«Die Armen sind der Schatz der Kirche» – Laurentius von Rom – der Heilige mit dem Rost
Wenn im Kreuzworträtsel nach dem Namen jenes Heiligen gefragt wird, nach dem in St. Gallen die reformierte Kirche neben der Kathedrale benannt ist und der zum Schutzpatron der Köche und Komödianten erkoren wurde, dann fällt Ihnen der Name vielleicht nicht ein. Er ist Ihnen aber mit Sicherheit schon oft begegnet, gilt er doch als einer der am meisten verehrten Heiligen: Laurentius.
Von Niklas Raggenbass
Laut den Überlieferungen wurde Laurentius im Nordosten Spaniens auf einem Landgut in Osca, dem heutigen Huesca, geboren und kam dann nach Rom. Papst Sixtus II. weihte ihn zum Diakon und machte ihn zu seinem Finanzchef.
Grausame Christinnen und Christenverfolgung
Im 3. Jahrhundert nach Christus geriet das römische Reich in eine Krise. Feinde von aussen und innen bedrohten es. Das Christentum war noch keine vom Reich erlaubte Religion und fand trotzdem immer mehr Anhängerinnen und Anhänger. Kaiser Valerian war dies ein Dorn im Auge; er wollte daher die Führungselite dieser ungeliebten Religion ausschalten. Mit einem Edikt aus dem Jahr 258 verfügte er, dass alle Bischöfe, Priester und Diakone hingerichtet werden müssten. Papst Sixtus II. wurde sofort liquidiert, Laurentius jedoch zunächst nur verhaftet und ausgepeitscht. Valerian forderte ihn auf, den Kirchenschatz innerhalb von drei Tagen herauszugeben.
Der wahre Schatz der Kirche
Diakon Laurentius machte sich nun eilends daran, alles Gold und Silber, Juwelen und Smaragde der Kirche an die Armen zu verteilen, die darin einen Beweis für die Existenz und Richtigkeit des Christengottes sahen. Nachdem die drei Tage abgelaufen waren, präsentierte Laurentius dem Kaiser jene beschenkte Schar von Leprösen, Verkrüppelten, Blinden, Witwen und Waisen und meinte: «Die Armen sind der wahre Schatz der Kirche!»
Mit diesem Wort hält er noch heute Christinnen und Christen einen Spiegel vor. Laurentius hat nicht nur dem Kaiser clever geantwortet, sondern er schrieb uns etwas Zentrales ins Bordbuch. Normalerweise denken wir beim Thema Kirchenschatz an materielle Güter: Wertvolle Kunstwerke, prächtige Kirchen, Immobilien, Aktienpakete und sonstige Rücklagen. Laurentius aber stellt eine Werteskala auf den Kopf, die als sicher gilt. Unser eigentlicher Schatz sind die Armen, und zwar nicht nur als Geduldete am Rande. Das ist ein grosser Anspruch, den man nicht loslassen darf, denn sonst geben wir unser Christsein auf! Gut, dass Laurentius uns immer wieder daran erinnert.
Was wirklich zählt
Laurentius hat den Kaiser so provoziert, dass dieser ihn auf einen glühenden Rost legen und verbrennen liess. Aus diesem Grund wird er mit einem Rost als Symbol dargestellt und ist allen Berufen Patron, die mit Feuer zu tun haben. Aber auch den Schaustellern und Clowns, denn die Legende erzählt, dass er beim Erleiden des Martyriums gescherzt habe: «Henker, lass mich wenden, der Braten ist auf dieser Seite schon gar!» Der Laurentius-Rost stellt uns die Frage: «Bei aller Brutalität, die du über andere Menschen ausübst, sage mir, was wirklich zählt!»