Daniel Burri: «Mit dem Ohr durch das Leben»
Seit seiner Geburt lebt Daniel Burri ohne Augenlicht – doch seine Welt ist voller Klang und Resonanz. Für ihn sind die Stimmen im Chor und die Töne der Orgel weit mehr als Musik: Sie sind Ausdruck von Freiheit, Gemeinschaft und Lebensfreude.
Von Vera Rüttimann
Seine Finger gleiten sicher über die Tasten des Klaviers, treffen jeden Ton. In einem leicht abgedunkelten Raum einer Wohnung im Sydefädeli (Stiftung Alterswohnungen) in Zürich sitzt ein Mann und ist ganz bei sich. Er ist geburtsblind und beherrscht sein Instrument dennoch mühelos.
Wie macht der gebürtige Langendorfer das? «Ich improvisiere viel, lerne durch das Hören der Musik und über den Text, der in Brailleschrift verfasst ist», sagt er. Sein feines Gehör wurde auch in seinem Beruf gebraucht. Ein Grossteil seines Lebens war der 68-Jährige als Klavierstimmer tätig. Allein 38 Jahre beim Musikhaus Jecklin, dann noch fünf Jahre bei Musik Hug.
Erst Klavier, dann Orgel
Früh kam auch die Orgel in sein Leben. Bruno Eberhard, Domorganist der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn, wurde in Langendorf sein neuer Nachbar. «Der Kontakt half. Mit 15 konnte ich bei ihm Orgelstunden nehmen.» Später orgelte er in vielen Kirchen. Allein von 1974 bis 2002 in Langendorf.
Oft war es herausfordernd: «Es erfordert viel Konzentration, all die Geräusche und die Musik aufzunehmen und zu verarbeiten. Sehbehinderte Menschen sind immer mit dem Ohr unterwegs.»
Die Musik war es denn auch, die ihn zur christkatholischen Kirche brachte. Ursprünglich reformiert getauft, engagierte sich Daniel Burri früh im Kirchenchor der christkatholischen Kirchgemeinde. «Auch beim Kreistanzen habe ich bei der christkatholischen Kirche mitgemacht. Irgendwann sagte ich mir: Ich kann doch nicht reformiert sein und doch so intensiv bei der christkatholischen Gemeinde dabei sein.» 1997 trat er zu den Christkatholiken über.
Mehrere Chöre
Daniel Burris zweite Leidenschaft ist das Singen. «Ich habe schon als Kind gerne gesungen», sagt er. In seinem Leben hat er demzufolge in mehreren Chören mitgewirkt. So unter anderem im Berner Blindenchor, im Kirchenchor Mett in Biel oder bei den «Blindsingers». Das führte ihn in wunderschöne Sakralräume wie etwa das Kloster St. Johann im Val Müstair.
Der vital wirkende Mann singt auch im Kirchenchor Höngg. «Auf die bevorstehende Aufführung der Toggenburger Passion von Peter Roth freue ich mich besonders», sagt er. Und immer wieder ruft der Orgeldienst. «Am meisten spiele ich in der christkatholischen Christuskirche in Zürich-Oerlikon.»
Singen ist Heimat
Das Singen und Proben in einem Chor ist für Daniel Burri viel mehr als nur ein Termin, der seine Woche strukturiert: «Es ist auch Heimat. Ich geniesse das Zusammensein mit anderen Menschen in einem Chor.» Ausgesprochen genossen habe er neun Jahre lang die Singwoche in St. Moritz mit dem Singkreis der Engadiner Kantorei. «Eine Woche lang Proben, dann das Konzert in der Kirche. Es war wunderbar!»
Besonders gerne erinnert er sich an eine Singwoche mit der Engadiner Kantorei mit Konzerten an Orten wie Marseille, Avignon und Arles.
Daniel Burri reist stets mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbständig und sicher. Auch die Tram-Station Waidfussweg unweit seiner Wohnung erreicht er sicher mit seinem «tastenden» weissen Stock. Er hofft, dass ihm sein Gehör noch lange erhalten bleibt. Das Ohr ist für ihn das Tor zur Welt – und zur Musik.
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