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Winfried Bader an der Spitze der Schweizerischen Bibelgesellschaft

Christkatholisch Winfried Bader Leiter SB
Winfried Bader: «Es macht einfach Spass in der Bibel zu lesen – vor allem wenn man es mit anderen zusammen macht.» Foto: Elsbeth Iten

Erstmals wird die Schweizerische Bibelgesellschaft von einem Christkatholiken geführt. Warum das kein Zufall ist, welche ökumenische Rolle die Bibelgesellschaft spielt und weshalb Bibellesen auch heute noch relevant ist, erklärt der interimistische Direktor im Gespräch – von weltweiten Übersetzungsprojekten bis zur Frage, wie junge Menschen wieder Zugang zur Bibel finden können.

Von der Redaktion

Lieber Winfried Bader, wie kommt ein Christkatholik zu dieser Position innerhalb der Schweizerischen Bibelgesellschaft?
Winfried Bader: Die christkatholische Kirche ist Mitglied bei der Schweizerischen Bibelgesellschaft (SB). Als eine neue Geschäftsführung gesucht wurde, kam also auch ein Mitglied der christkatholischen Kirche in Frage. Nun wird die SB also erstmals von einem Christkatholiken geführt.

Und warum ist die christkatholische Kirche bei der SB dabei?
Zur DNA der christkatholischen Kirche gehört die ökumenische Ausrichtung. Die Bibelgesellschaft gehört zum Verband der United Bible Societies, die sich weltweit für die Verbreitung der Bibel und damit für die Stärkung christlichen Gedankenguts einsetzt. Es ist auch das Anliegen der christkatholischen Kirche, weltweit mit Christinnen und Christen im Dialog zu sein.

Wie beschreibst du den Auftrag der Schweizerischen Bibelgesellschaft im Ausland?
Als Mitglied der United Bible Societies / Weltverband der Bibelgesellschaften hilft die SB mit, die Bibel weltweit zu verbreiten. Konkret geht es dabei zunächst darum, die biblischen Texte in möglichst viele Sprachen zu übersetzten. Von den über 7’000 bekannten Sprachen weltweit gibt es in knapp 4’000 Sprachen zumindest einzelne Teile der Bibel. Zurzeit sind über 150 Übersetzungsprojekte am Laufen. Eine Übersetzung in «entlegene» Sprachen heisst auch, diese Sprachen als solche zu erfassen und zu dokumentieren, manchmal sogar zunächst eine Schrift für sie zu erfinden. Verbunden mit den Übersetzungsprojekten sind sehr oft auch Alphabetisierungskampagnen, die den Menschen nicht nur das Lesen der Bibel ermöglichen, sondern auch sonst den Zugang zu Informationen und Medien. Auch die mit den Übersetzungsprojekten verbundenen Schulungen sind weit mehr als eine Einführung ins Bibellesen, sondern sehr oft auch eine Hilfe zur Selbsthilfe und vor allem bei Frauen ein Weg zur Emanzipation.

… und in der Schweiz?
Die reiche Schweiz gehört im Weltverband der Bibelgesellschaften zu den Geber-Ländern. Hier in der Schweiz Geld zu sammeln zur Unterstützung der Projekte im Ausland ist die wichtigste Pflicht der SB.
Für die Schweiz ist die SB ein Kompetenzzentrum in Sachen Bibeln. Wir beraten Einzelpersonen und auch Pfarreien über passenden Bibeln für ihre Bedürfnisse, und können diese auch liefern. Für Aktionen in der Krankenhausseelsorge oder auch in der Gefängnisseelsorge stellen wir kostenlos Bibeln zur Verfügung. Für die Arbeit mit Migranten und Migrantinnen haben wir Bibeln in den entsprechenden Sprachen da.
Die Vortragsreihe «Sternenstaub» wollte die Bibel mit der Wissenschaft ins Gespräch bringen und griff so ein wichtiges gesellschaftliches Thema auf.

Warum findest du sollten wir auch heute noch in der Bibel lesen?
Für mich persönlich ist das wichtigste Argument: Es macht einfach Spass in der Bibel zu lesen – vor allem wenn man es mit anderen zusammen macht. Seit 45 Jahren lese ich regelmässig mit andern zusammen in der Bibel. Jedes Mal gibt es dabei viel Freude und Lachen. Das andere – nicht kirchliche und nicht fromme – Argument, in der Bibel zu lesen, lautet: Es ist ein Kulturgut auch Mitteleuropas. Viele Kunstwerke und viele literarischen Werke lassen sich ohne diesen Hintergrund nicht verstehen.

Hat die Bibel bei allen christlichen Konfessionen den gleichen Stellenwert?
Den offensichtlichsten Unterschied gibt es seit der Reformation. Luther, Zwingli und Calvin haben das Sola-Scriptura-Prinzip – allein die Schrift ist wichtig – betont, und der Bibel diesen besonderen Stellenwert eingeräumt, den es im katholischen und orthodoxen Bereich so nicht gibt. Inzwischen haben vor allem viele ökumenische Gespräche klargemacht, dass für alle Christen und Christinnen die Bibel die massgebliche Grundlage gilt. Trotzdem gibt es konfessionelle Unterschiede bis heute, was die konkrete Praxis der Verwendung der Bibel im Gottesdienst und vor allem beim Bibellesen in einer Gruppe betrifft. Da bestehen verschiedene Herangehensweisen. Diese lassen sich weniger formal feststellen, als dass sie einfach da sind. Das fiel mir auf, als ich als römisch-katholischer Mensch lange bei der evangelischen Deutschen Bibelgesellschaft arbeitete.
Seit ich christkatholisch bin, frage ich mich: Gibt es auch eine typisch christkatholische Herangehensweise an die Bibel? Darüber habe ich bei vielen Gelegenheiten auch schon Diskussionen angestossen. Wenn ich dann meine zeitintensive Aufgabe bei der SB wieder hinter mir habe, werde ich mich dieser Fragen wieder zuwenden.

Warum hast du diese Herkulesaufgabe angenommen?
In der Tat: Die Geschäftsführung der SB ad interim für ein Jahr in einer Umbruchphase und Neuausrichtung ist keine leichte Aufgabe. Man muss sich das eigentlich nicht antun, wenn man wie ich bereits in Ruhestand ist und mit Hobbies und Grosskindern ein nettes Rentnerleben führt.
Für mich kam aber mit dem Angebot, diese Stelle anzunehmen, mein ganzes Berufsleben zusammen: Nach meiner wissenschaftlichen Phase als Alttestamentler, die ich bis heute noch fortsetze, indem ich nebenbei als Dozent für biblische Themen arbeite, war die Hälfte meines Arbeitslebens direkt der Bibel gewidmet: In den 90er Jahren war ich bei der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart angestellt. Ich arbeitete damals viel mit unserer Schwestergesellschaft in der Schweiz zusammen und betreute im Weltverband die Verbreitung der hebräischen und griechischen Bibelausgabe – vor allem in den USA. In den drei Jahren, bevor ich in die Schweiz in den kirchlichen Dienst wechselte, war ich Cheflektor beim Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart. Meine letzten drei Berufsjahre waren dann in Zürich beim Schweizerischen Katholischen Bibelwerk. Nun schliesst sich für mich der Keis – und so konnte ich nicht widerstehen, eine Zugabe zu machen –, als Direktor der Schweizerischen Bibelgesellschaft nochmals im Weltverband der Bibelgesellschaften mitzuarbeiten und den Beitrag der Schweiz dafür mitzugestalten.

Was ist daran für dich der besondere Reiz?
Es ist spannend, für die Zukunft der SB eine Idee zu entwickeln und diese mit vielen anderen Menschen, dem Vorstand, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, kirchlichen Entscheidungsträgern, unserer Mitgliederversammlung und den Spenderinnen und Spendern abzustimmen, zu verfeinern und zu realisieren. Dieses Zusammenspiel mit anderen machte mir schon immer Freude. Die Gelegenheit, in ein solches Spiel eine gewichtige Stimme einbringen zu können, das reizt mich.
Kannst du dir vorstellen, das Engagement auch nach einem Jahr weiterzuführen?
Wenn ich erfolgreich arbeite, braucht es mich nach einem Jahr nicht mehr. Falls ich keinen Erfolg habe, bin ich ohnehin nicht der Richtige gewesen. So will ich dann in einem Jahr meine «Rentnerprojekte», ein Lehrbuch zu den Geschichtsbüchern des Ersten Testaments zu schreiben, mit dem Verein bibelkultur seine Bibelsammlung zu erschliessen und mit den Grosskindern in den Bergen zu wandern, nicht mehr länger warten lassen.

Wer interessiert sich noch für das meistgekaufte Buch (aber vielleicht nicht das meist gelesene) der Welt?
Bei der Deutschen Bibelgesellschaft damals war es genug, das Copyright für verschiedene Ausgaben des meistgekauften Buches zu verkaufen. Damit verdienten wir unser Geld, mit dem wir den Weltverband unterstützen konnten. Und es gab genügend, die das Buch einfach besitzen wollten.
Die Schweizerische Bibelgesellschaft hat kein solches Produkt anzubieten. Wir sind darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die sich für den Inhalt interessieren. Daher nehme ich die offensichtliche Antwort auf die Frage, es interessiere eigentlich niemand mehr, nicht hin. Mit viel Optimismus und Elan will ich das ändern. Denn Bibellesen macht wirklich Freude und hilft, das eigene Tun zu reflektieren.

Bibel oder KI – was ist aus deiner Sicht besser?
Bibel ist KI! Die Methode von KI ist, verkürzt gesagt, viele Texte zu durchscannen und aus deren Inhalt Antworten auf bestimmt Fragen zu isolieren und neue Texte zu kreieren. Genau das machte die Bibel: Die Texte der verschiedenen biblischen Bücher nehmen aufeinander Bezug. Das – später entstandene – Neue Testament nimmt die älteren Texte des Ersten Testaments auf, nimmt daraus seine Ideen und formt sie zu neuen Texten um – genauso wie KI es macht – nur besser, weil hinter biblischen Texten immer sehr gute menschliche Autoren und Autorinnen mit ihrem Engagement und ihrem Glauben stehen.

Jungen Menschen wissen oft nichts von der Bibel. Wie willst du das in der Schweiz ändern?
Diese Frage und Aufgabe ist das Schibbolet – ja, für diesen Ausdruck würde es sich nun lohnen, zwei Verse aus der Bibel zu kennen (Richter 12,5-6) – nicht nur für die Bibelgesellschaft, sondern für die Kirchen und das Christentum in der Schweiz überhaupt: Gibt es noch eine gesellschaftliche Relevanz für die Bibel? Darüber müssen wir gemeinsam nachdenken. Und wenn es diese Relevanz noch gibt, dann werden sich junge Menschen auch dieses Wissen aneignen, weil es für sie wichtig ist.
Mein Beitrag und Engagement werden sein, den Kirchen und ihren zuständigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu zeigen, wie wichtig die Bibel ist. Wenn das gelungen ist, dann werden diese engagierten Leute auch Wege finde, wieder die Jungen zu interessieren.

Lieber Winfried, wir wünschen dir bei deiner Aufgabe viel Mut und Zuversicht und nicht zuletzt natürlich auch viel Erfolg.