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Pfingsten – Sich aus der Deckung wagen

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Bild: Marlies Dellagiacoma

Es ist eine Geschichte, wie es viele gibt im Neuen Testament: Die Jünger kommen zusammen. Aber in diesem Fall ist der Meister nicht mehr da. Gekreuzigt vor fünfzig Tagen, dann schemenhaft von einigen wahrgenommen, nach Aussage bestimmter Frauen und einiger anderer angeblich lebend gesichtet, vor allem in Emmaus auf geheimnisvolle Art erkannt. Und jetzt ist der Pfingsttag (Schawuot auf Hebräisch), ein grosses Fest für alle Juden, die sich versammeln.

Kurz gesagt: Die Jünger haben sich voller Angst verkrochen. Sie wissen nicht mehr weiter. Es fehlt ihnen an Inspiration, was sie als nächstes unternehmen sollen. Zweifellos haben sie die Torah konsultiert, die Schriften der Propheten und die Psalmen, wie Jesus es ihnen empfohlen hatte. (Lk 24.44)

Es ist klar, dass sie misshandelt und vielleicht sogar eingesperrt werden, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen, dann…. nun dann …. ergeht es ihnen vielleicht wie ihrem Meister.

Ausserhalb ihres Verstecks, ihres Schlupfwinkels, ihres Zufluchtsortes geht das Leben weiter. Ein Leben, das nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie sind Jesu Jünger, weil er sie gelehrt hat, Dinge anders zu betrachten. Jetzt, nachdem Jesus nicht mehr bei ihnen ist, müssen sie ohne Lehrmeister weitermachen. Sie müssen selbständig sein und alles unter sich ausmachen. Sie müssen alles Weitere selbst planen – ausgehend von dem, was sie bis jetzt gelernt haben. Aber was ist das „Weitere“? Eine Fortsetzung des Bisherigen oder etwas ganz anderes? Und ausserdem, sollte man überhaupt etwas tun?

Bild: Marlies Dellagiacoma

Dies ist in wenigen Worten der Rahmen, in dem sich das Pfingstfest der Jünger zugetragen hat. Sie sind aufgewühlt, wie es heute die Kirchen sind. Sie schotten sich ab, sie verstecken sich hinter ihren Errungenschaften. Sie fürchten sich davor, aus ihrer Deckung, aus ihrer Komfortzone hinauszutreten.

In der Torah finden wir die Geschichte vom Turm zu Babel. Die Geschichte des hebräischen Volkes, das sich aufgrund seiner Sprache und seines Blutes als auserwähltes Volk zusammengefunden hat – ganz im Gegensatz zur Lehre Jesu. Wird diese Lehre, seine Lehre, dieses Volk bekehren können, wenn es Jesus selbst nicht gelungen ist?

Wir wollen Wunder sehen, wir wollen gerne einen „Showman“ bewundern; aber uns selbst erneuern, den eigenen Geist erweitern, nein, das ist zu viel verlangt… Es scheint, dass religiöse Gehirne nicht dazu geschaffen sind, selbständig zu denken, sondern dazu, zu folgen.

Dann müsste man also eine Alternative finden, aber welche?

Es scheint, dass die Jünger gerade am Tag dieses Schawuot-Festes etwas „Revolutionäres im religiösen Denken“ wahrgenommen haben. Sie sahen die Chance, ja sogar die Notwendigkeit, sich anderen Sprachen und anderen Völkern zu öffnen. Ganz im Gegensatz zur Aussage der Geschichte von Babel, in der die Aufsässigen in so viele verschiedene Sprachen wie möglich getrennt wurden, um eine gegenseitige Verständigung unmöglich zu machen

Die Idee der Jünger geht in die entgegengesetzte Richtung. Schluss mit dem elitären Konzept eines auserwählten Volkes aufgrund von Sprache oder Blut, sondern eine Botschaft für alle, unabhängig von Sprache, Kultur, Wohlstand, Tradition oder Ethnie.

Sie verstehen, dass ihre Botschaft nicht länger einer Elite vorbehalten sein kann, sondern sich einer unbekannten Vielfalt stellen muss, damit sie Bestand hat und sich entfalten kann. Sie sind Feuer und Flamme für Jesu Botschaft und dieses innere Feuer wird sie antreiben.

Dann müsste man also eine Alternative finden, aber welche?

Ich beobachte, dass unsere Kirchen seit Jahrzehnten und wahrscheinlich noch länger, unter der Angst vor Veränderung leiden. Hier und da gab es kosmetische Reformen, aber keine tiefgreifenden. Jede Kirche hält an ihren Vorrechten, ihren Gewohnheiten, an ihren Traditionen fest unter dem Vorwand, dass Veränderung gefährlich sei. Anstatt sich zu öffnen, schliesst man sich im Schutz eines bequemen „spirituellen Schlupfwinkels“ ein.

Die einen beobachten oder lesen die anderen, um zu sehen, ob es nicht ein Patentrezept gegen die immer stärker werdende Leere gibt. Und wenn das Problem im Grunde genommen nicht doch in diesem latenten Elitismus läge? In diesem rituellen, theologischen, pseudospirituellen elitären Selbstbild…? Wie oft habe ich schon diese Fähigkeit beobachtet, durch den Rückspiegel in die Zukunft zu blicken. „Ach, wie schön war es doch früher, zu Zeiten von …!“

Ein grober Irrtum dieses Schlupfwinkeldenkens. Im Schlupfwinkel bewegt sich nichts, alles bleibt immer gleich, alles hat seinen Platz. Und wehe denen, die etwas verschieben oder verändern wollen. Man greift auf alte Rezepte zurück und denkt, da sie sich bewährt haben, werden sie weiterhin und für immer funktionieren… Zweiter grosser Irrtum!

Copy-paste – man kennt es! Auf diesem Gebiet gibt es Spezialisten. Sogar für Plagiate. In einer wichtigen Parenthese sollten wir uns daran erinnern, dass die christlichen Liturgien das griechische Theater zum Vorbild nahmen.

Es scheint, dass man jedes Mal, wenn man aus der bequemen Komfortzone, um nicht zu sagen aus dem Schneckenhaus, ausbricht, mit dem Zorn des Volks der Konformisten rechnen muss; so wie es den ersten Jüngern Jesu geschah. Dieses Schneckenhaus kennen auch die heutigen Jünger, also die Geistlichen, und die aktiven oder passiven Gläubigen.

Aus Angst zu missfallen, verwarnt oder ausgegrenzt zu werden, entscheiden sie sich zu schweigen, wählen sie die „political correctness“. Durch dieses angepasste Verhalten bleiben sie in Deckung.

Ich bin schon vielen Pastoren und Priestern begegnet, welche zurückgestuft, verleumdet und gefeuert wurden, weil sie dem herkömmlichen Model nicht entsprachen. …

Aus innerem Feuer möchten sie weitergeben, was sie zu sagen haben. Aber sie können ihre Begeisterung nicht in vollem Ausmass zeigen, weil sie sonst den Zorn der Umwelt riskieren… Die Zeit vergeht und ihre Energie geht verloren. Das ist es, was tötet und Leere schafft.

Wenn man hingegen für alles offen ist, dann kann sich vieles ereignen, von der schöpferischen Gestaltung bis zur schöpferischen Erholung (la création, la recréation, la récréation). Ich habe häufig offene, gewagte, neue und „exegetisch“ ehrliche Predigten erlebt. Diese sagen rückwärtsgewandten Menschen gar nicht zu. Solche Predigten wollen in die Pflicht nehmen. Zum Glück fühlen sich andere davon angesprochen.

Wir müssen handeln, „ob es gelegen oder ungelegen kommt“, um Paulus zu zitieren (2 Ti, 4.2 BigS). Die Jünger handelten gemeinsam, und als Gemeinschaft sollten auch wir handeln.

Während der ganzen vergeudeten Zeit in besagtem Schlupfwinkel hat sich draussen ein anderes Leben etabliert und entwickelt. Immer libertärer, konsumorientierter, vergnügter, festlicher und sorgloser, ökonomischer, berechnender und umweltschädlicher. Die christliche Botschaft, aus den Schranken befreit, muss im heutigen, aktuellen Leben ihren Platz finden, denn sie bringt echte Befreiung mit sich.

Wenn die Botschaft durch die Liturgie in ihre Schranken gewiesen wurde, muss letztere zukünftig Praktiken weichen, die offener und festlicher sind. Wenn man sich hinter einer verharmlosenden Rhetorik versteckt hat, ist es Zeit, sie durch eine offene, ehrliche und direkte Sprache zu ersetzen. Es ist Zeit, den Zeitgenoss*innen aufmerksam und respektvoll zu begegnen, mit einer lebensnahen und vor allem wahren Sprache. Auch unsere junge Generation kann damit erreicht werden.

Pfingsten war zwar ein religiöses Fest, aber ein richtiges Fest! Mit Lichterglanz, denn der Sabbat beginnt am Abend und wird am nächsten Tag fortgesetzt. Und mit Gesang und Musik, denke ich, mit den Mitteln eben, die damals üblich waren!

Sprechen wir über die Mittel. Welche Mittel wollen wir einsetzen? Welche Unterstützung wollen wir zur Verbreitung der Botschaft leisten? Welches begeisternde Leben wünschen wir uns in und durch unsere Kirchen?

Wäre es der Mühe wert, etwas zu riskieren?

Wir sind heute weit vom Geist von Pfingsten entfernt. Das ist es, was das schöne Werk, das uns Jesus hinterlassen hat, zu zerstören scheint.

Kann ich völlig ungeschützt etwas vorschlagen? Nachdem wir den Hirtenbrief 2022 unseres Bischof Harald gelesen haben und angesichts unserer Angst vor Veränderungen, ermuntere ich uns zu neuen Schritten. Zum Beispiel in unseren Gottesdiensten: Könnten wir uns eine Liturgie vorstellen, die weniger festgefahren ist, variierend auf dasselbe Ziel hin? Mit Ton und Licht? Und spontanem Gesang und Musik? Wir bekämen eine andere Sichtweise, würden eine andere Atmosphäre erleben.

Haben Sie schon einmal eine improvisierte Messe erlebt? Wie sollen wir uns diese vorstellen? Wer hat je gewagt, sich eine andere Art vorzustellen, Gottesdienst zu feiern? Diejenigen, welche es riskierten oder heute dieses Risiko auf sich nehmen, wurden und werden getadelt und daran gehindert. Öffnen wir unsere Räume dem Unerwarteten (Café-Theo, Reisen durchs Bistum, mehr Raum für Kinder und Jugendliche… gesellige Mahlzeiten… Ich könnte noch vieles aufzählen.).

Vielleicht kann zeitgenössische Musik den (unter anderem über Bach) eingeschlafenen Geist aufwecken.

An Pfingsten, das ist sicher, erfasste ein neues Feuer die Herzen der Jünger. Diese begriffen, man kann mit den alten Methoden nichts neues erschaffen. Wenn man neuen Wein ausschenken will, ist es nicht ratsam alte Schläuche zu verwenden. Diese würden reissen und der Wein wäre verloren. (Mt 9, 17)

Stimmen Sie mir zu, dass viele Christ*innen eine Botschaft in sich tragen, welche noch niemand vernommen hat? Warum ist das so? Haben sie sich verschanzt oder hat man sie eingesperrt, damit sie Ruhe geben?

Unsere Fähigkeit vom Glauben zu sprechen und aus dem Glauben zu handeln gründet auf den Evangelien. Das ist unsere Stärke. Es ist die Lebensphilosophie der Kirche….

Haben wir Mut! Die Lösung liegt ausserhalb unserer alten Systeme. Warum sollten Wirtschaft, Politik oder Unternehmertum längst das begriffen haben, was die Kirchen nicht einmal zu versuchen bereit sind? In die Zukunft schauen, etwas neu betrachten, neue Ideen aufnehmen, sich vermehrt in Bewegung setzen, ausbrechen … usw.

Es ist ein grosser Irrtum zu meinen, die Kirchen seien für die Ewigkeit geschaffen. Es gab Kirchen und Religionen vor ihnen, welche untergingen. Alle Menschen zu erreichen versuchen ohne eine Elite zu bilden, das ist der Ausweg. Das begriffen die Jünger an Pfingsten.

Wir haben Veränderung nötig und wir müssen aus unserer Deckung heraustreten! Das ist Pfingsten! Also wann und wie machen wir den ersten Schritt?

Pfarrer Jean Lanoy, Genf, zu Pfingsten 2022
Deutsche Übersetzung von Martina Felchlin und Edgar Cadosch