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Wo geht es hier zur Erfüllung?

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Neujahrsgrüsse der Synodalpräsidentin Manuela Petraglio

Gestatten Sie mir eine etwas provokante Behauptung: Wir leben in einer ausgeprägten Konsum- und Genussgesellschaft mit Steigerungspotential. Jedermann kann sich irgendetwas herauspicken, ganz nach seinen Vorlieben, was gerade passt oder nützt und – sehr wichtig – was ihn von der Masse abhebt. Der ganz persönliche Lifestyle steht im Zentrum unseres Handelns. Oft sind wir bestrebt, unsere persönliche Individualität nach aus­sen zu präsentieren. Alles hat sich unseren Wünschen unterzuordnen. Richtig und wichtig für den ausgeprägten Individualisten (Querkopf) ist, dass er seine eigenen Vorstellungen durchsetzen kann. Die Gemeinschaft verkommt damit zur quantité négligeable.

Mit welcher Haltung wollen wir uns in der Gemeinschaft, in unserer Gemeinde einbringen? Soll unser Engagement dienend oder fordernd sein? Bleiben wir uns treu, auch dann, wenn vermeintlich (oder offensichtlich) andere profitieren? Und wenn wir uns mit Hingabe den immer neuen Aufgaben stellen, obwohl erwünschte Veränderungen ausbleiben? Wenn die Kirche für uns persönlich keinen Nutzen abwirft? Sollen wir dann resignieren und uns von unserer Kirche abwenden? Ich meine: keinesfalls!

Ich-Bezogenheit versus Gemeinschaft

Die Sehnsucht nach Erfüllung, nach mehr als der alltäglichen Wirklichkeit, hat seit jeher Hochkonjunktur, auch im digitalen Zeitalter. Die Suche nach dem Sinn des Lebens entfällt nicht mit dem Kauf eines Smartphones. Der hektische Alltag verstärkt das Bedürfnis nach Ruhe und Harmonie. Und dieses Bedürfnis macht viele Menschen empfänglich für Übersinnliches. Wenn dann noch die politischen und gesellschaftlichen Umstände in vielen Regionen aus dem Ruder geraten, konzentriert man sich lieber auf sein eigenes, ganz individuelles Wohlbefinden. 

Zugegeben, esoterische, metaphysische Empfindungen haben durchaus ihre Anziehungskraft. Sie stellen die Verbindung von Geist und Körper ins Zentrum. Diese ganze ichbezogene Spiritualität trifft den Nerv der Zeit perfekt. Sie drückt nicht die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft aus, sondern eher den Status eines Kursteilnehmers, eines neugierigen Kunden der Konsumwelt, denn sie (die ichbezogene Spiritualität) ist austauschbar und – praktischerweise – äusserst flexibel. Im Gegensatz zum Christentum; es bestimmt und erklärt uns Glaube, Rituale und moralische Aspekte seit Jahrtausenden. Über den Tod hinaus. Christ zu sein bedeutet lebenslange Mitgliedschaft. Gerade diese „Dauerhaftigkeit“ scheint für viele Menschen zu anstrengend zu sein. Der Anspruch der Kirche steht damit dem Bedürfnis nach Individualität, Einzigartigkeit ganz und gar gegenüber. 

Und trotzdem: Das System Kirche ist für uns da. Sie ist von uns allen, von der Umwelt und von der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig. Wir müssen uns aufeinander zu bewegen, offen, unvoreingenommen und mit Achtung. Nur so gelingt eine fruchtbare Kommunikation.

Die Kirche ist die Stimme des Christentums. Sie muss eine Stimme sein, die gehört wird, die wir wollen und die wir auch sprechen. Ohne sie würde es schwer fallen, christliche Werte aufrecht und öffentlich zu halten. Die Stimme der Kirche soll Lebensfülle und Lebensfreude vermitteln, sie soll Leid lindern und ertragbar machen.

Keine Frage der Zahlen

Viele Mitmenschen reden über ihren Glauben nicht in der Öffentlichkeit. Sie bedecken sich mit einer Art Intimitätsgrenze. Wir alle, und damit meine ich die Kirche, müssen diese Zurückhaltung akzeptieren. Aber gleichwohl müssen wir versuchen, Beziehungspunkte zu knüpfen und Prozesse in Gang zu bringen, die das Bewusstsein christlicher Werte fördern und erneuern. Trotzdem, der Erfolg lässt sich schwer in Zahlen messen. Eine lebendige Kirche bedeutet nicht zwingend ein zahlreiches Publikum und laute Halleluja-Rufe. Vielmehr soll Christlichkeit gelebt werden. Vielleicht findet Christlichkeit in einem Flüchtlingsprojekt eher statt als in einem gut gefüllten Gotteshaus.

Dietrich Bonhoeffer (Deutscher Theologe, Nazi-Widerstandskämpfer, (*4.2.1906, +9.4.1945 im KZ Flossenburg) sagt: «Nicht religiös von Gott reden.» Aber auch: «Wir müssen bereit sein, uns von Gott unterbrechen zu lassen.» Daraus könnte man ableiten, die lebendige Kirche sei vom Mitglied her zu entwickeln und dieses möge sich Gott zuwenden.

Kirchgemeinden, auch und vor allem christkatholische, werden in naher Zukunft das eine oder andere echte Problem zu bewältigen haben. Sie müssen ihren «Betrieb» aufrechterhalten. Dazu brauchen sie Menschen, aber auch notwendige Einnahmen. Sie müssen also die gegebenen Möglichkeiten pflegen, diese aber, wenn immer möglich, noch verbessern. In unserer Christkatholischen Gemeinschaft könnte dies «wohlhabende» Kirchgemeinden durchaus ermutigen, den weniger hablichen Gemeinden eine Art Solidaritäts-Bonus entgegenzubringen.

Im Hier und Jetzt leben

Wir sollten nicht vergessen, was wir Menschen der Kirche verdanken; sie birgt viel mehr Weisheit und Lebenserfahrung, als wir je haben werden. Das Gestern ist heute bereits Geschichte, das Heute hingegen ist das Hier und Jetzt. Geniessen wir das Jetzt, die Zeit nach Weihnachten und dem Jahreswechsel. Nutzen wir die besinnliche Zeit auch mit Bedacht und als Kraftquelle.

Liebe Christkatholikinnen und Christkatholiken, ich danke Ihnen für Ihre Verbundenheit ganz herzlich und wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden von ganzem Herzen ein glückliches und gesundes neues Jahr.

Manuela Petraglio
Synodalratspräsidentin