Geschichte

Jubiläumsschrift 125-Jahre Christkatholische Landeskirche Aargau

Der Kirchenrat der aargauischen Landeskirche hat aus Anlass der vor 125 Jahren gegründeten Kantonalsynode (1886) eine kleine Broschüre herausgegeben.
Wir gedenken damit einerseits der christkatholischen Errungenschaften im Kontext des „langen Kulturkampfes“ und weisen gleichzeitig auf unser Selbstverständnis hin, bei dem die bischöflich-synodale Grundstruktur den Eckpfeiler bildet.

In einer guten Mischung von Text und Bild ist es Eugen Herzog (Pfarrer in Möhlin) und Jürg Hagmann (Vize-Präsident des Kirchenrates) gelungen, die wesentlichen historischen Wegmarken herauszuarbeiten. Der Textteil gliedert sich in vier Abschnitte: Voraussetzungen der Gründung der christkatholischen Kirche der Schweiz, die Gründungsphase von 1881-1886, das 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, sowie eine Chronologie. Der Bildteil zeigt alle Kirchen der aargauischen Gemeinden im entsprechenden Kontext. Das 32-seitige Werk wird abgerundet durch einen informativen Anhang mit Serviceteil (Adressen und Literaturhinweise)

Impressum:
125 Jahre Christkatholische Landeskirche Aargau,
Baden 2011,Verlag hier+jetzt
Die gedruckten Exemplare sind inzwischen vergriffen.

Die pdf-Versionen (5MB oder 80MB druckfähig) können bezogen werden bei Jürg Hagmann: jhagmann@gmail.com

125 Jahre Christkatholische Landeskirche Aargau

Augustin Keller – Kämpfer für die Idee einer Christkatholischen Kirche

A. Keller 1805-1883

200 Jahre Augustin Keller (2005)

Am 10. November 1805, wurde Augustin Keller in Sarmenstorf geboren. Wie kaum ein zweiter Aargauer steht Keller für den radikal-liberalen Aargau des 19. Jahrhunderts, als Initiant der Klosteraufhebung, engagierter Seminardirektor, Kämpfer für die Gleichstellung der Juden und Mitgründer der christkatholischen Kirche der Schweiz.

Aus historischer Sicht ist Augustin Keller (1805 – 1883) vielleicht den meisten noch als Politiker und Pädagoge bekannt, aber wussten sie, dass er neben Walter Munzinger als einflussreichster Protagonist eines romfreien Katholizismus in der Schweiz gilt? Dass er massgeblich das politische Terrain für die Gründung der christkatholischen Kirche der Schweiz geebnet hat und dass er als erster Synodalratspräsident (1875-1879) in die Geschichte der christkatholischen Kirche der Schweiz eingegangen ist?

Anti-römischer Protest
Augustin Keller war von Hause aus ein religiöser Mensch, mit einer gewissen inneren Frömmigkeit, der um den Wert der Religion für die Gesellschaft wusste und er war mit Leib und Seele ein Katholik. Aber er hatte einen unbestechlichen Reflex gegen die Auswüchse des päpstlichen und hierarchisch verfassten Katholizismus, weil sie seinem Ideal eines volksverbundenen, gebildeten und selbständig denkenden Demokraten diametral entgegengesetzt waren. Aufgeklärter Liberalismus und dogmatisches Papsttum vertrugen sich schlecht. Rom lieferte dabei den ultramontanen Stoff, der ihn zum hervorragenden Kulturkämpfer machte. Kellers anti-römischer bzw. anti-vatikanischer Protest manifestierte sich im Wesentlichen in zwei historischen Bereichen:
– Der Abschaffung der Klöster im Kanton Aargau, die indirekt zum Sonderbundskrieg und zur Gründung des liberalen Bundesstaates von 1848 führte. Keller führte hier einen kompromisslosen Kampf gegen die Jesuiten, die, so war zu befürchten, 1844 die Macht im Vorortkanton Luzern übernehmen wollten.
– Den kirchenpolitischen Errungenschaften des Kulturkampfes, die in den Konfessionsartikeln der Bundesverfassung von 1874 – die Glaubens- und Gewissensfreiheit wurde erst dann verfassungsmässig garantiert – sowie in der Gründung der christkatholischen Kirche der Schweiz 1875 gipfelten.

Zukunft gab ihm Recht 
Keller hat in den Jahren 1869 bis 1873 in zahlreichen Volksversammlungen den Boden für einen romfreien Katholizismus bereitet, zur Gründung von Vereinen freisinniger Katholiken angeregt und mit Unterstützung seiner altkatholischen Freunde in Deutschland aktiv an der Verfassung der christkatholischen Kirche mitgearbeitet. Einen entscheidenden Beitrag leistete er, als die christkatholische Bewegung anlässlich der ersten Nationalsynode 1875 in Olten den ersten Bischof wählte, dieser jedoch die Wahl zuerst nicht annehmen wollte. Kellers leidenschaftiches Votum mit der Bitte an Eduard Herzog, die Wahl doch anzunehmen, kam aus vollem Herzen. Am nächsten Tag nahm Eduard Herzog die Wahl zum ersten Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz an. Die Zukunft, die Keller nur noch ein kurze Zeit erleben durfte, hat ihm Recht gegeben. Das Wirken von Bischof Eduard Herzog war ein Segen für die junge Kirche.

In diesen Auseinandersetzungen entfalteten sich Kellers erfolgreiche kirchenpolitische Aktivitäten, die er in bleibende reformkatholische Werke umzusetzen wusste. Seine Verdienste sind im Detail in meinem Artikel der Begleitpublikation zur Ausstellung nachzulesen.

Kellers Rolle als Kirchenpolitiker war oft umstritten, weil er als Mann der Tat stets scharfe und polemische Worte in die Diskussion warf, aber sein Kampf galt immer der Sache und der Vernunft.
Trotz den Anfangsschwierigkeiten konnte sich die christkatholische Reformbewegung institutionalisieren und erhielt auch 1876 die staatsrechtliche Anerkennung als dritte Landeskirche, wenn auch eine grössere Verbreitung ausblieb. Augustin Keller hat in entscheidenden Phasen und Momenten mit seinem grossartigen Rednertalent sein Wort siegreich für die Sache eingelegt, sowohl zugunsten der zuletzt erfolgreichen christkatholischen Bewegung der Schweiz als auch für die kirchenpolitischen Erneuerungen in seinem Heimatkanton Aargau und auf Bundesebene.

Artikel  „Keller und der Katholizismus – eine Hassliebe“: Link zum Volltext

aus dem Jubiläumsbuch 2005: Leimgruber Y., Frank H., Fuchs M., Küng B. (Hg.): Augustin Keller (1805-1883) und seine Zeit. Pädagoge – Politiker – Kirchenreformer (hier+jetzt)

Jürg Hagmann