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Solidarität als Ausdruck der Gottesliebe

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«Solidarität ist heute das grösste Fremdwort geworden. Bei vielen Touren, die Geld kosten, wird leider auch das Herz und die Seele verkauft. Willkommen bei der Selbstverwirklichung, koste es, was es wolle.» Als zweithöchster Berg der Erde ist der K2 eines der beliebtesten Ziele für Bergsteiger*innen. Foto: Shutterstock

Zement, Balance und Puls der Gesellschaft

Wenn wir nach «Solidarität» fragen, sollte man meinen, dass wir im Inhaltsverzeichnis der Bibel fündig werden. «Solidarität» findet sich aber weder im Alten noch im Neuen Testament.

Ein Grundzug in vielen biblischen Erzählungen ist jedoch die wechselseitig solidarische Bindung zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft, vor allem innerhalb der Gemeinschaftsformen Familie, Sippe, Stamm und Volk (Genesis 2,23ff.; Richter 9,2). Auch der Ratschlag der Nächstenliebe (Johannes 13, 34–35; Lukas 10, 25–37) gehört keineswegs nur in den Rahmen des intim Privaten und Persönlichen. Nächstenliebe gilt auch im öffentlichen Raum der Gesellschaft, des Handels, der Wirtschaft und der Rechtsprechung. Liebe könnte als soziale Gerechtigkeit bezeichnet werden und auf den Punkt gebracht: Liebe ist Solidarität. Dorothee Sölle (1929–2003) spricht von der «Solidarität als tiefstem Ausdruck der Gottesliebe».

Solidarität: Das grösste Fremdwort?

Die Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung vom 18. April 1999 nimmt den Ausdruck «Solidarität» in allen vier Landessprachen als tragenden Grundwert des menschlichen Zusammenlebens auf. Bundesrätin Simonetta Sommaruga nahm diesen Impuls aus der Bundesverfassung auf, als sie am 16. März 2020 sagte: «Es braucht Solidarität». Damit unterstrich sie zu Beginn der «Corona-Pandemie» die Dringlichkeit des Mitwirkens aller Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz. In den Nachrichten war zu hören, wie bei der Bergbesteigung eines der höchsten Berge der Welt ein verletzter Helfer von den Bergsteigern links liegengelassen wurde. Eine Gottesdienstbesucherin sagte: «Solidarität ist heute das grösste Fremdwort geworden. Bei vielen Touren, die Geld kosten, wird leider auch das Herz und die Seele verkauft. Willkommen bei der Selbstverwirklichung, koste es, was es wolle.» Auch in schwierigen Situationen scheint es Menschen zu geben, die sich unsolidarisch verhalten. «Diese Egoisten» liesse sich da schimpfen! Kann das auch bei uns passieren? Egoisten auch bei uns? «Die Schweiz – ein Land von Egoisten, das zur Solidarität erzogen werden muss?» titelte die NZZ am 22. Dezember 2021. Wer das fordert, begibt sich auf abschüssiges Terrain. Denn wenn die Schweiz ihre Bürgerinnen und Bürger in der Verfassung zum Gemeinwohl verpflichtet, so der Staatsrechtsprofessor Markus Müller, kann das gefährlich werden: Eine solch breit gefasste Pflicht birgt das Risiko staatlicher Willkür. «Solidarität» also mehr ein frommer Wunsch.

Die lange Reise der Solidarität

Vom Römischen Reich bis zur Coronapandemie und dem Krieg der Ukraine – der Begriff «Solidarität» hat eine lange Reise hinter sich. Wissenschaftliche Studien haben bestätigt, was der Grieche Platon schon wusste: Egoisten sind nicht glücklicher als andere Menschen. «Wer immer nur an sich denkt und auf Kosten anderer lebt, hat schlechtere Chancen auf die Zufriedenheit. Das haben verschiedene, auch internationale Untersuchungen übereinstimmend gezeigt», sagte Philosoph Prof. Dr. Kurt Bayertz. Was bedeutet «Solidarität» für uns? Vielleicht kann uns ein Blick zurück in die Geschichte das Wort verständlicher machen.

Wo liegen die Wurzeln des Begriffs Solidarität?

Am Anfang war das Geld. Oder genauer: Fehlendes Geld. Der Ursprung des Wortes «Solidarität» liegt im Schuldrecht. Wer im Römischen Reich über seine Verhältnisse lebte, konnte sich zumindest theoretisch auf die Hilfe der anderen verlassen. Dafür sorgte ein Passus im römischen Recht, die «OBLIGATIO IN SOLIDUM». Danach musste jedes Familienmitglied für die Gesamtheit der Schulden aufkommen – und umgekehrt ebenso die Gemeinschaft für die Schulden des Einzelnen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese Rechtsfigur auf Politik, Gesellschaft und Moral übertragen.

Schon Platon wusste: Egoisten sind nicht glücklicher als andere Menschen. Foto: Shutterstock

Was bedeutet Solidarität?

Wer mit Freunden über «Solidarität» spricht, meint damit umgangssprachlich den Zusammenhalt oder das Eintreten für gleiche Interessen. Der französische Soziologe Emile Durkheim (1858–1917) beschreibt «Solidarität» als Zement, der die Gesellschaft zusammenhält. Heute sprechen Soziologen von «Solidarität», wenn es sich um einen freiwilligen Akt symbolischer oder materieller Hilfe handelt. Man ist solidarisch mit denen, die für ihr Recht kämpfen müssen. Gleichzeitig gehen die Helfer unterschwellig davon aus, dass ihnen im umgekehrten Fall auch geholfen würde. «Erwartung potenzieller Gegenseitigkeit» nennen das die Wissenschaftler.

Wo fängt Solidarität an – wo hört sie auf?

Ein Kind bietet einer alten Frau im Bus seinen Sitzplatz an. Ist das «Solidarität»? Nein, sagen Solidaritätsforscher. Die nette Geste des Jungen ist pure Höflichkeit und lässt zwar auf eine gute Kinderstube, nicht aber zwingend auf ein Gespür für «Solidarität» schliessen. Und die Spende zur Weihnachtszeit? Hier zeigt sich eine neue Form der «Solidarität». Denn wer spendet, tut dies aus einer Position der Überlegenheit heraus. Er kennt die Empfängerin oder den Empfänger meist nicht persönlich – und rechnet deshalb nicht mit einer Gegenleistung. Dies steht im Gegensatz zu früheren Vorstellungen von «Solidarität.»

Warum wurde Solidarität im 19. Jahrhundert wichtig?

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war die Schweiz, wie auch Deutschland, eine Agrargesellschaft, die meisten Menschen lebten auf dem Land. Was sich in Deutschland entwickelte, hatte auch Einfluss auf die Schweiz. Mit der Industrialisierung änderte sich die Situation auf dem Land und in den Städten. Bauern verkauften ihr unrentables Land und zogen massenhaft in die neu gegründeten Industriestädte. Konnten sich die Bauern in der «Jeder kennt jeden» – Welt der Dörfer noch auf den Zusammenhalt der Gemeinschaft verlassen, mussten sie sich in der Stadt allein durchschlagen – entwurzelt, anonym und arm. In diesem tristen Umfeld begannen sich Arbeiter und Bauern zu solidarisieren. Sie hatten die gleichen Probleme und Ziele, also konnten sie auch gemeinsam für ihre Forderungen nach Mindestlohn, Arbeitsschutz und Fünftage-Woche kämpfen: «Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht! Beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nie vergessen: die Solidarität!» – aus dem Solidaritätslied von Bert Brecht und Hanns Eisler.

Solidarität als Balance in der Sozialversicherung

Es war Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898), der im damaligen Deutschen Reich die Sozialgesetze verabschiedete, die auf Solidarität beruhten, die den Staat und die Einzelnen in einer Balance hielt. Die moderne Sozialversicherung entstand in den 1880er-Jahren. Damit setzte Bismarck bis heute gültige Massstäbe beim Aufbau eines staatlichen Sozialsystems. Unfall-, Kranken- und Altersversicherung sollten nicht nur die Not lindern. Sie zielten auch darauf ab, Arbeiter von der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) abzubringen und für die Monarchie zu gewinnen. Mit den Sozialgesetzen wurde ein Modell geschaffen, das von vielen Ländern übernommen wurde, auch von der Schweiz. Das neue Versicherungsprinzip hiess, dass Leistungen nicht mehr vom Bedarf abhängig sind, sondern automatisch, per Rechtsanspruch garantiert, gewährt werden. Es markierte den Übergang von einer auf Fürsorge und punktuelle Schadensbehebung bedachten Sozialpolitik zu einer ausbaufähigen Daseinsvorsorge durch eine Sozialversicherung. Die Risiken des Erwerbslebens werden dabei abgedeckt und sie beruhen auf einem individuellen Rechtsanspruch.

Warum sprechen Politiker so oft von Solidarität?

Auf der politischen Bühne erscheint der Solidaritätsbegriff Anfang des 19. Jahrhunderts. Er ersetzt die im Nachklang der Französischen Revolution berühmt gewordene Losung der Brüderlichkeit (fraternité). Doch diese klammerte natürlich den Zusammenhalt unter Frauen aus. Heute fordern Politiker und Parteiprogramme «Solidarität» aus verschiedenen Gründen – meist, um die Menschen auf zukünftige Belastungen vorzubereiten.

Was hat die Solidarität mit der Wende in Polen zu tun?

Happige Preiserhöhungen, Versorgungsengpässe und staatliche Willkür – so sah der Alltag im Polen der Siebzigerjahre aus. Das wollten sich die Arbeiter 1980 nicht mehr bieten lassen: Sie streikten. Aus dieser Bewegung entstand die «Solidarnosc» (deutsch: Solidarität) und damit erhielt dieser Begriff eine neue Dynamik. Die Gewerkschaft und ihr Vorsitzender Lech Walesa gewannen schnell an Popularität. Zehn Millionen Anhänger hatte «Solidarnosc» damals. Zu viel für die kommunistische Regierung: 1982 wurde «Solidarnosc» verboten. Als Untergrundbewegung war sie aber weiter aktiv und wirkte massgeblich an der politischen Wende 1989 mit. Ihr Vorsitzender Lech Walesa wurde 1990 zum Staatspräsidenten Polens gewählt. Heute spielt «Solidarnosc» in der Politik keine Rolle mehr. Als Gewerkschaft ist sie weiter aktiv, hat aber an Glanz verloren: Unter den 38 Millionen Polen finden sich nur noch etwa 800 000 «Solidarnosc» – Mitglieder. Friedensnobelpreisträger Lech Walesa trat 2005 au

Solidarität ist der Puls der Demokartie

An unserer «Solidarität» lässt sich der Puls der Demokratie messen, und das geht über jede emotionale Verbundenheit hinaus, so die Philosophin Ina Schmidt. «Solidarität» verhält sich nicht wie die Werte Treue, Freundschaft oder Loyalität. Durch «Solidarität» ist man nicht unbedingt mit anderen Menschen emotional verbunden – oft kennen wir diejenigen gar nicht, mit denen wir solidarisch sind. Keine äusseren Strukturen sind es, mit denen wir uns konform zeigen. Es ist die Verbundenheit zu dem, was wir wollen und was uns wertvoll, existenziell und wesentlich erscheint. Damit kann eine menschliche Gemeinschaft gelingen, in der alle zählen. Ina Schmidt sagt, dass «Solidarität» nicht fragt: «Was habe ich davon?», sondern «Was kann ich aus gutem Grund zum Gelingen des Ganzen beitragen?»

«Solidarität» ist nicht einfach eine Parole oder ein Festhalten an Traditionen, sie ist auch mehr als das Mitgefühl mit Einzelnen, die in problematischen Situationen Position stecken, mehr als die Grundlage für unsere verschiedenen Versicherungssysteme, in dem eine Generation für die andere sorgt. «Solidarität» ist das, was unsere Gemeinschaft zusammenhält, es ist ein Prinzip der Verbundenheit, in dem sich jedes gesellschaftliche Miteinander in der Demokratie zu entfalten beginnt und das im Handeln sichtbar wird.

Es ist nicht selbstverständlich, dass das solidarische Miteinander in einer Gesellschaft gelebt wird. Hungersnöte, Kriege und wirtschaftliches Gewinnstreben lassen uns oft eine Kehrseite der menschlichen Möglichkeiten erleben und wir sehen, wie etwas auseinanderfallen und zersplittern kann, das einmal eine zusammenhaltende Gemeinschaft war. Diese Wahrnehmung wird dem, was heute stattfindet, nicht überall gerecht. Neben all den alarmierenden und besorgniserregenden Entwicklungen unserer Zeit, gibt es grosse und kleine Solidaritätsbekundungen, wenn etwa nach Unwettern um Hilfe nachgefragt wird oder wenn nach Todesfällen oder Katastrophen viele Menschen alles stehen und liegen lassen, um zu helfen. Bei allen Problemen, Differenzen und Konflikten geht es um eine «Solidarität», die die Gegenwart im Blick hat und die für die Zukunft offen ist! Wer der «Solidarität» in ihrer religiösen Bindung nachgeht, wird «Solidarität» getragen wissen von der Liebe Gottes.

Kurt Bayertz und Niklas Raggenbass

Wir fragten bei Professor Dr. Kurt Bayertz nach und danken ihm für die Recherchetipps, die uns «fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn)» zur Verfügung stellte. Professor Bayertz lehrt seit 1993 praktische Philosophie an der Universität Münster in Deutschland. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ethik, Angewandte Ethik und Anthropologie.

Kurt Bayertz
Warum überhaupt moralisch sein?
2014 | 2. Auflage
295 Seiten
Verlag C.H.Beck
ISBN 978-3-406-67002-2