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 «Wir müssen dranbleiben – immer» – Regierungsrätin Jacqueline Fehr über Religionsfrieden, Verantwortung und den Wert des Dialogs

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Regierungsrätin Jacqueline Fehr: «Religionsgemeinschaften schaffen Orientierung und fördern den gesellschaftlichen Dialog.»  Foto: Raisa Durandi

Jacqueline Fehr spricht im Interview über die «Seele» des Kantons Zürich, den Beitrag der Religionsgemeinschaften zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Bedeutung von Respekt, Föderalismus und Selbstreflexion in Politik und Religion. Dabei plädiert sie für Offenheit, Solidarität und einen reifen Umgang mit Vielfalt.

Interview Michael Lauber

Frau Regierungsrätin Fehr, hat der Kanton Zürich für Sie eine Seele?

Die Seele unseres Kantons ist die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und wie wir gemeinsam unseren Lebensraum gestalten. Dazu gehören der gegenseitige Respekt, die Offenheit und die Freude an der Vielfalt.

Was kann der Kanton beitragen, um diese Vielfalt zu garantieren?

Der Kanton fördert und unterstützt die Vielfalt auf verschiedenen Wegen. Besonders wichtig ist die Integrationspolitik. Menschen finden hier bei uns eine neue Heimat. Dies als Bereicherung zu sehen, ist das Fundament einer erfolgreichen Integrationspolitik. Dabei hat diese Integrationspolitik viele Dimensionen – eine davon ist unsere aktive Religionspolitik. Die Religionsgemeinschaften sind wichtige Ankunftsorte für Menschen, die in unser Land kommen. Damit tragen die Gemeinschaften viel zu einer erfolgreichen Integration bei.

Ich bin sehr dankbar, dass die Menschen an den Spitzen der Religionsgemeinschaften Verantwortung für den interreligiösen Dialog übernehmen. Indem diese Menschen willens – und auch fähig! – sind, mit den Unterschieden zwischen den Religionsgemeinschaften konstruktiv umzugehen, tragen sie entscheidend zum religiösen Frieden in unserem Kanton bei.

Auf welche Werte stützen Sie sich bei religionspolitischen Entscheidungen?

Für mich stehen Gleichberechtigung, Teilhabe und Verantwortungsbewusstsein im Zentrum. Ich kann es auch konkreter sagen: Ich fühle mich als Regierungsmitglied mitverantwortlich dafür, dass wir ein friedliches Miteinander pflegen, das alle Menschen miteinschliesst, die in unserem Kanton leben. Ich setze mich auch dafür ein, dass wir politische Auseinandersetzungen mit klaren Haltungen, aber ebenso mit Respekt führen. Mir gehen Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit gründlich auf die Nerven.

Wie sehen Sie das Gebot der Trennung von Kirche und Staat?

Der Staat ist religiös neutral und muss gleichzeitig den Rahmen bieten, um den Religionsfrieden aufrecht zu erhalten. Deshalb braucht es Partnerschaften. Diese gehen wir im Kanton Zürich mit allen etablierten Religionsgemeinschaften ein, den verfassungsrechtlich anerkannten wie auch den nicht-anerkannten.

Ich unterstütze dieses differenzierte Verhältnis sehr. Dieses machte es möglich, dass wir in unserem Kanton Leitsätze für den Umgang mit den Religionsgemeinschaften entwickeln konnten.

«Die Seele unseres Kantons ist die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen.»

Was können nur Religionsgemeinschaften leisten? Wo können nur sie – und nicht der Staat – Angebote machen?

Der deutsche Staatsrechtler Böckenförde hat es mal so formuliert. «Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das grosse Wagnis, das er um der Freiheit willen eingegangen ist.» Religionsgemeinschaften wirken also an den Wertegrundlagen unseres Zusammenlebens mit. Das gilt insbesondere für moralische Grundlagen wie Solidarität und die Bedeutung des Gemeinwohls. Damit schaffen die Religionsgemeinschaften Orientierung und fördern den gesellschaftlichen Dialog.

Gerade unter den Christinnen und Christen sind viele nicht mehr eingebunden in eine Religionsgemeinschaft. Wer sollte einspringen?

Ich glaube, es spielt gar nicht so eine Rolle, wie viele Menschen sich aktiv in einer Religionsgemeinschaft engagieren.

Die Religionsgemeinschaften spielen unabhängig von ihrer zahlenmässigen Grösse eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Orientierung zu stiften und einen alternativen Raum anzubieten.

Diesen Raum müssen Religionsgemeinschaften erhalten können. Deshalb ist es wichtig, dass der Staat und damit die Gesamtgesellschaft die Gemeinschaften finanziell unterstützen. Der Kanton Zürich zahlt jährlich einen Beitrag von 50 Millionen Franken an die Leistungen der Religionsgemeinschaften, die diese für die gesamte Gesellschaft erbringen.

Und noch etwas: Unabhängig von ihrer zahlenmässigen Grösse haben die Religionsgemeinschaften eine wichtige Bedeutung auch für nicht-religiöse Menschen. Die Katastrophe von Crans-Montana hat gezeigt, wie wichtig religiöse Orte, Rituale und Symbole sind.

In der Schweiz ist die Religion Sache der Kantone. Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen den Religionsministerinnen und -ministern der Schweiz?

Ja, es gibt einen politischen, nicht-institutionalisierten, informellen Austausch. Wir spannen oft mit Bern und dem Waadtland zusammen. Aber ich sehe auch bei anderen Kantonen, aktuell St.Gallen, dass sie die Religionspolitik aktiv gestalten wollen.

«Das Miteinander bleibt nur gut und respektvoll, wenn wir stetig daran arbeiten.»

Was wünschen Sie sich als Religionsministerin?

Wir haben zusammen mit den Religionsgemeinschaften viel erreicht, vor allem – das finde ich das Wichtigste – Solidarität. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass im Kanton Zürich die beiden grossen Kirchen bereit sind, einen Teil der ihnen zustehenden Steuergelder freiwillig zur Stärkung der anderen, nicht-anerkannten Religionsgemeinschaften abzugeben. Ich finde das ein eindrückliches Zeichen: Man gibt selbst Geld ab zur Stärkung der «Konkurrenz», weil man einsieht, dass davon alle profitieren. Dies ist ein reifer Umgang miteinander. Daraus ergibt sich denn auch mein Wunsch…

… und der wäre?

Wir müssen dranbleiben, immer! Das Miteinander bleibt nur gut und respektvoll, wenn wir stetig daran arbeiten. Umso mehr hoffe ich, dass die Religionsgemeinschaften nicht in die «quantitative Falle» treten.

Ich bin mir bewusst, dass Kirchenaustritte finanzielle Konsequenzen haben. Aber man darf den Verlust von Mitgliedern nicht gleichsetzen mit weniger Bedeutung. Es ist wichtig, dass die Religionsgemeinschaften selbstbewusst bleiben und sich als starken, selbständigen Teil unserer Gesellschaft verstehen – unabhängig von ihrer Mitgliederzahl. Sie sollten wissen, dass wir auf sie angewiesen sind.

Wir als Religionsgemeinschaften dürfen uns nicht kleiner machen als wir sind…

Genau! Auch wenn Vergleiche schwierig sind: Nur eine Minderheit der Menschen in unserem Land ist Mitglied einer politischen Partei. Trotzdem gewährleisten die Parteien die gesamte demokratische Struktur. Darum sind Parteien enorm wichtig – gerade auch für jene, die selber nicht Parteimitglied sind. Ähnliches gilt für die Religionsgemeinschaften. Auch in diesen engagiert sich nur eine Minderheit aktiv. Und doch übernehmen die Religionsgemeinschaften Verantwortung für die spirituellen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft. Sie bieten Raum für alle Fragen, die in der weltlichen Welt nicht bearbeitet werden können. Es ist wichtig für eine Gesellschaft, dass dieser Raum besteht – deshalb sind auch die Religionsgemeinschaften wichtig für eine Gesellschaft, unabhängig von ihrer Mitgliederzahl und unabhängig von der je eigenen Liturgie.

«Man darf den Verlust von Mitgliedern nicht gleichsetzen mit weniger Bedeutung.»

Was fällt Ihnen auf, wenn sie über die Schweiz hinausschauen?

Wir befinden uns heute in der widersprüchlichen Situation, dass einerseits viele Menschen die Religion aus ihrem Alltag verbannen, gleichzeitig gibt es aber politische Kräfte, welche die Religion zu instrumentalisieren versuchen. Diese Situation betrifft den Staat mit seiner Religionspolitik und ebenso die Religionsgemeinschaften selber. Bei der römisch-katholischen Weltkirche könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass sie mehr Unterschiedlichkeit akzeptiert – dass sie sich gewissermassen Richtung Föderalismus bewegt. Das würde es der Kirche ermöglichen, in Europa, wo die Offenheit grösser ist als anderswo, mehr Reformen zuzulassen. Dadurch würde sie sich anschlussfähiger machen an unsere heutige gesellschaftliche Realität.

Das wäre dann eine Kirche der verschiedenen Geschwindigkeiten?

Ja, und das wäre nichts grundlegend Neues. Die römisch-katholische Weltkirche war schon immer pragmatisch und elastisch, was die Anschlussfähigkeit betrifft. Heute schafft sie es in unseren Breitengraden allerdings nur noch beschränkt, Antworten auf die realen gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden. In Europa sind deshalb Anpassungen nötig, etwa bei der Frauenordination oder der Offenheit gegenüber verschiedenen Lebensformen. Ich verstehe, dass manche Schritte in anderen Weltregionen noch nicht möglich sind. Aber bei uns wären sie möglich.

Grosse Religionen zeichnen sich durch Pragmatismus aus. Dieser sorgt dafür, dass die Religionen mit der Gesellschaft verwoben bleiben. An diesem Pragmatismus fehlt es gegenwärtig. Ich deute das als ein Zeichen der Verunsicherung.

Was empfehlen Sie der römisch-katholischen Kirche?

Falls ich überhaupt etwas empfehlen darf: Dass sie sich hin zu einer «europäisch-katholischen Kirche» entwickelt, die zu unserer Gesellschaft passt und die Antworten auf unsere Realitäten gibt.

Höre ich hier die erfahrene Föderalistin?

Ja, ich bin eine überzeugte Föderalistin. Der Föderalismus ermöglicht Innovation und Erneuerung. Seine Strukturen schaffen Spielraum für Experimente. Sie sind agil. Die Steuerung aus einer Zentrale heraus ist lebensfern. Für das Überleben von Religionsgemeinschaften ist es notwendig, dass sie «in der Zeit leben». Wenn sie aus der Zeit fallen, verlieren sie an Bedeutung.

«Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit gehen mir gründlich auf die Nerven.»

Und wenn das «In-der-Zeit-Leben» nicht gelingt?

Dann entsteht Raum für diejenigen, die auf extreme Positionen anspringen. Und die gibt es in jeder Religionsgemeinschaft. Der Preis der Radikalisierung ist allerdings hoch: Religionsgemeinschaften, die sich radikalisieren, sind nicht mehr in der Lage, ihre Verantwortung wahrzunehmen – und spielen damit in der Gesamtgesellschaft keine Rolle mehr.

Sie selbst gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Ist das für Ihre Rolle als Religionsministerin ein Vor- oder ein Nachteil?

Ich denke, es ist eher eine Erleichterung. Ich schaue gewissermassen mit einem Schritt Distanz auf das Thema und kann damit die Fragen rund um das Thema Religion aus der gesamtgesellschaftlichen Perspektive angehen.

Religionen haben immer beide Seiten. Einerseits das dunkle Potenzial zur Radikalität sowie den Hang zur Hierarchie und zum überheblichen Glauben, man habe den absoluten Wahrheitsanspruch. Andererseits vereinen sie Solidarität, Nächstenliebe, Versöhnung und Spiritualität.

Religionen sind wie anspruchsvolle Pferde: Man muss sie nahe zu sich nehmen. Wenn man zu weit weg ist von ihnen, weiss man nie, wo und wann sie ausschlagen (lacht).

Ihnen ist es ein Anliegen, nahe dran zu sein?

Ja. Ich will nahe heran an die Herausforderungen und Probleme, weil dort der Gestaltungsspielraum am grössten ist. Es ist sinnvoller, aufeinander einzuwirken als sich wegzudrücken.

Einmal haben Sie mir gesagt, das Wichtigste in Ihrer Funktion sei, einen Tisch zu haben, um ein offenes Gespräch führen zu können. Heisst das: Gestalten-Wollen ist Teamarbeit? Es braucht Leute, die mitgestalten-wollen?

Genau. Wer etwas verändern will, muss Gespräche führen, muss Verantwortung übernehmen, aber auch Verantwortung übertragen, sich einbringen, Lösungen suchen. Und was den Religionsbereich betrifft: Die Religionsgemeinschaften machen ihr Kerngeschäft selbst. Doch darüber hinaus ist es wichtig, den gesamtgesellschaftlichen Dialog mit ihnen zu führen.

Ein grosses Thema für die Religionen sind Verzeihung, Umkehr und Reue. Gibt es dieses Thema auch in der Politik?

Ich halte Selbstreflexion – also einen disziplinierten und reflektierten Umgang mit Macht – für eine zwingende Voraussetzung für alle, die eine Machtposition innehaben. Dazu gehört, dass man zu einem Fehler steht. Fehler machen alle und sind daher eigentlich kein Problem. Bloss wird das Bekenntnis zu einem Fehler medial überhaupt nicht honoriert. In der öffentlichen beziehungsweise medialen Wahrnehmung sind all jene, die zu einem Fehler stehen, die Dummen. Es wird zwar ständig eine Fehlerkultur gefordert. Doch wer diese lebt, gerät in die Kritik, während all jene, die sich wegducken, fein raus sind. Da herrscht eine unglaubliche Scheinheiligkeit.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, es gibt in der Politik Menschen, die diese Themen ernst nehmen. Es gibt sie in allen politischen Lagern – denn hier geht es nicht um Parteifarbe, sondern um Persönlichkeit und Charakter. Für mich persönlich gilt denn auch: Ich habe null Probleme mit Menschen, die politisch eine andere Meinung haben als ich.

Probleme habe ich mit Menschen, die rechthaberisch, heuchlerisch und von sich selbst eingenommen sind. Ich bin nun seit 35 Jahren in der Politik, und an solchen Charakteren reibe ich mich noch immer.

Heuchlerei und Selbstgerechtigkeit gibt es überall…

Ja, es gibt dazu sogar einen eigenen Begriff: «Blame Avoidance.» Gemeint ist damit: Sich so verhalten, dass man ja nicht kritisiert wird; Verantwortung abschieben; nichts anpacken, das vielleicht schief gehen könnte.

Das führt zu einer mutlosen und damit schädlichen Politik, untergräbt die demokratische Ordnung und zerstört die Glaubwürdigkeit der Politik.

Was spielen hier die Medien – die sogenannte vierte Gewalt – für eine Rolle?

Die Medien spielen eine verhängnisvolle Rolle. Sie interessieren sich immer weniger fürs System. Stattdessen fokussieren sie auf Einzelpersonen und machen keinen Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung.

Man sieht es jetzt bei Crans-Montana. Die Medien wollen Schuldige. Der Verwaltungsmitarbeitende, der die Kontrollen nicht gemacht hat: Er ist der Schuldige. Fragen wie: «Wer hat den Brandschutzkontrolleuren die Ressourcen vorenthalten?», «Welche Auflagen gibt es?», «Welche politischen Verhältnisse herrschen?», solche Fragen nach der Verantwortung bleiben häufig aus. Solche Fragen sind komplex. Es ist einfacher, auf eine Einzelperson zu zeigen. Selbstverständlich funktioniert Demokratie nur mit der vierten Gewalt. Aber die Medien weichen zu häufig aus, sie nennen Ross und Reiter nicht beim Namen.

Wir haben gute und sorgfältige Journalistinnen und Journalisten. Sie bekommen von ihren Arbeitgebern – den grossen Medienkonzernen – aber wenig Unterstützung.

Sie hören nächstes Jahr auf als Regierungsrätin. Sie wollen politische Mediation anbieten und die Grundidee des offenen Tisches weiterführen. Denken Sie, dies ist ein Bedürfnis?

Ja, ich sehe das in der täglichen, praktischen politischen Arbeit. Mit Hierarchien und dem Recht des Stärkeren lassen sich Probleme selten nachhaltig lösen. Der Gedanke, dass ich mich in diese Richtung entwickeln könnte, kam mir, als wir jemanden suchten für den Runden Tisch zur «Bührle-Sammlung». Da habe ich gemerkt: Solche Dinge würde ich gerne machen.

Zudem: In den Bereichen, für die ich als Justizministerin zuständig bin, arbeiten wir oft mit Mediation, nicht nur im Jugendstrafrecht, sondern auch in einem Pilotprojekt im Erwachsenenstrafrecht…

… und wenn im Rahmen einer Mediation im Strafrecht eine echte Entschuldigung zustande kommt, dann ist das, jetzt kirchlich gesprochen, echte Reue …

Genau.

Frau Regierungsrätin Fehr, herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch.