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Willkommen in Liestal – wir sind ueberall zu Gast

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In der «Markthalle» in Basel kamen die Synodalen zum Abendessen zusammen. Je nach Neugier und Hunger konnte man sich vom sogenannten «Wohnzimmer» aus ein spanisches, indisches, chinesisches, thailändisches oder französiches Essen holen – und noch vieles andere mehr. Foto: Niklas ­Raggenbass

Eindrücke aus der 156. Nationalsynode in Liestal

Bevor sich die Nationalsynode an ihrer Session vom 2. bis zum 3. Juni 2023 in Liestal mit der Zukunftsgestaltung und einige Wahlen befassen konnte, mussten alle, die mit dem Zug anreisten eine riesige Baustelle überqueren. Wo nur hin zur Stadtkirche? Keine Sorge! Die Helferinnen und Helfern des Organisationskomitees hiessen uns will

Geduldig lotsten sie uns durch den Dschungel der Absperrungen und Unterführungen. Wir kamen sicher ins «Stedtli» zum evangelisch-reformierten Kirchgemeindehaus, wo wir uns erst einmal mit Kaffee, Tee und frischen Gipfeli stärken konnten. Man umarmte sich, diskutierte bereits über heisse Essen, brachte die anderen mit Witzen zum Lachen oder musste noch dies und das zur Synode vorbereiten.

Wir sind überall zu Gast

Treffpunkt für den Gottesdienst war die evangelisch-reformierten Kirche St. Martin. Es war gut, vorher Zeit zum Ankommen zu haben. Der Moderator des Organisationskomitees, Pfarrer em. Christoph Bächtold, hiess uns willkommen. Wenn er allen eine zukunftsweisende Synode wünschte, mag er dazu einen Impuls zur Zukunft unserer Kirche im Blick gehabt haben: «Ein eigentliches Zentrum oder eigene Räumlichkeiten hat unsere Kirchgemeinde nicht; wir sind überall zu Gast. Aber wir werden von unseren Schwesterkirchen immer wieder sehr offen und herzlich empfangen. So auch heute von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Liestal in der Stadtkirche und im Kirchgemeindehaus und später dann auch von der evangelisch-methodistischen Kirchgemeinde.»

Der junge Organist Jermaine Sprosse suchte uns in der Sprache der Musik für den Gottesdienst zu öffnen. Er überschlug sich fast in seinen gekonnten Improvisationen. Der Organist liess uns das romantische Orgelwerk von 1863 der Firma Merklin-Schulze mit immer neuen Registerkombinationen erleben. Auch während der späteren Gespräche kam zum Ausdruck, dass alles, was wir über Verbesserungen oder Erneuerungen diskutieren, im Gottesdienst, in unserer Verbindung mit Gott, seine Grundlage hat. Die rote liturgische Farbe heisst ja nicht «stopp,» sondern «komm heiliger Geist»

Zurückziehen und involvieren

Der gastgebende Pfarrer Simon Huber erzählte in seiner mutigen Predigt von einer sehr religiös eingestellten alten Dame. Die Landlady hatte an allen bestehenden Religionen etwas auszusetzen. Also gründete sie ihre eigene Religion. Sie wohnte dort in einem alten Haus, zusammen mit ihrem Hausmädchen Mary, einer alten Jungfer, wie sie selbst. Neugierige Reporter fragten die schrullige Frau, ob sie denn sicher sei, dass nur sie und ihr Hausmädchen in den Himmel kommen. Die alte Dame dachte lange nach und sagte dann: «Bei Mary bin ich mir nicht so sicher».

Simon Huber fragte uns ohne Umschweife: «Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?» Wir wollen allein sein und von niemandem gestört werden. Ich sehe diesen oder jenen und Befürchtungen tauchen auf. Oje, oje. Der schon wieder. Er wird sich dauernd zu Wort melden. Pfarrer Huber wollte uns mit der Geschichte ermutigen, durchzuhalten – auch wenn die Geduld manchmal fast am Ende ist. Er rief dazu auf, sich einzubringen – auch mit Unliebsamem und Unbequemem. Doch der Clou bei der Sache sei, dass man sich auch wieder zurückziehen muss, doch nicht aus Weltverachtung oder Arroganz, sondern um wieder ein offenes Ohr zu bekommen, wieder aufnahmefähig zu werden, dass wir uns den anderen zuwenden und unsere Meinung offen sagen können. Es ist der Schlüssel fürs Leben, dass wir den anderen nicht aufdringlich in Beschlag nehmen, sondern die nötige Distanz wahren. Jesus konnte beides. Er konnte sich zurückziehen und sich involvieren – immer «passend». Pfarrer Huber überraschte mich, weil er, ganz untypisch, zum Schluss richtig energisch wurde: «Jesus wollte einen passgenauen Beitrag zum Wachstum seiner Mitmenschen, einen passgenauen Beitrag zur Lösung eines Konfliktes, einen passgenauen Beitrag zur Verbesserung einer Situation leisten.»

Von und mit Gott sprechen

Nach dem Gottesdienst eröffnete Präsident Hannes Felchlin die Nationalsynode. Schnell kam er zum Kern seiner Anliegen, als er den altkatholischen Bischof Matthias Ring zitierte: «Manchmal habe ich den Eindruck, dass der kirchliche Betrieb auch ganz gut ohne Gott funktioniert. Wir müssen lernen, neu auszusagen, was wir denn meinen, wenn wir von Gott sprechen.» Hannes Felchlin fragte, ob sich nicht auch bei uns zeigen würde, dass der kirchliche Betrieb ganz gut ohne Gott funktioniert? Er nahm die Antwort vorweg: Es zeige sich besonders dann, wenn wir meinen, modern und aufgeschlossen zu sein. Der Synodenpräsident wies noch auf etwas anderes hin. Bischof Matthias würde mit der «Gottfrage» ansprechen, was wir meist weniger ins Zentrum stellen. Unter Marketing-Gesichtspunkten sei das verständlich, denn dieser Inhalt stelle gegenüber unseren «Mitbewerbern» kein Alleinstellungsmerkmal dar. Der Glaube an einen allmächtigen Gott, der in einer persönlichen Beziehung zum Menschen stehe, wirke in unserer Zeit befremdlich, fast peinlich. Was also tun?

Formen des Gemeindelebens

Hannes Felchlin gab für die Synode eine visionäre Zielrichtung vor und schloss sich Bischof Harald an: «Es liegt an uns allen, die nötige Kraft und Ausdauer, aber auch Mut für Neues und für die nötigen Transformationen aufzubringen. Wir müssen die Vergänglichkeit akzeptieren. Tendenziell werden immer mehr nur noch jene Menschen einer Kirche angehören, welche dies aus innerer Überzeugung möchten und ihre persönliche Sinnfindung dort beheimatet wissen. Dies bedingt vielleicht neue Formen des Gemeindelebens und deren Strukturen. Einerseits vielleicht eine verstärkte Regionalisierung, auch über Kantonsgrenzen hinaus; andererseits geht die Tendenz sicherlich weg von einer Betreuungskirche hin zu einer stärker partizipativen Beteiligungskirche oder Bekenntniskirche. Dies ist meiner Ansicht nach ein sehr wertvoller Weg, wenn auch aus strukturellen und finanziellen Überlegungen ein sehr schwieriger Weg.»

Landratspräsidentin und Nationalsynodenpräsident

Nach dem Mittagessen, zu dem es drei feine Suppen gab und wir von Christoph Bächtold ermutigt wurden, alle drei zu geniessen, kamen die Synodalen im Landratssaal zusammen, wo uns Landratspräsidentin Lucia Mikeler Knaack begrüsste und gutes Gelingen wünschte. Scherzend sagte sie, dass ihr normaler Platz durch den Synodenpräsident besetzt sei. Sie wolle ihn jetzt aber nicht vertreiben. Nachdenklich stimmten dann ihre Gedanken zur Ökumene. Als ihre christkatholische Mutter und ihr römisch-kathoslischer Vater in den 50er Jahren ökumenisch heiraten wollten, war dies streng verboten. Heute sei sie stolz, in einem Kanton zu sein, wo die Ökumene offen und gastfreundlich gelebt wird und sogar die Nationalsynode der christkatholischen Kirche im Landratssaal zu Gast sein kann. Darum wolle sie ihr «Herzlich willkommen» wiederholen!

Theologiestudium attraktiv?

Die Leiterin des Instituts für christkatholische Thelogie an der Universität Bern, Prof. Dr. Angela Berlis, stellte dar, vor welchen Herausforderungen die Theologie steht. Sie freut sich, dass die Habilitation von Prof. Dr. Georgiana Huian angenommen wurde und sie weiter als Assistenzprofessorin für Systematische Theologie und Ökumene tätig sein kann. Trotz allem bleibt für Angela Berlis eine Hauptsorge die fehlenden Studierenden und damit verbunden die drohende Infragestellung der bisherigen Unterstützung durch den Kanton Bern. In der anschliessenden Diskussion wurde gefragt, ob das Theologiestudium heute attraktiv sei. Die Institutsleiterin sagte, dass sie mit ihrem Team neben fächerübergreifenden Vorlesungen, Doktorandenseminaren, Forschungstätigkeiten und Anlässen, die für alle Fachrichtungen angeboten werden, auch versuche, den modernen Anforderungen gerecht zu werden. Einige Vorlesungen würden durch Zoom-Verbindungen im Internet, übertragen. Sie lud alle ein, ihre Ideen vorzubringen, wie man sich mehr öffnen oder die Inhalte der Theologie verändern könnte. Es wurde im Laufe der folgenden Gespräche an der Synode deutlich, dass sich die Theologie in dem Masse verändern muss, wie sich die Kirchgemeinden verändern.

Monatliche Erscheinungsweise

Zur Abstimmung stand die monatliche statt der bisher vierzehntägigen Erscheinungsweise der Zeitschrift «Christ­katholisch». Der Präsident des Medienkomitees, Ruedi Rey, legte die Vorteile der monatlichen Erscheinungsweise dar und stand Rede und Antwort zu dem, was sich ändern würde. Die Erscheinungsweise etwa würde übersichtlicher und die Erarbeitung der Artikel könne stimmiger gemacht werden, führte Rey aus. So sind auch einzelne Themenhefte geplant. Inhaltlich bleibe es bei den bisherigen Rubriken, was nicht ausschliesse, dass andere dazukommen. Ein sehr grosses Anliegen, sagte Rey weiter, sei für das neue «Christkatholisch», wenn vermehrt Artikel von den Kolleginnen und Kollegen der italienisch- und französischsprachigen Schweiz aufgenommen werden. Nach der sehr guten Annahme der monatlichen Erscheinungsweise ab Januar 2024 durch die Synodalen, wird Ruedi Rey mit seinem Team an die Neugestaltung des Heftes gehen können.

Aufbruch im Umbruch

Am Samstag Vormittag ging Hannes Felchlin das Kernanliegen der Synode konkret an: Aufbruch im Umbruch – wie geht es mit unserer Kirche weiter? Hannes Felchlin hatte, in Übereinstimmung mit Bischof Harald, alle provozierend gefragt, ob es für den christlichen Glauben die Kirche überhaupt brauche. Ein institutionsloses Christentum und eine individuell bestimmte Religiosität nehmen in unserer Gesellschaft rasant zu. In mehreren Gruppen ist über die Handlungsanweisungen des Hirtenbriefes von Bischof Harald offen gesprochen worden. Er schlug den Synodalen vor, drei Prioritäten zu bewerten und die Umsetzungsmöglichkeiten zu diskutieren: Dass das Bistum an erster Stelle stehen müsse, dass die Kirchgemeinden die Kriterien für eine Kirchgemeinde erfüllen und dass die Bildung von Regionen mit weniger Kirchgemeinden als Überganglösung angedacht werden sollte.

«Nun, packen wir es an», ermutigte Hannes Felchlin die Synodalen. Man merkte an der Stimmung im Saal, dass bei diesen Fragen viele persönliche Erfahrungen und Ideen zusammenkommen werden. Ein Nerv war getroffen. Moderatorinnen und Moderatoren haben die Ergebnisse der Gruppen gesammelt. Der Synodalrat wird dann die weiteren Schritte zu organisieren haben. Bischof, Synodalrat und wir alle werden dafür Sorge tragen müssen, dass die Eisen im Feuer bleiben, die Ansätze nicht blockiert werden und man sein «Fueder nicht überladt». Pfarrerin Denise Wyss sprach die realistischen Möglichkeiten an. Augenzwinkernd gehe sie von der «Theologia Cucinalis» aus. Die Küchentheologie besagt, man gehe am bestem vom Kochen aus. Sie öffne also erst einmal den Kühlschrank und mache dann eine Bestandesaufnahme. So wisse sie immer genau, was und wieviel gekocht werden könne – der Hunger kommt ja bekanntlich mit dem Essen.

Wahlen an der Nationalsynode

Wichtig waren die Wahlen. Die Synodalratspräsidentin Manuela Petraglio hatte ihren Rücktritt bekannt geben. Auch Pfarrer Dr. Adrian Suter und lic. iur. Toni Göpfert sagten, dass sie ihr Amt als Syno­dalräte zur Verfügung stellen würden. Der Nationalsynode stand die Aufgabe zu, die Vakanzen des Synodalrates zu besetzen. Als neuen Präsidenten wählten die Synodalen Franz Peter Murbach (Neuchâtel). Als Geistlichen wählte man Pfarrer Theo Pindl (Würenlingen) und Pfarrer Frank Bangerter (Zürich), während als Laien Paolo Rossi (Lugano/Castagnola) gewählt wurde. Gleichzeitig bestimmte man, den Synodalratssitz des zurückgetretenen Juristen Toni Göpfert vorerst nicht zu besetzen.

Für das Büro der Nationalversammlung fand die Erneuerungswahl statt. Man wählte Pfarrer Nassouh Toutoung (Kanton Neuenburg) zum neuen Präsidenten und als Vizepräsidenten René Meier (Grenchen), während für die Stimmenzählenden nur Christa Praehauser (Baselland) neu gewählt wurde, da Christoph Konrad als bisheriger weiter seinen Dienst tut.

Nicht Menschenlob, nicht Menschenwort

Persönlich und für viele überraschend, wie sein Siegelspruch, teilte Bischof Harald Rein am Ende der Session seinen Rücktritt per Ende November 2023 mit: «Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht (Clemens August von Galen)». Bischof Harald hat im «Christkatholisch» bereits schon eine erste kleinere Mitteilung geschriebe. In diesem Heft 2023-11 ordnet Bischof Harald selbst seinen Rücktritt in unsere Lebenswelt ein.

Ende der Nationalsynode

An seiner Eröffnungsrede nahm Synodenpräsident Hannes Felchlin ein bitteres Zitat vom französischen Theologen Alfred Loisy auf: «Jesus hat das Reich Gottes angekündigt, gekommen ist die Kirche». Am Ende der zweitägigen Synode in Liestal konnte man resümieren, dass die ausgewogenen Diskussionen, zukunftsweisenden, nachhaltigen und visionären Entscheide, sowie die bereichernden Begegnungen untereinander etwas vom Reich Gottes erahnen liessen!
Also: Auf Wiedersehen an der 157. Ses­sion der Nationalsynode in Aarau vom 24. bis 25. Mai 2024!

Text: Niklas Raggenbass
Bilder: Kurt Schibler

Schauen sie sich unten einige stimmungsvolle Bilder der Nationalsynode an. Eine Anzahl prägnanter Testimonials (Vorschau siehe Zeitschrift Christkatholisch 2023-11) haben wir ebenfalls noch bereit.