«Narri, Narro» – Weise Menschen braucht das Land!
03. Februar 2026
ha) Bunt, laut, tiefgründig und überraschend aktuell: So präsentierte sich der Fasnachtsgottesdienst 2026 in der christkatholischen Kirche St. Leodegar in Möhlin. Am Samstagabend, 31. Januar, wurde die Kirche auf dem Möhliner Hügel erneut zum närrischen, aber zugleich nachdenklichen Herzstück der fünften Jahreszeit.
Traditionsgemäss setzte die Möhliner Fasnacht nach dem ersten Faissen ihren kirchlichen Akzent – und wiederum strömten verkleidete und unverkleidete Fasnächtlerinnen und Fasnächtler in Scharen in die Kirche. In der proppenvollen Kirche wurde ein Gottesdienst gefeiert, der Leichtigkeit und Ernst, Humor und Tiefgang auf eindrückliche Weise verband.
Schon der Auftakt hatte es in sich: Die Ryburger Guggenmusik eröffnete den Abend mit kräftigen Klängen im Altarraum, bevor draussen der Trommelwirbel der Ryburger Tambouren die Menschen in Vibration brachte. In feierlich-närrischem Einzug marschierten sie durch das Kirchenschiff, gefolgt von bunt kostümierten Ministrantinnen, der Lektorin Beatrice «Moraltante», den Amnesischen Brüdern, sowie Pfarrer Christian Edringer als Don Christiano und Priester Stephan Feldhaus als Don Stefano. Die Freude am gemeinsamen Auftritt war allen Beteiligten sichtbar anzumerken – und übertrug sich sofort auf die Gemeinde.
Mit einem kräftigen, dreifachen «Narri, Narro!» eröffnete Don Christiano den Gottesdienst, was die Kirche prompt in ein lautstarkes Echo verwandelte. «Was ist ein weiser Mensch?» – lautete die Frage des Gottesdienstes und er zitierte Antworten, die ihm die Amnesischen Brüder gaben: «Das ist einer, der reflektiert und seine Lebenserfahrung teil». «Jemand, die nicht überheblich, sondern bodenständig ist.» Auf alle Fälle wurden alle weise gepriesen, die zum Gottesdienst gekommen sind.
Musikalisch und liturgisch wechselten sich danach närrische und besinnliche Momente ab. Die Lesung aus dem Buch der Sprichwörter wurde von Beatrice Waldmeier alias «Moraltante» gelesen: – «Erwirb dir Weisheit, erwirb dir Einsicht!» – bereitete den Boden für den Höhepunkt des Abends: die fasnächtliche Predigt von Stephan Feldhaus alias Don Stefano.
Hoch oben auf der Kanzel hielt er eine eindrucksvolle Predigt in Reimform. Unter dem Leitmotiv «Weise Menschen braucht das Land» spannte er den Bogen vom Evangelium der Weisen aus dem Morgenland zur politischen und gesellschaftlichen Gegenwart. Machtgier, Narzissmus, Gewalt und Wegschauen wurden klar benannt – ebenso die Aufgabe, den «Herodes» nicht nur in den Mächtigen der Welt, sondern auch im eigenen Inneren zu erkennen. Meisterhaft schaffte er es, die zentrale Botschaft zum Merkvers werden zu lassen, den schliesslich jeder mitsprechen konnte: «Ich schreibe es an jede Wand: Weise Menschen braucht das Land. Ich schreibe einen Brief an mich: Weise Menschen brauch auch ich. Und schicke diesen Brief dir zu: Weise Menschen brauchst auch du.»
Brausender Applaus mit Standing Ovation nach der Predigt zeigte, wie sehr diese Worte getroffen hatten – und wie gut es dem Fasnachtsgottesdienst gelingt, Humor und prophetische Klarheit zu verbinden.
Wie gekonnt die beiden Priester es verstehen, authentisch bei Gott und bei den Menschen zu sein, konnte man auch daran erkenne, dass sie sich für den Eucharistieteil ihrer römischen Klerikerverkleidung entledigten und liturgische Priesterkleidung anzogen.
Das Vaterunser erklang im Calypso-Rhythmus, und bei der Kommunion wurde die Kirche einmal mehr zum Raum der Gemeinschaft – närrisch, feierlich und getragen von grosser Freude.
Am Ende dankten Don Christiano und Don Stefano allen Mitwirkenden, insbesondere den Ryburger Guggern und Tambouren, sowie den vielen Helferinnen und Helfern im Hintergrund.
Mit dem Segen – erfüllt von Tanz, Lachen, Weisheit und Musik – und einem letzten «Narri, Narro!» zog die bunte Schar wieder aus der Kirche aus. Beim anschliessenden Apéro vor der Kirche, wie immer gekonnt vom Männerverein Möhlin angeboten, war man sich einig: Dieser Fasnachtsgottesdienst war mehr als ein närrischer Auftakt. Er war ein starkes Zeichen dafür, dass Glaube, Humor und Verantwortung zusammengehören.
Möhlin darf sich freuen: auf eine fröhliche, farbige – und hoffentlich weise Fasnacht 2026.
