Via Crucis im Petersdom: Ein reformierter Schweizer im Herzen der katholischen Kunst
Am 20. Februar 2026 wurde im Petersdom im Vatikan ein neuer Kreuzweg eingeweiht: 14 grossformatige Ölgemälde des Schweizer Künstlers Manuel Andreas Dürr (*1989, Biel/Bienne) sind während der Fastenzeit zur Passions- und Osterzeit als Via Crucis installiert worden.
Von der Redaktion
Das Besondere daran: Dürr ist reformiert und gehört der ökumenisch geprägten Gemeinschaft Jahu an. Seine Auswahl für einen Auftrag im Zentrum der römisch-katholischen Weltkirche markiert einen ungewöhnlichen Brückenschlag zwischen konfessioneller Tradition und zeitgenössischer Sakralkunst.
Internationaler Wettbewerb und Auswahl
Die Fabbrica di San Pietro (die Dombauhütte des Petersdoms) schrieb im Dezember 2023 einen internationalen Wettbewerb aus, um einen neuen Kreuzweg anlässlich des 400-jährigen Jubiläums der Weihe der Basilika (1626–2026) zu vergeben.
Aus über 1000 Einreichungen aus etwa 80 Ländern wählte eine Jury aus Kunsthistorikern, Liturgikern und vatikanischen Repräsentanten Dürrs Entwurf «unisono» aus – nicht zuletzt wegen seiner kompositorischen Balance, tiefen Spiritualität und Ausdruckskraft. Neben dem künstlerischen Rang des Vorschlags spielte auch der interkulturelle Dialog eine Rolle: Das Werk sollte zugleich liturgisch angemessen, theologisch tief und ästhetisch einfühlsam sein.
Der Künstler und sein Zugang
Dürr studierte Malerei in Florenz und später Philosophie und Kunstgeschichte in Freiburg (CH) und Bern, was seinen künstlerischen und intellektuellen Zugang prägt. Obwohl er nicht zur katholischen Kirche gehört, fühlt er sich «theologisch nah an der katholischen Glaubenstradition» und kennt liturgische Vorstellungen auch durch familiäre und ökumenische Erfahrungen.
In einem Interview betonte er, dass das zentrale Thema – Jesus Christus und seine Passion – Menschen aller Konfessionen tief bewegt. Zugleich sieht er seine Aufgabe darin, nicht künstlerisch zu intervenieren, sondern zu integrieren: Seine Bilder sollen nicht ausschliesslich «zeitgenössische Kunstwerke» sein, sondern Teil einer lebendigen Frömmigkeitstradition im Petersdom.
Gestaltung der Kreuzwegbilder
Die Via Crucis besteht aus 14 Ölgemälden, die Episoden aus dem Leiden und Sterben Jesu Christi darstellen – vom Urteil über Jesus bis zu seiner Grablegung. Jedes Bild misst rund 1,30 × 1,30 Meter und ist entlang der Basilika so angebracht, dass Pilger und Besucher in der Fastenzeit meditativ von Station zu Station gehen können.
Stil und ikonografische Ausrichtung
Figurativer Realismus: Dürr setzt auf eine gegenständliche, klar erkennbare Darstellung der Szenen. Gerade in einem liturgischen Kontext sei dies wichtig, erklärt er – die Bilder dienten dem Beten und der Kontemplation, nicht nur der künstlerischen Reflexion.
Traditionsbezogenheit: Visuell orientieren sich die Werke an klassischen Vorbildern der europäischen Kunstgeschichte, insbesondere der Renaissance und Barocktradition. Zugleich nehmen sie bewusste Anleihen an der vorhandenen Farbwelt und Architektur des Petersdoms (etwa Farbtöne von Mosaiken und Reliefs), sodass sie sich organisch in den sakralen Raum einfügen.
Spiritualität statt Provokation: Die Jury hob hervor, dass das Werk eine tiefe spirituelle Sprache spreche – unmittelbar, kraftvoll und doch feinfühlig. Dürr selbst vermeidet radikale zeitgenössische Bruchformen; die Kreuzwegstationen sollen die Betenden zur inneren Einkehr und Meditation einladen.
Blick auf das Werk
Einige Szenen, etwa Jesu erster Fall unter dem Kreuz oder die Übergabe des Schweisstuchs durch die Heilige Veronika, rufen klassische Motive auf, die im reformierten Kontext nicht identisch traditionell überliefert sind, die Dürr aber als «bildtheologisch tief» interpretiert. Dieser Fokus auf das ikonische Erleben von Christus – weniger als historisches Ereignis, mehr als transzendentale Gegenwart – macht die Bilder auch für nicht-katholische Betrachter anschlussfähig.
Bedeutung und Wirkung
Dass ein evangelisch-reformierter Künstler im Petersdom eine solche Aufgabe übernimmt, gilt als Zeichen ökumenischer Offenheit und künstlerischer Wertschätzung. Es ist zugleich ein Hinweis darauf, wie Sakralkunst im 21. Jahrhundert Konfessionsgrenzen überschreiten kann, ohne die liturgische Identität des Ortes zu verwässern.