Rotskolumne von Esther Albert – Glauben in einer säkularisierten Welt
Manchmal ist es ein seltsames Gefühl, in einer Runde beiläufig zu erwähnen, dass man sonntags in die Kirche geht. Die Augenbrauen heben sich. Ein kurzes Schweigen. Manchmal folgt ein höfliches, aber spürbar irritiertes Lächeln. Als hätte man gestanden, noch immer Briefmarken zu sammeln – nur irgendwie peinlicher.
Ja, ich glaube. Und ich sage das nicht als Trotzreaktion, sondern weil der Glaube mir im Leben schlicht Halt gibt. Ganz konkret gibt er mir Orientierung, wenn die Dinge unübersichtlich werden, und Stille, wenn es laut ist.
Was mich am Gemeindeleben immer wieder freut, ist etwas anderes – etwas, das ich so nur an wenigen Orten sonst finde: die Vielfalt der Menschen, die sich dort begegnen.
In einer Zeit, in der Algorithmen uns immer enger in unsere eigenen Bubbles einschliessen, passiert in unserem Kirchenkaffee regelmässig etwas Ungewöhnliches: Ich sitze neben jemandem, mit dem mich im Alltag nichts verbinden würde. Die jungen Organisten, die sich manchmal dazusetzen. Ein gestandener Politiker, der nicht meiner bevorzugten Partei angehört. Die Frau, die immer wieder mit ihren vielfältigen Tätigkeiten überrascht. Gerade weil unsere Kirchgemeinde ein weitläufiges Gebiet umfasst, treffe ich Menschen, die sonst nie Teil meines Alltags wären. Und aus diesen zufälligen Begegnungen entstehen Gespräche, die oft die interessantesten sind.
Neulich erst beim Gemeindeworkshop – einer Gelegenheit, die Zukunft unserer Gemeinde mitzugestalten – wurde mir das wieder bewusst. Die Ideen, die dort entstanden, waren so vielfältig wie die Menschen im Raum: ungewöhnlich, überraschend und gerade deshalb wertvoll. Es zeigt sich schnell, wie viel reicher Ergebnisse werden, wenn nicht nur Gleichgesinnte miteinander diskutieren.
Vielleicht ist das, neben dem Spirituellen, das eigentliche Geschenk einer Kirchgemeinde: ein Ort, an dem die Bubble kurz aufhört. Wo man nicht unter sich bleibt. Wo das gemeinsame Dach wichtiger ist als der gemeinsame Horizont. In einer zunehmend sortierten Gesellschaft ist das – ob man nun glaubt oder nicht – eigentlich ziemlich wertvoll.