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Erika Preisig: «Ich möchte verhindern, dass Menschen sich gewaltsam das Leben nehmen.»

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Erika Preisig im Interview: Warum Sterben Selbstbestimmung braucht. Illustration: Shutterstock

Die Basler Ärztin Erika Preisig begleitet Menschen in den Freitod – nicht, um den Tod zu propagieren, sondern um Leiden zu beenden, Selbstbestimmung zu ermöglichen und Gewalt zu verhindern. Ein Gespräch über Schuldgefühle, Schutzengel und den Wunsch, dass niemand ungewollt leben oder grausam sterben muss.

Von Christa Praehauser

Erika Preisig begleitet Menschen in den Freitod. Sie sieht sich jedoch nicht als Aktivistin für die Freitodbegleitung, sondern für die Selbstbestimmung am Lebensende. Leben ist für sie das schönste Geschenk, welches wir je erhalten haben. Sterbefasten und Palliativmedizin sieht sie ebenso als Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, und im Grunde wünscht sie allen Menschen, nach einem erfüllten Leben ohne Fremdeinwirkung friedlich einschlafen zu dürfen. Hingegen möchte sie vermeiden, dass Menschen ihrem Leben gewaltsam ein Ende bereiten und damit auch Unbeteiligte wie zum Beispiel Lokomotivführer traumatisieren. Freitodbegleitung ist für sie ein Notausgang. 

Christa Praehauser: Was ist der Tod für Sie?

Erika Preisig: Der Tod – das ist eine ganz interessante Frage. Der Tod ist ein Freund vom Leben, obwohl er das Leben beendet. Wir alle wünschen ja, dass wir möglichst gut und lange leben können. Aber irgendwann ihm Leben werden wir krank – oder sehr alt, wenn uns das vergönnt ist. Der Tod kann einem Angst machen, aber wenn ein Mensch sehr leiden muss, kann er auch eine Erlösung sein. Aber was vor dem Tod kommt, ein Sterben im Leiden, kann sehr schwierig sein.

Der Tod ist für mich ein Abschied, etwas Unbekanntes, durch das wir alle gehen müssen, was mir aber keine Angst macht. Dies auch dank des Medikaments, welches ein schmerzloses Scheiden aus dem Leben ermöglicht.

Ich bin auch neugierig, was der Tod ist – ein Übertritt in etwas anderes. Hades, Jenseits, Hölle, Himmel, wir wissen es alle nicht. Eigentlich interessant. Ich diskutiere oft mit den Leuten, die eine Freitodbegleitung wünschen, was für eine Vorstellung sie haben, was nach dem Tod kommt, wenn der Körper sich von der Seele getrennt hat. 

Der Tod ist für mich wie ein Abschied, wie ein Schmetterling, der aus der Verpuppung geht. Ich glaube, dass eine Energie, etwas wie eine Seele, nicht vergeht.

Haben Sie diese Erfahrung auch bei der Sterbebegleitung gemacht?

Ja, einmal ganz intensiv. Ein 95-jähriger Mann kam mit seiner deutlich jüngeren, schwer krebskranken Frau zu mir und wollte danach allein mit dem Auto nach Hamburg zurückreisen. Ich dachte, dazu sei er nach ihrem Tod nicht in der Lage. Dann starb seine Frau. Er sass in einem grossen Ledersessel, völlig erschöpft, sodass ich den Eindruck hatte, er wolle selbst auch sterben – der Frau hatte man die Krankheit gar nicht so angesehen. Doch nachdem sie gestorben war, sagte der Mann: «Jetzt spüre ich, wie die Energie meiner Frau auf mich übergegangen ist.» Er dankte mir und bemerkte: «Jetzt sind meine Frau und ich wieder beisammen, und ich fahre nach Hause.» Der Mann sah aus, als hätte er eine Energieinfusion bekommen. Ich habe das in dieser Form nie mehr erlebt. 

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich auch mit einem unheilbar kranken Amerikaner, 52 Jahre alt. Als er die Infusion mit dem Mittel öffnete, sagte er zu seiner Frau: «Ich werde dir ein Zeichen schicken in Form eines Vogels, dass ich immer bei dir sein werde.» Sie ging nach seinem Tod auf den Balkon hinaus. Auf dem Balkon hatte ich bis dahin noch nie einen Vogel gesehen. Und plötzlich setzte sich eine Meise, die ja eigentlich ein sehr scheuer Vogel ist, auf ihre Schulter, und zwar so lange, dass wir sogar noch ein Foto machen konnten. 

Erika Preisig
1958 als viertes von sieben Kindern in Basel geboren. Tod der Mutter bei der Geburt des letzten Kindes. Mit zehn Jahren ging sie für ein Jahr nach Australien zu zwei Onkeln und ihrem Grossvater. Dieser starb während ihres Aufenthalts.
1978-1984 Medizinstudium in Basel, seither Arbeit als Hausärztin.
1987 Heirat. Mutter von drei erwachsenen Kindern. 
2005 stirbt Vater auf eigenen Wunsch mit Dignitas.
2006-2011 Konziliarärztin bei Dignitas.
2011 Gründung von lifecircle und Eternal SPIRIT (Nimmt seit zwei Jahren keine neuen Mitglieder mehr auf).

Erika Preisig arbeitet über die Pensionierung hinaus weiter als Hausärztin, vor allem mit betagten Menschen (90-102). 

Literaturtipp: Erika Preisig: Vater, du darfst sterben. Plädoyer einer Ärztin für einen begleiteten Freitod. 2014.

Lesen Sie den ganzen Artikel in unserer Zeitschrift «Christkatholisch».