Ja zur Vielfalt – Ja zum säkularen Staat

Bettag in Therwil – einmal anders
am Sonntag 20. September 2020

 
plakat zum Bettag 2020 in Therwil
Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag einmal anders gestaltet:
Aus der Not eine Tugend machen, das haben wir in der Ökumene Therwil versucht. Aufgrund der Corona-Krise mussten wir schon im Sommer damit rechnen, dass ein grösserer Gottesdienst – wie sonst üblich – wohl nicht durchgeführt werden kann. Das hat uns angeregt, uns von neuem mit den Ursprüngen dieses speziellen Feiertages auseinanderzusetzen. Die Geschichte des eidgenössischen Dank, Buss- und Bettages ist eher ungewöhnlich, handelt es sich doch um einen staatlichen Feiertag, der in den Kirchen begangen wird. Passt das ins 21. Jahrhundert? Das haben wir uns gefragt. Die Antwort darauf wird um den Bettag herum in Therwil erkundbar sein oder unter www.rkk-therwil.ch.
 
Zum Hintergrund des eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettages:
Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist der einzige kirchliche Feiertag, der nicht kirchlichen Ursprungs ist. Er wurde vom Staat verordnet. Dies zeigt sich bis heute an den behördlichen „Bettagsmandaten“, die von Behördemitgliedern und Politiker’innen in gewissen Gemeinden verfasst werden. Die bekanntesten Bettagsmandate stammen vom Schriftsteller und damaligen Staatsschreiber Gottfried Keller. Er setzte sich schon damals stark mit der Spannung zwischen einer säkular und einer religiös geprägten Welt auseinander.
Die Regierung rief ein Jahr nach Beendigung des Sonderbundkrieges 1848 die politisch wie konfessionell zerstrittene Schweiz dazu auf, sich auf Solidarität und Respekt untereinander zu konzentrieren. Mit dem Bettag knüpfte der Staat an eine spätmittelalterliche Tradition an, bei der Bettage v.a. nach schweren politischen Unruhen oder Naturkatastrophen abgehalten wurden. Der Staat hielt die Kantone wie die Kirchen also dazu an, an einem Tag pro Jahr – in den meisten Kantonen ist das der dritte Septembersonntag – sich auf den Frieden untereinander zu konzentrieren.
 
Ist ein eidgenössischer Dank-, Buss-und Bettag heute noch aktuell?
Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen einer konservativen und einer liberalen Haltung der Kantone gehören heute der Vergangenheit an. Und auch die schweren Kämpfe zwischen den Konfessionen sind nicht mehr aktuell. Wozu also noch einen Bettag feiern?
Das „eidgenössisch“, das heisst also der politische Hintergrund des Dank-, Buss- und Bettages wird von vielen Personen gar nicht mehr wahrgenommen, die behördlichen Bettagsmandate sind in den Hintergrund geraten. Dem eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag haftet heute eine Spannung an, die den Volksvertreter’innen wie auch den kirchlich Verantwortlichen häufig anzuspüren ist.
Konfessionelle Kämpfe haben ihre Bedeutung bei uns verloren, deshalb wird dieser Feiertag nicht selten interreligiös gefeiert, um das Bemühen um den Frieden zwischen den Religionen zu verdeutlichen. Dies ist sicher ein ganz wichtiges und bis heute aktuelles, sinnvolles Thema für einen Bettag. Doch wo bleibt die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, die gerade in einem so stark säkularen Land wie der Schweiz wichtig ist? Wo bleiben all die anderen Lebenshaltungen, die man von einer religiösen Welt nicht vereinnahmen darf?
 
Säkulare Welt versus religiöse Welt?
Der säkularisierte Staat ermöglicht unseren Kirchen neue Wege und befruchtet die Sicht auf das Eigene – vielleicht mehr als man denkt. Andererseits hat die christlich-religiöse Sichtweise unsere säkulare Welt mitgeprägt, und deshalb bleibt der Dialog zwischen diesen „Welten“ sehr wichtig.
Deshalb möchten die Vertreterinnen der drei Landeskirchen in Therwil (Elke Kreiselmeyer, Lea Meier, Liza Zellmeyer) dieses Jahr einerseits die staatliche Komponente wieder deutlicher „im Boot“ haben, die ursprünglich diesen Feiertag kreiert hat. Andererseits möchten sie neben religiösen auch andere Gruppierungen mit ihren Wertvorstellungen zu Wort kommen lassen, bilden wir doch alle zusammen diesen Staat. An Wertvorstellungen, welcher Couleur auch immer, kann man sich reiben, man kann sich wegen ihnen streiten und man kann sie gegenseitig wertschätzen. Letzteres ist für ein gutes Zusammenleben elementar. Voneinander lernen, Vielfalt wachsen lassen und zusammen eine Gemeinschaft bilden, sehen wir als eine der schwierigsten und gleichzeitig interessantesten Herausforderungen an.
 
Glaube und Vernunft
Das Wort „Glaube“ wurde früher automatisch in religiöser Hinsicht gebraucht. Doch ist diese Okkupation äusserst fragwürdig. Menschen, die sich z.B. für eine friedliche Welt einsetzen, glauben daran, dass es eine solche auch geben kann. Dies allen Widerständen der „vernünftigen“ Denker’innen zum Trotz, die feststellen, es habe noch nie eine friedliche Welt gegeben, also werde es sie auch in Zukunft nie geben. Es ist schwierig, dem etwas entgegen zu halten. Und doch; was alles möglich ist zwischen Himmel und Erde müssen wir erst noch herausfinden. Deshalb bringt dieser wertvolle Glaube an das Gute im Menschen unsere Welt voran.
Deshalb wollen wir in diesem Jahr fragen: Sind eine säkulare Welt und eine religiöse Ausrichtung Widersprüche? Sind „Vernunft“ und „Glaube“ unvereinbare Gegensätze? Wir meinen: Nein. Beide Sichtweisen sind nicht Gegnerinnen, sondern können sich gegenseitig befruchten. Das heisst für uns: Ja zur Vielfalt. Ja zum säkularen Staat.
 
Gemeinsam unterwegs
Wir freuen uns sehr, dass die politische Gemeinde Therwil das Projekt ideell wie finanziell grosszügig unterstützt. Dass wir auch von den unterschiedlichen Gruppierungen so positive Rückmeldungen bekommen und sie ihre Teilnahme spontan zugesagt haben, hat uns enorm gefreut. Und wir glauben daran: Bei allen Unterschieden, bei allen nicht wegzudiskutierenden Widersprüchen ist eine Welt, in der man sich gegenseitig wertschätzen kann, möglich und vor allem dringend nötig.
 
Ein Bettags-Spaziergang in Therwil
Machen Sie am eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag einen Spaziergang durch das Dorf Therwil und geben Sie dabei Ihren Gedanken zu unseren säkularen und unseren religiösen Vorstellungen, zu unseren reichen und vielfältigen Sichtweisen auf unsere Welt ihren Platz. Entdecken Sie auf verschiedenen Plakaten die gegenseitige Wertschätzung andersdenkender Gemeinschafen, denen es ein grosses Anliegen ist, nicht gleich und einheitlich zu werden, sondern unseren Staat reich und vielseitig zu gestalten.
Die beiden Graphikerinnen Anna Müller und Bernadette Bolliger (favorite things) haben aus den Spektralfarben am Computer „zufällige“ Farberscheinungen generiert und in Farbräume umgesetzt. Orientiert haben sie sich bei der Auswahl der Fraben an sakralen Räumlichkeiten und Bildern der unterschiedlichen Gruppierungen. So ist jedes Plakat ein Unikat, die Zusammengehörihkeit ist aber sofort ersichtlich.
 
Die Plakate können Sie auch unter: www.rkk-therwil.ch abrufen.
 
Die römisch-katholische, die evangelisch-reformierte und die christkatholische Kirche wünschen Ihnen viel Inspiration und neue Ideen dabei!
 
Elke Kreiselmeyer, römisch-katholische Gemeindeleiterin, Lea Meier, reformierten Pfarrerin und Liza Zellmeyer, christkatholische Pfarrerin