narben, die bleiben werden, bis wir Gott gegenüberstehen. Doch eine Narbe ist geheiltes Gewebe, sie schmerzt nicht mehr bei jeder Berührung.

Ich möchte Sie einladen, diese Fastenzeit als einen Weg der inneren Befreiung zu nutzen:

Ehrliches Benennen: Heilung beginnt mit der Wahrheit. Halten wir inne und sagen vor Gott: «Da ist etwas in mir, das Heilung braucht. Da ist Groll, den ich nicht loslassen kann.» Nennen wir die Wunde beim Namen, vor uns selbst und vor Gott.

Heilung der Erinnerung: Beten wir für jene Menschen, ­deren Namen wir vielleicht gar nicht mehr ohne inneres Zusammenzucken aussprechen mögen. Übergeben wir die schmerzhaften Erinnerungen dem Erbarmen Gottes.

Demut des ersten Schrittes: Prüfen wir in einer stillen Stunde, wo wir als Einzelne oder als Gemeinschaft lieblos, ­arrogant oder gleichgültig waren. Lasst uns die Grösse haben, um Verzeihung zu bitten, wo wir Brücken abgebrochen haben.

Geduld mit sich selbst: Versöhnung ist ein Prozess, kein Knopfdruck. Sie braucht Zeit. Es gibt Schritte, die heute gelingen, und andere, die wir erst in Monaten gehen können. Beides ist vor Gott wertvoll. Entscheidend ist nur, dass wir die Richtung beibehalten und unser Herz nicht verschliessen.

Gehen wir gemeinsam auf das Osterfest zu. Ostern ist die endgültige Bestätigung, dass das Leben über den Tod, das Licht über die Finsternis und die Versöhnung über jede Trennung siegt. Helfen wir mit, dass unser Bistum ein Ort wird, an dem man sich jederzeit offen in die Augen schauen kann im Wissen darum, dass wir alle Lernende auf dem Weg des Friedens sind und dass Christus uns alle gleichermassen liebt.

Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie in unseren Gemeinden wirken. Ich begleite Sie auf diesem Weg der Fastenzeit mit meinem Gebet und meinem täglichen Segen.

In Christus verbunden
Euer
Bischof Frank Bangerter

Versöhnungsgebet

Herr Jesus Christus

Du bist unsere Brücke über alles, was uns voneinander trennt. Wir bringen dir das, was in uns und zwischen uns zerbrochen ist. Wir bringen dir die harten Worte, die noch immer in uns nachhallen, und das schwere Schweigen, das uns voneinander isoliert.

Heile die Erinnerungen, die uns heute noch schmerzen. Löse die Knoten der Bitterkeit in unseren Herzen. Gib uns den Mut, jenen ersten Schritt zu tun, ohne darauf zu warten, dass der andere sich ändert.

Mache unsere Kirche zu einer Herberge der Barmherzigkeit, zu einem Ort, an dem jeder willkommen ist, der ­Heilung sucht. Schenke uns die Demut, um Vergebung zu bitten, und die Weite des Herzens, Verzeihung zu schenken. Damit wir als versöhnte Menschen auf dein Osterfest zugehen können.

Amen.