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Matthäus-Evangelium – die Lehrschrift

Selig Die Armen Im Geiste Kirchenfenster In Trittenheim An Der Mosel St. Clemens
Szenen aus der Bergpredigt: Kirchenfenster in Trittenheim an der Mosel, St. Clemens.

Das Matthäusevangelium war das Evangelium, das den grössten Verbreitungsgrad von allen vier Evangelien hatte. Es hat die Liturgie der Kirche beeinflusst und steht im Kanon des Neuen Testaments an erster Stelle. Grosse Achtung und einen weiten Bekanntheitsgrad geniesst bis heute die Bergpredigt. Der «Balken im Auge», «deine Rechte wisse nicht, was deine Linke tut» oder das auf Sand oder Fels gebaute Haus sind sprichwörtlich geworden. Die Niederlegung der Lehrreden von Jesus in dieser dichten Form ist das Werk des Verfassers des Matthäusevangeliums. Und diese Bergpredigt ist ein gutes Beispiel zur Verdeutlichung des Charakters des Evangeliums nach Matthäus: Gerne wird Matthäus als der Lehrer unter den Evangelisten bezeichnet.

Eckdaten

Das Matthäusevangelium ist nach dem Markusevangelium das zweitälteste Evangelium und datiert zwischen 80 und 90 n. Chr. Auch beim Verfasser dieses Evangeliums kann man davon ausgehen, dass er Jesus nie kennen gelernt hat. Dass er mit dem Apostel Matthäus identisch sei, wird in der Forschung als eher unwahrscheinlich angesehen. Der Entstehungsort der Schrift wird in Syrien vermutet.

Der Verfasser stützt sich für seine Texte einerseits auf das Evangelium von Markus, das sich mit wenigen Ausnahmen und nicht selten wortwörtlich im Matthäusevangelium wiederfindet. Andererseits verwendet er schriftliches Quellenmaterial, auf das sich auch Lukas bezieht, zusätzlich auf solches, das wir nur bei Matthäus finden (matthäisches Sondergut) und wohl auch auf mündliche Überlieferungen.

Ein ökumenisches Evangelium?

Das Matthäusevangelium wird manchmal als «ökumenisches» Evangelium bezeichnet. Jesus selbst war der jüdischen Tradition verpflichtet. Seine Anliegen richteten sich deshalb an seine jüdischen Glaubensgeschwister. Matthäus nun – wenn der Verfasser denn so geheissen hat – richtet sich von den vier Evangelisten am stärksten auf dieses Thema aus. Zur Zeit der Abfassung dieses Buches bestanden die christlichen Gemeinden nämlich längst nicht mehr hauptsächlich aus Juden und Jüdinnen. Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft schlossen sich hier zusammen. Das lief nicht nur friedlich ab. Es gab grosse Streitereien zwischen den sogenannten «Judenchristen» und den sogenannten «Heidenchristen». Manche Gemeinden drohten deswegen zu zerbrechen. Matthäus nun ist es ein grosses Anliegen, das jüdische Erbe allen Beteiligten zugänglich zu machen, und gleichzeitig ist ihm die Öffnung der Lehren Jesu für alle Menschen ein Anliegen.

Die Bergpredigt: Matthäus, der Pazifist

Eine Eigenart des Matthäusevangeliums ist, dass es grosse Redeblöcke beinhaltet. Man zählt deren fünf. Zwei dieser Reden sind sehr bekannt: «Die Bergpredigt» und «das grosse Weltgericht».

Die Bergpredigt spricht von der Nächstenliebe und hat stark pazifistische Züge: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Für den matthäischen Jesus sind die «wahren» Werte des Lebens sehr wichtig. So warnt er etwa davor, zu sehr am Materiellen festzuhalten. Vielmehr rät er dazu, sich auf das zu konzentrieren, das weder Motten zerfressen, noch ein Dieb stehlen kann, jene Werte, die in uns und bei Gott liegen: Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

Und nicht zuletzt ruft er zur Bescheidenheit auf. So soll man sich nicht etwa mit dargestellter Frömmigkeit für etwas Besseres halten. Nicht lautes Beten, das andere Menschen beeindrucken soll, führt zu Gott, sondern vielmehr die Bescheidenheit, die auch nicht viele Worte braucht: Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schliess die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. (…) Denn euer Vater weiss, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. (…)

Heulen und Zähneklappern: Matthäus, der «Donnerer»

Diesen sehr poetischen und dem Menschen zugewandten Aussagen stellt der mit Tadel nicht zimperlich agierende «Lehrer» Matthäus schon in der Bergpredigt drastische Bilder gegenüber, etwa wenn er von der Verwerflichkeit des Ehebruches spricht: Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiss es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Neben den wertschätzenden Worten Jesu an die Jünger finden wir beim matthäischen Jesus so manche Konfrontation mit den schlimmsten Höllenqualen: Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äusserste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneklappern sein. Solche Texte befremden. Doch Matthäus hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, und dabei werden jene, die sich im Leben bemühen, belohnt, während jene, die ein schlechtes Leben führen, bestraft werden.

Eine der bekanntesten Lehrreden Jesu, die sich mit diesem Thema beschäftigt, ist das sogenannte «grosse Weltgericht» am Ende des Matthäusevangeliums. Jesus sagt dort zu seinen Jüngern: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen (…). Und nachdem die Jünger fragen, wann sie Jesus denn zu essen und zu trinken gegeben hätten, antwortet er: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Diese Menschen werden das Himmelreich erben. Doch dieser Verheissung stehen jene gegenüber, die nichts für die Geringsten getan haben. Diese werden weggewiesen: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Hier kommt der Lehrer Matthäus voll zum Zuge. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb sich dieses Evangelium über Jahrhunderte hinweg sehr zur Einschüchterung der Menschen, zur Androhung von Höllenstrafen bei Ungehorsam geeignet hat. Deshalb haftet diesem Evangelium auch häufig etwas Ungutes an. Es wird nicht selten im Zeichen von strenger Moral und strafendem Tadel gesehen.

Forderung nach Gerechtigkeit

Der Blick auf den «Schulmeister» Matthäus wird diesem aber in seiner Breite in keiner Weise gerecht. Das, was uns heute befremdet, wurde von den Hörern und Hörerinnen zu Matthäus’ Zeit deutlich anders aufgefasst, als das heute der Fall ist. Die Androhung der Höllenstrafen wurde nicht in erster Linie als beängstigend aufgefasst. Im Gegenteil: Es war ein Hoffnungsevangelium für die damaligen Christen. Den christlichen Gemeinden gehörten viele Menschen aus den Unterschichten an, Menschen, die in der Gesellschaft einen sehr schlechten oder gar keinen Stand hatten. Hierzu gehörten viele Frauen und Sklaven. Dass ihnen, denen in der Gesellschaft kein Recht zukam – für Frauen, Kinder und Sklaven gab es keine Rechtsprechung –, vor Gott aber einst das Heil und die Gerechtigkeit zukommen würde, war ein Befreiungsschlag. Und das ist bis heute so. In der sogenannten «Befreiungstheologie», die sich v.  a. gegen die Apartheid gerichtet und damit viel zur Abschaffung dieser beigetragen hat, war Matthäus ganz zentral.

Matthäus will, dass alle Menschen in die Gerechtigkeit geführt werden, und dazu benutzt er drastische Bilder. Auch wenn uns diese in unseren Breiten und heute fremd sein mögen, die Sorge um die Geringsten und eine alle Menschen umfassende Gerechtigkeit ist bei uns genauso aktuell wie damals.

Rembrandt: Arbeiter im Weinberg

Sondergut

Als Sondergut bezeichnet werden jene Texte, die nur in einem der vier Evangelien auftauchen. Zu den bekannteren Sondergutstexten bei Matthäus gehören z. B. die Geschichte der drei Magier aus dem Morgenland, derer wir am Dreikönigstag gedenken, oder die Geschichte der Arbeiter im Weinberg oder eben das grosse Weltgericht.

Leseempfehlungen

Mt 2,1-15 (die Weisen aus dem Morgenland)
Mt 5-7 (Bergpredigt)
Mt 20,1-16 (die Arbeiter im Weinberg)
Mt 25,31-46 (das grosse Weltgericht)

Nicht nur diese Geschichten sind es wert, sich mit ihnen zu beschäftigen. Lassen Sie sich vom Matthäusevangelium herausfordern, inspirieren und berühren. Vielleicht schenkt es Ihnen Ideen und Anregungen.

Pfrn. Liza Zellmeyer

Serie zu den viear Evangelien

Die Vielfarbigkeit der frohen Botschaft

Nach den Beiträgen zum Lukas- und Markusevangelium folgt nun ein Blick auf das Matthäusevangelium. Die Serie will einen kleinen Einblick in die spezifische Eigenart der jeweiligen Evangelien geben. Unsere Leitfragen waren: Was ist einem Evangelisten besonders wichtig? Wo werden die Schwerpunkte im Evangelium gesetzt?

Unser Jesus-Bild ist immer ein durch die unterschiedliche Perspektive der Evangelien geprägtes. Es finden sich hier also vier Texte nebeneinander, die sehr unterschiedlich sind, ja sich teilweise sogar widersprechen. Für uns ist das nicht Ausdruck eines Defizites, sondern einer grossen Stärke der biblischen Botschaft. Die Vielfarbigkeit auch der Evangelien ist kein theologischer Mangel, sondern Ausdruck der Weite des christlichen Glaubens.

Wenn wir die vier so unterschiedlichen Evangelien immer wieder neu – und vielleicht auch nebeneinander – lesen, zeigen sich erst diese Vielfalt, Vielfarbigkeit und Fülle der frohen Botschaft.

Liza und Thomas Zellmeyer