Zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz: KI einfach mal KI sein lassen
Möglichst jeden Tag lerne ich Polnisch am Handy, mit einer Sprach-App, einfach zwischendurch, im Zug, oder sonst, wenn ich Zeit habe. Dass ich so flexibel lernen kann, verdanke ich einer Technologie, die derzeit die Welt erobert, in einem Atem beraubenden Tempo: Künstliche Intelligenz.
Von Theo Pindl
KI beim Sprachenlernen ist heute so selbstverständlich wie in vielen anderen Bereichen: KI kann den Haushalt organisieren, beim Geldverdienen helfen, Reden schreiben, den Verkehr regeln und vieles andere mehr. In der Region Zürich sollen ab Herbst selbstfahrende Taxis erprobt werden, natürlich KI-gesteuert. Der religiöse Bereich ist davon nicht ausgenommen. Beispiel Luzern: Dort konnten sich Besucherinnen und Besucher der Peterskapelle mit einem KI-Jesus auf einem Bildschirm über religiöse Fragen unterhalten, kurioserweise in einem Beichtstuhl. Und in Bochum erfüllt der Gebets-Roboter «Celeste» – «die Himmlische» – Gebetswünsche: Man drückt einen Knopf, wünscht sich ein Gebet, und der kleine Roboter-Engel antwortet mit einem passenden Wort.
Wo KI gute Dienste leistet
Was macht das mit mir? Mit mir, der ich in den 1980er Jahren meine Diplomarbeit auf einer maschinellen Schreibmaschine mit Namen «Erika» getippt habe? Mich fasziniert, was mit KI alles möglich ist. Meine Polnisch-Sprach-App hätte ich mir damals noch nicht einmal im Traum vorstellen können – trotz Raumschiff Enterprise. Ich finde, KI kann in vielen Bereichen gute Dienste leisten, vor allem bei Routineaufgaben, die das tägliche Leben erleichtern, zum Beispiel den Alltag von älteren oder kranken Menschen. Auch die enorme Rechenleistung von KI kann von Nutzen sein, zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Medikamente. Und die Gebete, die von einem Roboter generiert werden, können durchaus berühren. So fand in Luzern ein Grossteil der Besucher das Gespräch mit dem KI-Jesus «religiös stimulierend», wie die Auswertung ergeben hat. Und auch der Gebets-Roboter Celeste hat viele User mit seinen Gebeten berührt: «Sei furchtlos und unerschrocken! Wohin du auch gehst, ich bin bei dir…» – wenn solch ein Bibelwort auf Papier wirkt, als Kalenderspruch oder als Graffiti: Warum nicht auch durch KI?
Wenn KI den Partner ersetzt
Was mich jedoch immer wieder irritiert, in mir zwiespältige Gefühle weckt, mich geradezu mit einem Unbehagen erfüllt: wie menschenähnlich KI daherkommt. In meiner Sprach-App zum Beispiel erreichte mich einmal die Nachricht, dass das kleine Tier-Maskottchen der App – eine grüne Eule – «unerwartet verstorben» sei. Worauf User weltweit «schockiert» gewesen seien. Wie schnell doch Emotionen ins Spiel kommen, Beziehungen aufgebaut werden… Und das, obwohl ich doch weiss, dass dieses Maskottchen nichts anderes ist als ein Algorithmus; und in der KI-Welt nichts existiert, was sich wirklich für uns interessiert. In seinem Buch «Künstliche Intelligenz und echtes Leben» erinnert Christian Uhle an die «South Park»-Folge «Deep Learning»: Darin beginnt Stan, ein Teenager, die Kurznachrichten seiner Freundin heimlich von Chat-GPT beantworten zu lassen. Die Folge ist, dass sich die Beziehung überraschend verbessert. Die ahnungslose Freundin ist voller Dankbarkeit für Stans auf einmal so einfühlsame Antworten: «Danke, dass du das einzig Wahre in meinem Leben bist.» Nur einen Schritt weiter, und man könnte auf die Idee kommen, den unperfekten realen Partner gleich ganz zu ersetzen.
Ich finde, KI sollte zum kritischen Nachdenken anregen. Das beginnt bereits beim Namen: Der deutsche Begriff «Künstliche Intelligenz» suggeriert, dass KI Selbstbewusstsein haben und wie ein Mensch autonom schalten und walten könne. Da halte ich das englische Wort «Artificial Intelligence» (AI) treffender, weil «intelligence» im Englischen nicht mit «Selbstbewusstsein» assoziiert wird. Vor allem aber komme ich zum Nachdenken über das, was uns Menschen von KI unterscheidet. Nur wir Wesen aus Leib, Seele und Geist können echte Nähe entwickeln, können essen und trinken, fühlen und schmecken, lachen und weinen, Schmerz und Lust empfinden. Nur wir können in die Zukunft denken, Visionen entwickeln. Und: Nur wir haben eine Wahl. Im Unterschied zu KI sind wir «zur Freiheit befreit», wie der heilige Paulus einmal programmatisch gesagt hat (Galater 5,1). Ein grosses Geschenk, diese Freiheit! Die allerdings nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe ist: Sie muss täglich neu errungen werden – gerade auch gegenüber der «schönen neuen Welt» (Aldous Huxley) der Chatbots und Avatare.
KI einfach KI sein lassen
In meinem Alltag habe ich jedenfalls immer noch die kleine Freiheit, KI einfach mal KI sein zu lassen. Ich klicke aus, sage «Nein», wenn ich einmal keine Lust habe, Polnisch zu lernen. Auch wenn sie, er oder es noch so empört, wütend oder traurig dreinschaut. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen, schalte das digitale Moralspektakel ab: Das tut mir gut, stärkt mich, baut mich auf. Dann lächle ich, schnaufe durch, und gehe im Wald spazieren.
Christian Uhle, Künstliche Intelligenz und echtes Leben.
Philosophische Orientierung für eine gute Zukunft.
S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2024. Ein gut lesbares Buch, das die aktuellen Diskussionen aufnimmt, Orientierung gibt und Perspektiven eröffnet.
Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen.
Grundfragen einer verkörperten Anthropologie.
Suhrkamp Verlag Berlin 2022 (4. Auflage). Ein wichtiges Buch, allerdings eher für wissenschaftlich Interessierte geschrieben. Der Gegenentwurf zu einem naturalistisch-reduktiven Bild des Menschen besteht gemäss Fuchs in der für die Person konstitutiven Leiblichkeit und Lebendigkeit.
Aldous Huxley, Schöne neue Welt.
(Original: Brave new world).
Ein in den 1930er Jahren geschriebener Klassiker dystopischer Literatur, aus dem wir bestürzende Parallelen zu unserer Zeit herauslesen können.