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Für Christus oder nicht? Eine Trennlinie, der wir heute nicht mehr ausweichen können

Christkatholisch Jenseits Von Konfession.elisabetta Tisi Unsplash
Die zentrale Frage des Christentums lautet heute: Bist du für Christus – oder nicht? Foto von Peter Nicola auf Unsplash

Lange Zeit haben wir gelernt, Kirchen nach ihrer Konfession zu unterscheiden: katholisch, protestantisch, orthodox. Dazu kam die anglikanische Welt, die vor allem aus römisch-katholischer Sicht oft in einer Grauzone lag – zu katholisch, um protestantisch zu sein, zu protestantisch, um katholisch zu sein. Es waren klare, beruhigende Kategorien. Sie sagten uns, wer «wir» waren und wer «die anderen».

Von Elisabetta Tisi

Alte Landkarten des Glaubens

Mit der Zeit begannen diese Unterscheidungen jedoch zu bröckeln. Sie reichten nicht mehr aus. Eine neue Landkarte trat an ihre Stelle: progressive Kirchen und konservative Kirchen. Auf der einen Seite standen Gemeinschaften, die offen waren für die Ordination von Frauen, für den Dialog mit der heutigen Gesellschaft, für Fragen aus Wissenschaft, Kultur und Bürgerrechtsbewegungen. Auf der anderen Seite Kirchen, die an einer strengeren Auslegung der Tradition festhielten und sich oft stärker auf die Bewahrung der inneren Ordnung als auf das Hören auf die Welt konzentrierten. Auch diese Unterscheidung funktionierte eine Zeit lang. Sie half uns, uns zu orientieren. Heute jedoch trägt auch dieses Schema nicht mehr.

Eine verwundete Welt

Denn die Welt, in der die Kirchen leben, ist nicht einfach «modern» oder «postmodern». Sie ist zutiefst verwundet. Eine Welt, in der Gerechtigkeit schamlos mit Füssen getreten wird, in der Betende inhaftiert, Verletzte getötet und diejenigen, die ihr Land verteidigen, von wirtschaftlichen Interessen erdrückt werden, die grösser sind als sie selbst. Ausgebeutete Gebiete, Völker ohne Stimme, Gesetze, die dem Willen der Stärkeren unterworfen sind. Eine Welt, in der Gewalt zur wichtigsten Strategie geworden ist.

In diesem Zusammenhang kann die Frage nicht mehr einfach lauten: Welcher Konfession gehörst du an? Oder: Bist du progressiv oder konservativ? Die zentrale Frage des Christentums lautet heute: Bist du für Christus – oder nicht?

Denn Jesus von Nazareth hat seinen Jüngern niemals Sicherheit, Macht oder politischen Sieg versprochen. Er hat Rom nicht gestürzt. Er hat keinen Aufstand organisiert. In gewisser Weise hat er über Rom gelächelt. Er sah es als das, was es war: vergänglich, flüchtig, hart, anspruchsvoll, tyrannisch – und doch dazu bestimmt, zu vergehen.

Das ist es, was jede arrogante Macht, jeder kindische Tyrann und jedes System, das sich für ewig hält, nicht ertragen kann: die Vorstellung der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die Einsicht, dass die Geschichte nicht ihm gehört. Dass es nicht der Mittelpunkt der Welt ist.

Treue zu Christus im Chaos

Jesus hat das Imperium nicht mit den Waffen des Imperiums bekämpft. Er hat etwas Radikaleres getan: Er hat gelebt, als wäre das Imperium nicht Gott. Er hat geheilt, berührt, mit denen gegessen, die nichts galten. Er hat gesagt, dass die Ersten die Letzten werden können und dass die Letzten auf geheimnisvolle Weise bereits vorne liegen. Er sprach von einem Reich, das mit keiner Grenze und keiner Flagge übereinstimmt.

Das Evangelium verspricht uns nicht, die Welt „in Ordnung zu bringen“. Aber es schenkt uns etwas ebenso Notwendiges: eine klare Sicht. Ein Licht, das uns hilft zu sehen und zu unterscheiden. Das Gute nicht mit dem Nützlichen, mit Ideologie oder mit Erfolg zu verwechseln.

In Zeiten des Chaos ist die Versuchung gross, sich anstecken zu lassen: von Gewalt, Wut, Angst und Zynismus. Mit derselben Logik zu reagieren, die wir eigentlich kritisieren wollen. Das Evangelium lädt uns zu einer anderen Treue ein: An Christus festzuhalten, damit das Chaos um uns herum nicht zum Chaos in uns wird.

Und vielleicht verläuft genau hier heute die entscheidende Trennlinie zwischen den Kirchen. Nicht zwischen alten konfessionellen Etiketten, auch nicht zwischen Fortschritt und Bewahrung. Sie verläuft zwischen Gemeinschaften, die sich konkret dafür entscheiden, auf der Seite des Lebens, der Würde und der Gerechtigkeit zu stehen – auch wenn es etwas kostet – und Gemeinschaften, die es vorziehen, sich anzupassen, zu schweigen und sich selbst zu schützen.

Für Christus oder nicht.

Es ist eine einfache Frage. Und eine unglaublich anspruchsvolle.