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«Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halt ihm auch die linke hin!»

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Entschieden sprach sich Mahatma Gandhi auch für ein Miteinander aller Religionen aus. Gandhi wollte auch die Botschaft des Christentums von ihren Wurzeln her neu verstehen. Bild: Shutterstock

Jesus von Nazareth und Mahatma Gandhi – Träumer, Propheten und Realisten

Der indische Rechtsanwalt und Politiker Mohandas Karamchand Gandhi (1869 – 1948) kämpfte für den Frieden ohne Waffen und Gewalt. 50 Jahre seines Lebens setzte er sich für die Rechte und die Befreiung des indischen Volkes ein. Als es im Vorfeld der Unabhängigkeit Indiens immer wieder zu blutigen Unruhen zwischen den Anhängern beider Religionen kam, weil die Hindus die Muslime als unrein brandmarkten, kämpfte Gandhi mit Predigten und Hungerstreiks für ein Ende der Gewalt, für den Frieden: «Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg!»

Tollkühner Protest: Mager, aber hart

Morddrohungen, Gefängnis und die Anschläge auf sein Leben konnten ihn nicht davon abhalten, Formen des Widerstandes ohne Gewalt zu finden. Eine seiner tollkühnsten Aktionen war der 58 Kilometer lange Protestmarsch tausender Inder im Spätherbst 1913 in Südafrika, wo er begonnen hatte, sich für die Menschen in Not einzusetzen. In der südafrikanischen Zeitung «Sunday Post» war zu lesen: «Die Pilger, angeführt von Mr. Gandhi, bilden eine überaus pittoreske Schar. Sie sind mager, ihre Schenkel sind blosse Stöcke, aber die Art, wie sie mit Hungerrationen weitermarschieren, weist auf ihre Härte hin. Von den zweitausend gehen eintausendfünfhundert in einer ziemlich kompakten Masse zusammen. Mr. Gandhi erfreut sich absoluter Verehrung.»

Entschieden sprach sich Mahatma auch für ein Miteinander aller Religionen aus. Gandhi wollte auch die Botschaft des Christentums von ihren Wurzeln her neu verstehen. Die Missionare trieben ein zwielichtiges Spiel mit der Bibel. Gandhi entdeckte Jesus von Nazareth durch die religiös-sozialreformerischen Schriften des Russen Lew Tolstois. Er sah, wie weit sich viele Christinnen und Christen vom Wanderprediger Jesus entfernt hatten.

Kann man Jesus von Nazareth (noch) ernst nehmen?

Gandhi war sich bewusst, dass das Christentum eine radikale Friedensbotschaft in sich trägt, die oft genug missdeutet wird. Einmal hat er sich über sein Verhältnis zum Christentum provozierend geäussert: «Wenn da nur die Bergpredigt wäre, würde ich nicht zögern zu sagen: ‚O ja, ich bin ein Christ.’ Leider ist aber viel, was unter dem Namen Christentum läuft, eine Negation der Bergpredigt.» Den Weg der Feindesliebe, den Jesus genommen hat, ist von Gandhi mit hinduistischen Gedanken verbunden worden, mit dem «Weg der Einfachheit und Wahrheit». Zentral wichtig war für ihn der Satz von Jesus: «Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin (Matthäusevangelium 5, 39)!» Hand aufs Herz: Sagen sich nicht viele, dass Jesus etwas bescheuert sein musste? Wer nicht zurückschlägt, muss ziemlich doof sein. Kann man einen Jesus von Nazareth ernst nehmen

Die christliche Feindesliebe ist pure Zumutung?

Jedes Mal, wenn es ihm um eine aktive Feindesliebe ging, fühlte sich Gandhi mit dem Nazarener besonders verwandt. Jesus antwortete den römischen Soldaten nicht mit Gewalt. Er ergab sich auch nicht als passives Opfer, sondern hat die Gewalt als Gewalt selbstbewusst demaskiert. Mit dieser Haltung hat Gandhi gegen die britische Besatzung Indiens erbitterten Widerstand geleistet. Selbstbewusst und unbestechlich stand er da – bereit jedes Unrecht auszuhalten. Er liess sich nicht aus der Ruhe bringen, das eine Ziel ins Visier zu nehmen: Die Gewalt muss überwunden werden. ­Jesus und Gandhi waren überzeugt, dass eine Seite den Gewaltkreislauf unterbrechen muss, wenn es überhaupt eine Chance geben soll, ihn zu beenden. Diesen Gedanken finde ich eine Zumutung. Aber eine bestechende. Vielleicht haben wir ihn in den letzten Jahren zu sehr aus den Augen verloren.

Mahatma Gandhi war 1931 in Europa und hörte, wie der Puls schlug. Er sprach vom Abrüsten, was vielen fremd vorkam, und machte eine Diagnose: «Europa hat den weisen, kühnen und tapferen Widerstand des Jesus von Nazareth als passiven Widerstand missdeutet, wie wenn es sich um die Tat eines Schwächlings handelte. Als ich das Neue Testament zum ersten Mal las, fand ich nichts von Passivität oder Schwäche an Jesus in den Schilderungen, die die Evangelien von ihm geben.» Diese Zeilen schrieb Gandhi in der Zeitschrift «Harijan» – wenige Wochen vor seinem gewaltsamen Tod vor 75 Jahren.

Jesus ein unbequemer Lehrer

Für den Meister des gewaltlosen Widerstandes gegen Diskriminierung, Ausschluss anderer Religionen und Unterdrückung war Jesus Christus einer seiner Lehrer. Gandhi sah in der Bergpredigt eine Handlungsanleitung und er wollte weitergehen. Er bezog Jesu Liebesvorschlag und Liebesethik nicht nur auf die Beziehung zwischen Einzelpersonen, sondern er machte sie zu einer gewaltigen gesellschaftlichen Macht. Denn für Gandhi gehörten religiöse und gesellschaftliche Praxis zwingend zueinander. Und Mahatma doppelte nach: «Um den allgemeinen und alles durchdringenden Geist der Wahrheit von Angesicht zu Angesicht zu schauen, muss man fähig sein, das geringste Geschöpf zu lieben wie sich selbst. Und jemand, der danach strebt, kann es sich nicht leisten, sich aus allen Bereichen des weltlichen Lebens herauszuhalten. Deshalb hat meine Hingabe an die Wahrheit mich ins Feld der Politik getrieben.»

Mahatmas Kampfmittel heisst: Gewaltloser Widerstand

Das konnte für Gandhi nur bedeuten, dass er auf mehreren Ebenen kämpfen musste: Für die Gleichberechtigung und soziale Besserstellung der Inder in Südafrika und für die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialmacht kämpfte und für die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den indischen Dörfern und für den friedlichen Umgang von Hindus und Muslimen in Indien. All sein Wirken und alles, was er von anderen wie etwa Jesus, lernte, gründete auf «Satyagraha», eine eigene bedeutende Wortschöpfung Gandhis. Es lässt sich übersetzten durch «Die Kraft der Wahrheit und der Liebe» oder in einem Wort heisst es «Gewaltlosigkeit.» Sein Kampfmittel – der gewaltlose Widerstand – war aus den Sanskritworten «Satya» für Wahrheit und «Agraha» für Stärke oder Beharrlichkeit zusammengesetzt ist.

Was hat «Verlieren» mit Liebe zu tun?

Beispielhaft für Gandhis Gedanken, die immer wieder auf den Kern der Liebe führen, an der er festhalten will, ist die Geschichte von der Zugfahrt. Einmal wollte Mahadma in einen Zug steigen, doch dabei verlor er eine seiner Sandalen. Der Zug fuhr an und so gelang es ihm nicht mehr, auszusteigen und die Sandale zu holen. Kurzerhand zog er die andere Sandale auch vom Fuss und warf sie aus dem Fenster, so dass sie neben der ersten zu liegen kam. Die übrigen Fahrgäste wunderten sich über sein Verhalten. Schliesslich getraute sich einer zu fragen: «Warum haben Sie dies getan? Nun haben Sie zwei Schuhe verloren!» Gandhi lächelte. «Was soll ich mit einer Sandale? So hat wenigstens der, der beide findet, ein Paar, das er anziehen kann.»

Mahatma – die grosse Seele

Am 30. Januar 1948 hatte sich der 78-jährige Gandhi in Delhi zum öffentlichen Gebet eingefunden, als er von einem fanatischen Hindu erschossen wurde – dreimal ins Herz. Mahadma sei ein Verräter der muslimischen Sache. Ein Jahr zuvor war sein Indien unabhängig geworden, wenn es leider auch zwei Staaten geworden waren. Viele Redensarten und Geschichten Mahadmas, «der grossen Seele», wie man ihn liebevoll nannte, gehen zu Herzen und sind heute aktueller denn je. Gewaltsame brutal geführte Konflikte, religiös unterfüttert, sind heute genauso ungelöst wie damals. Das bedingungslose Eintreten für Gewaltlosigkeit ist Gandhis bedeutendstes Vermächtnis: «Ich glaube an die Gewaltlosigkeit als einziges Heilmittel!»

Niklas Raggenbass

Susmita Arp
Gandhi
Mahatma Gandhi ist längst zu einer Ikone geworden. Doch hinter dem Bild dieses «Heiligen», verblasst oftmals die Erinnerung an den Menschen Mohandas Karamchand Gandhi, an einen Politiker, der grosse Höhen und Tiefen durchlebte, an einen Reformer, der irren konnte; an einen rastlosen Idealisten, dem das wahre Leben manch herbe Lektion erteilte – an einen Mann von bestechender Originalität, gepaart mit einer aussergewöhn­lichen Willenskraft.
Rowohlt Taschenbuch
Ersterscheinung: 2007
160 Seiten
ISBN: 978-3-499-50662-8