Ökumenische Pioniere slawischer Schriftkultur: Kyrill und Method – Apostel der Slawen und Patrone Europas
In der slawischen Welt gibt es viele Spannungen, die wir nur verstehen, wenn die Lebensgeschichte der Slawenapostel Kyrill und Method Revue passieren lassen. Sie stellten die Einheit, nicht die Trennung der slawischen Christinnen und Christen in den Mittelpunkt, und als Pioniere der slawischen Kulturen ist ihr missionarisches Wirken von weltgeschichtlicher Tragweite.
Von Niklas Raggenbass
Wenn ich nach dem Gottesdienst am 14. Februar, dem Gedenktag von Kyrill und Method, beim Kirchenkaffee frage, ob jemand diese Heiligen kenne, wird vielen zu diesem Tag der Heilige Valentin einfallen. Doch dass Kyrill und Method zu den wichtigsten Heiligen der Ostkirche zählen und es ihrer Missionsarbeit zu verdanken ist, dass man die slawischen Sprachen schreiben und lesen kann, wird nicht allen bekannt sein. Ob Russisch, Bulgarisch, Serbisch, Ukrainisch oder Mazedonisch: In Osteuropa ist die von Kyrill und Method im 9. Jahrhundert erfundene Schrift und Sprache bis heute gegenwärtig.
Missionsarbeit durch die Sprache vor Ort
Kyrill (um 827 bis 869) und Method (um 815 bis 885) stammten aus dem Norden Griechenlands, aus Thessaloniki (Saloniki), der damals zweitgrössten Stadt des byzantinischen Reiches. Ihr Vater war griechischer und ihre Mutter slawischer Herkunft. Die Bedeutung von Sprachen, auch in schwierigen Verhältnissen, war ihnen in die Wiege gelegt. Es war daher nicht verwunderlich, dass sie vom byzantinischen Kaiser Michael III. losgeschickt wurden, dem grossmährischen Fürsten Rostislav als Missionare zur Seite zu stehen.
Schwachstelle der Slawenmission: Keine Schrift
Schnell hatten sie die Schwachstelle für ihre moderne Sicht der Missionsarbeit ausgemacht: Die Slawen besassen noch keine Schrift. «Wie soll ich auf Wasser schreiben?», fragte Kyrill den Kaiser. Darauf entwickelten sie aus den griechischen Kleinbuchstaben ein auf slawische Laute abgestimmtes Alphabet mit vierzig Buchstaben, welches Vorläufer der so genannten «kyrillischen Schrift» wurde.
Die beiden Brüder fertigten Übersetzungen der Bibel und liturgischer Texte an, womit sie den Beginn des Slawischen als Schriftsprache markierten. Die bisher als «barbarisch» geltenden Slawen wurden in den Kreis der spätantiken Schriftkulturen erhoben: Griechisch, Latein und Hebräisch waren nicht mehr die ausschliesslichen Liturgiesprachen. Die Brüder führten neu auch den Gottesdienst in slawischer Sprache ein, womit ihre Missionsarbeit um Jahrhunderte voraus war. Eine verständliche Verkündigung legte den Grundstein für die weitere Christianisierung des Ostens!
Für Kyrill und Method blieb entscheidend, dass sie an der Bindung zu lateinischen wie zu byzantinischen, zu westlichen wie zu östlichen Traditionen festhielten. Sie wirkten «ökumenisch» in einer Zeit, als die Christinnen und Christen in Ost und West noch Teil einer einzigen Kirche waren. Es war ein daher deutliches Zeichen, als der erste slawische Papst Johannes Paul II. sie zu «Patronen Europas» ernannte.