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Hirtenbrief zur Fastenzeit 2017 von Bischof Harald Rein an die christkatholischen Kirchgemeinden

Das Unsichtbare sichtbar machen
In den Sakramenten Gott begegnen

 

«Wir glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, alles SICHTBAREN und UNSICHTBAREN.»

(Glaubensbekenntnis, Gebet- und Gesangbuch Nr. 107)

Liebe Schwestern und Brüder

In den meisten unserer Gottesdienste sprechen wir das Glaubensbekenntnis. Wir bekennen dort, dass wir an eine sichtbare und eine unsichtbare Welt glauben! Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was Sie mit «Unsichtbarem» meinen?

Damit sagen wir, dass Himmel und Erde, das Diesseits und Jenseits, die Lebenden und die Toten nicht strikt voneinander getrennt existieren, sondern sich immer wieder auf vielfältige Weise berühren. Gott greift auf vielfältige Weise in seine Schöpfung und in unser Leben ein. Dazu gehören auch Wunder und Schutzengel – vor allem aber die Sakramente der Kirche. Sakramente machen das Unsichtbare zeichenhaft sichtbar.

Dennoch wird man sagen müssen, dass die sieben Sakramente in Westeuropa ihre Bedeutung im Alltag verloren haben. Wer geht noch zur Beichte? Wem ist die Krankensalbung eine Hilfe? Welches Paar wünscht eine kirchliche Hochzeit? Der Besuch der Sonntagsgottesdienste hat massiv abgenommen. Nur Taufe, Firmung und Erstkommunion sind als sogenannte Passageriten gefragt; aber mit sinkender Zahl und zum Teil mit anderer Bedeutung. Hinzu kommt die Beerdigung. Das Sakrament der Weihe wird mangels Berufungen immer weniger gespendet. Ich möchte mich im Hinblick auf die beschriebene Entwicklung vor Schuldzuweisung hüten. Die Welt hat sich verändert. Es gehört zum Auftrag der Kirche, stets neue Wege zu finden. Ein Zeichen, das erklärt werden muss, ist kein Zeichen mehr. Es geht darum, das Geheimnis, das im Zeichen enthalten ist, erfahrbar, spürbar und sichtbar zu machen. Dort, wo das nicht gelingt, empfindet der Mensch Zeichen als mumifizierte und veraltete Riten. Die Sprache des Sakraments will nicht argumentativ überzeugen, sondern kann nur als Begegnung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch erlebt werden. Jede Kirche muss sich daher kritisch fragen: Hat das Des-interesse an den Sakramenten auch mit der Art und Weise zu tun, wie die Kirche mit den Sakramenten umgeht? Im Folgenden schreibe ich zuerst von den sieben Sakramenten, dann über Segnungen und andere Riten, die man Sakramentalien (kleine Sakramente) nennt.

Das Sakrament des Abendmahles / Die Eucharistiefeier

Für das Leben des einzelnen Christen und der Kirche ist der regelmässige Gottesdienstbesuch von zentraler Bedeutung, insbesondere die sonntägliche Eucharistiefeier. Christ kann man letztlich nicht nur für sich alleine sein. Das gemeinsame Beten und Feiern gehört unabdingbar hinzu. So wie es uns Jesus selbst aufgetragen hat:

«Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis. Und ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird für euch.» (Lukas 22,19–20)

Aber gerade diese gemeinsame Feier hat heute an Bedeutung verloren. Sie wird immer weniger besucht. Im Notfall kann eine Kirchgemeinde auf vieles verzichten und vieles reduzieren. Aber ohne regelmässige sonntägliche Eucharistiefeier hört sie auf Kirche zu sein. Im Grunde genommen müsste man jemanden der getauft, gefirmt, zur Erstkommunion gegangen und bewusst Mitglied einer Kirche ist, nicht daran erinnern, dass der Besuch des Gottesdienstes, anderer kirchlicher Versammlungen und soziale Tätigkeit selbstverständlich sind. Andererseits muss ich zugeben, dass noch bis ins 20. Jahrhundert die Mitgliedschaft in einer Kirche auch unter gesellschaftlichem Druck zustande kam. Taufe, Firmung und Erstkommunion wurden wie eine Schluckimpfung verabreicht. Heute, wo jede/r seine Mitgliedschaft oder seine Nähe und Distanz zur Kirche selbst frei bestimmen kann, sieht es anders aus. Familientraditionen haben nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. Worum geht es überhaupt beim Besuch des Gottesdienstes?

  • Wir sollen durch das Abendmahl, die biblischen Lesungen, die Predigt und das gemeinsame Beten und Singen für das Leben als Christ in der Welt gestärkt werden.
  • Wir praktizieren auf vielerlei Weise Gemeinschaft miteinander und über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Dies geschieht zum Beispiel in den Fürbitten, die uns zum Dienst in der Welt aufrufen, im Glaubensbekenntnis und im Friedensgruss.
  • Wir erlangen gemeinsam Gewissheit darüber, dass wir unser Leben Gott verdanken, dass wir unseren Lebensweg mit Geburt und Taufe begonnen haben und dass wir ihn mit Tod und Beerdigung Gott zurückgeben für die Ewigkeit und Gemeinschaft mit ihm.

Wir finden uns am Sonntag zusammen, um uns gegenseitig und mit der Hilfe und dem Wirken Gottes zu stärken für uns selbst und den Dienst in der Welt. Wir tun dies in der Gewissheit, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Diese Gewissheit ist grundlegend für die Gestaltung unseres Lebens und unsere Sicht der Welt. Ob dieser Dienst in der Welt, in der wir leben, erfolgreich ist oder nicht, muss uns zwar herausfordern, aber nicht erschrecken oder entmutigen. Gerade weil der Sonntagsgottesdienst so wichtig und gemeinschaftsfördernd ist, müssen wir wegkommen von der Konzentriertheit auf den Pfarrer/die Pfarrerin. Es gibt viele Möglichkeiten, den Gottesdienst als Gemeinde mitzugestalten.

Das Sakrament der Eingliederung in die Kirche: Taufe, Firmung und Erstkommunion

Die alte Einheit von Taufe, Firmung und erstem Abendmahl (Erstkommunion) sollte wieder hergestellt werden; nicht nur bei der Erwachsenen-, sondern auch bei der Säuglingstaufe. Das schliesst nicht aus, Jugendlichen später in besonderen Riten die Erstkommunion und die Firmung (erneute Bitte um den Heiligen Geist mit Handauflegung und Entsendung) zu spenden. Sie haben dann den Charakter von Erinnerungs- und Verpflichtungsfeiern.

In der frühen Kirche, die nur den Beitritt von Erwachsenen kannte, bildeten Taufe (Eintauchen im Wasser), Firmung (Salbung mit Chrisam) und erstes Abendmahl eine Einheit. Mit Einführung der Kindertaufe wurde diese Einheit des Eintritts in die Kirche in der westlichen Tradition auseinandergerissen und auf drei Altersstufen verteilt, um die Möglichkeit der eigenen Entscheidung zur Kirchenmitgliedschaft zu betonen und nachzuholen; während die orthodoxe Tradition die Einheit aller drei Teile beim Säugling beibehielt.

In unserer Kirche galt ursprünglich die Reihenfolge: Taufe mit Geburt, Firmung im 4. Schuljahr und Erstkommunion mit der Schulentlassung. Allerdings wurden in vielen unserer Kirchgemeinden – wegen der römisch-katholischen Erstkommunions- und Firmungspraxis und der evangelisch-reformierten Konfirmationspraxis – Firmung und Erstkommunion in der Reihenfolge de facto getauscht. Beide Varianten wurden mit dem neuen Gebet- und Gesangbuch – nach einem ausführlichen, synodalen Diskussionsprozess – vor gut zehn Jahren insofern differenziert und wieder vereinheitlicht, indem nun die «Erstkommunionfeier» zwischen einer «Taufe mit Chrisamsalbung» und einer «Firmung mit Handauflegung und Bitte um die Entfaltung der Gabe des Heiligen Geistes» positioniert ist. Für die heutige Praxis möchte ich aber noch folgende Punkte ansprechen:

  • Bei der Taufe im Säuglingsalter müsste der Pfarrer/die Pfarrerin die Eltern und Paten im Taufgespräch noch mehr als bisher darauf aufmerksam machen, dass die Kindertaufe nur Sinn macht, wenn sie bei der Taufe versprechen, ihr Möglichstes zu tun, damit der Täufling in die Kirche hineinwächst. Kein Versprechen wird wahrscheinlich so leichtfertig gegeben und so selten eingehalten wie dieses. Denn der junge Mensch kann sich nur dann für oder gegen etwas entscheiden, wenn er es vorher wirklich kennengelernt hat. Die meisten Schwierigkeiten kommen von dort. Wie können sich ein Kind oder ein Jugendlicher bei Firmung oder Erstkommunion entscheiden, wenn ihm Eltern und Paten keine reale Chance gegeben haben, seine Kirchgemeinde und den christlichen Glauben kennenzulernen? Wer als Kind zu Hause nicht betet oder biblische Geschichten vorgelesen bekommt, wer nicht regelmässig mit den Eltern in den Gottesdienst geht, wird kaum ein aktives Mitglied werden. So geht in den meisten Familien Wissen und Praxis des Glaubens schleichend verloren.
  • Die Firmfeier hat in der heutigen Zeit de facto die Bedeutung, das Erwachsenwerden der jungen Menschen zu feiern und zu thematisieren. Das müsste in den Gebeten, Bibeltexten usw. noch mehr hörbar werden. In diesem Kontext können sie selbst JA zu ihrer Mitgliedschaft in der Kirche sagen. In dieser Lebenssituation macht es Sinn, dass der Bischof durch Handauflegung um die Entfaltung des Heiligen Geistes bittet, dass er sie dabei weiterhin begleite und unterstütze. Bei meiner vielfältigen Tätigkeit schätze ich die Begegnungen mit den Firmlingen vor der Firmung sehr. Das sind spannende und interessante Gespräche. Die jungen Leute hinterfragen alles und machen sich ernsthaft Gedanken darüber, wie sie leben möchten und was für sie stimmt und was nicht. Sie fragen und diskutieren ungeniert. Das ist offensichtlich nicht nur angenehm für die Eltern und die Kirche. Aber gerade hier muss heute die Begleitung durch die Kirche stattfinden; auch in der Jugendarbeit. Kirchliche Bildung muss wie ein spannender Kinofilm lebensnah und aufrüttelnd, aber auch inhaltlich anspruchsvoll und herausfordernd sein. Gemäss Umfragen glaubt nur jeder dritte Firmling, dass Gott die Welt erschaffen hat, dass Jesus jungfräulich gezeugt wurde oder Jesus von den Toten auferstanden ist. Kirchlicher Unterricht muss thematisieren, was diese theologischen Lehren in der heutigen, wissenschaftlich geprägten Welt bedeuten.
  • Das Anheben der inhaltlichen Voraussetzungen für die Taufe mit Chrisamsalbung, Erstkommunion und Firmung ist unabdingbar. Bei Erstkommunion und Firmung betrifft dies auch die zeitliche Dauer der Vorbereitung und den eventuellen Einbezug von Eltern und Paten. Minderheits- und Diasporasituation dürfen zu keinem Schmalspurprogramm führen. Die Erwartungen seitens der Kirche an die Erstkommunikanten/Firmlinge und deren Eltern sollen deutlich formuliert werden.

Das Sakrament der Busse

Mit einem unmissverständlichen Appell zur Umkehr beginnt Jesus sein öffentliches Wirken:

«Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Tut Busse und glaubt an das Evangelium.» (Markus 1,15)

Und bei der Beauftragung der Jünger durch den auferstandenen Christus heisst es:

«Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.» (Johannes 20,22b–23)

Oft höre ich im persönlichen Gespräch die Meinung: Ich bin ein anständiger Mensch. Lebe redlich. Habe keine anderen Menschen erschlagen. Niemanden betrogen. Eine Bussfeier oder eine Beichte mit Lossprechung von meinen Sünden brauche ich nicht. Das hat die Kirche nur erfunden, um den Leuten ein schlechtes Gewissen einzureden und sie zu kontrollieren.

Das heutige mangelnde Bewusstsein für die Praxis der allgemeinen Bussfeier zu Beginn des Gottesdienstes und der Möglichkeit zum persönlichen Beichtgespräch hat primär damit zu tun, dass der Sinn heute nicht mehr gesehen und verstanden wird. Wobei ich primär keinen Bedarf beim Verändern der Texte sehe, sondern eher eine thematische Sensibilisierung. Das Sakrament der Busse soll eine Hilfestellung sein für neue Anfänge im Leben und eine Art Stoppschild, um die eigene Biografie zu gestalten.

Mit «Sünde» ist schlicht gemeint, dass wir Menschen den grossen Idealen immer hinterherhinken und dadurch bewusst und unbewusst andere Menschen verletzen. Durch unsere Sünden kommen andere Menschen und vielleicht auch wir selbst zu Schaden. Der entscheidende Aspekt liegt dabei auf der Umkehr: Es besser und anders zu machen. Das Nichtverstehen hat vor allem mit der komplexen Geschichte des Buss-Sakramentes und vielen damit zusammenhängenden Missverständnissen und Missbräuchen zu tun. In der frühen Kirche gab es zwei verschiedene Traditionen:

  1. Die Christinnen und Christen erwarteten die unmittelbare Wiederkunft Christi und damit das Ende der Welt – verbunden mit dem Jüngsten Gericht – noch zu ihren Lebzeiten. Daher war es ihnen nach der Aufnahme in die Kirche nur ein einziges Mal gestattet, die Busse beziehungsweise Wiederversöhnung mit Gott und der Gemeinde nach dem Abfall vom Glauben durch eine schwere Sünde zu erlangen, in dem sie öffentlich ihre Schuld bekannten und um Vergebung baten.
  2. Es gab die Möglichkeit zur Beichte im Sinne eines Seelsorgegespräches bei Mönchseremiten, die in der Wüste lebten. Der Schwerpunkt lag auf der Sinnesänderung und der konkreten Lebenshilfe.

Mit dem Ausbleiben der Wiederkunft Christi wurde ab dem sechsten Jahrhundert die Möglichkeit geschaffen, seine Sünden öfters zu beichten und zu bereuen. Gleichzeitig verschwand der öffentliche Bussakt zugunsten der Ohrenbeichte beim Priester. Langsam entstanden auch Hilfslisten, die mögliche Sünden auflisteten und in Kategorien einteilten. Damit begannen Missbräuche und Missverständnisse, die schliesslich durch den Ablasshandel (Erlass von Sünden gegen Geldzahlung) zur Reformation führten.

In den altkatholischen Kirchen liegt der Schwerpunkt heute auf der gemeinsamen Bussfeier als «Feier der Versöhnung». Ferner besteht die Möglichkeit zum individuellen Beichtgespräch.

Beides macht nur Sinn, wenn wir unsere Fehlerhaftigkeit und unser falsches Tun (Sünde) erkennen und das Bedürfnis im Glauben verspüren, uns mit Gott und unseren Mitmenschen wieder zu versöhnen.

Das Sakrament der Krankensalbung

Die schwierige Situation des Krankseins macht dem Menschen seine Verletzlichkeit und Begrenztheit bewusst. Das Christentum teilt die weitverbreitete Meinung, dass Krankheit eine Strafe Gottes sei, nicht. Die Evangelien berichten an vielen Stellen, dass Jesus den Kranken seine besondere Zuwendung schenkte, ohne die Sinnfrage zu lösen, die uns erst bei Gott in der Ewigkeit beantwortet werden wird. Von besonderer Bedeutung für den Dienst an den Kranken ist das fünfte Kapitel des Jakobusbriefes: 

«Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich: Sie sollen für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.» 

Der Auftrag des Apostels ist klar und richtet sich primär an Kranke, nicht an Sterbende. Daher kann jede/r die Krankensalbung so oft empfangen, wie er möchte bzw. dies ihm eine Bedürfnis ist.

Dass die Krankensalbung so selten in Anspruch genommen wird, hat meiner Wahrnehmung nach drei Ursachen:

  • Missverständnisse: Leider wurde die Krankensalbung seit dem Mittelalter – aus einem falschen Verständnis der Dringlichkeit und der Wichtigkeit heraus – bis in die Todesstunde hinausgeschoben und bekam so den falschen Charakter eines Sterbesakramentes. So auch der volkstümliche Begriff der «Letzten Ölung». Dabei geht es bei der Krankensalbung im biblischen Sinne um das Gegenteil, nämlich um Hilfe und Stärkung für die Lebenden. Jesus selbst hat uns immer wieder versichert, dass der Glaube beziehungsweise beharrliches Gebet und Vertrauen Berge versetzen können. In der Medizin Tätige wissen von zahlreichen Fällen zu berichten, wo es den Patienten nach Empfang der Krankensalbung besser ging. Daher finde ich es auch nicht geschickt, dass unser Ritus der Krankensalbung – in der zu kurz gegriffenen Auslegung des Sündenbegriffes im eben zitierten Bibeltext aus dem Jakobusbrief – ein Schuldbekenntnis voraus schickt und die Salbung und Handauflegung mit Sündenvergebung verbindet und so indirekt das Missverständnis der Verknüpfung von Krankheit mit Schuld fördert.
  • Unwissenheit: Viele Christinnen und Christen kennen die Möglichkeit der Krankensalbung schlicht nicht mehr. Hier sind die Geistlichen und die Kirchgemeinden gefordert.
  • Zu wenig Stärkungs- und Heiligungsgottesdienste: Auch wenn unser Gebet- und Gesangbuch nur die Möglichkeit der individuellen Krankensalbung vorsieht, gibt es viele Kirchgemeinden, in denen heute sogenannte Stärkungs- und Heiligungsgottesdienste erprobt werden. Diese entsprechen einem Bedürfnis, in einem speziellen Gottesdienst in der Gemeinschaft mit anderen zur physischen und psychischen Stärkung als Christ in der Welt eine Salbung und Handauflegung zu empfangen. Wer dafür sensibilisiert ist, ist offener für die individuelle Krankensalbung bei Bedarf.

Das Sakrament der Ehe

Die Ehe zwischen Mann und Frau gilt in der katholisch-westlichen und in der orthodox-östlichen Tradition als Sakrament. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches und seines Rechtssystems hat die Kirche etwas neu und anders geregelt, was vorher staatlich organisiert war. Im Vordergrund standen dabei die Verlässlichkeit, die Dauer, die Sexualität und die Rechtssicherheit im Hinblick auf die Familiengründung. Das diente dem Schutz der Frauen und vor allem der Kinder; allerdings in einem patriarchalischen Kontext.

Heute, wo der Staat in den meisten Ländern diese Verantwortung wieder übernommen hat und sie nicht analog der christlichen Werte regelt, könnte die Ehe nach Meinung vieler auch als Segnung bzw. Sakramentalie verstanden und aus den klassischen sieben Sakramenten wieder herausgenommen werden. Verstärkt wird diese Entwicklung durch folgende zwei Argumentationsstränge:

  • Der eine Argumentationsstrang rät, für ein modernes Eheverständnis die Bereiche «Ehe» und «Familie» zu trennen und die Fixierung auf die Zeugung von Kindern zu vermeiden. Er hat dabei sowohl heterosexuelle Paare, die keine Kinder möchten oder bekommen können, als auch gleichgeschlechtliche Paare im Auge.
  • Der andere Argumentationsstrang zieht – aus dem Tatbestand, dass zum Beispiel in der Schweiz heute jede zweite Ehe geschieden wird –den Schluss, dass die bisherige Theorie und Praxis nicht mehr greifen kann und die Ehe heute definitiv ein «weltliches Ding» sei.

Meines Erachtens sind aber in beiden Argumentationssträngen die eigentlichen Themen nicht geklärt:

  • Gottes Botschaft möchte seine Schöpfung so wie sie sein sollte, und nicht wie sie wegen unserer menschlichen Schwachheit ist.
  • Die dauerhafte Partnerschaft von Mann und Frau als Ehe mit dem Ziel der Familiengründung ist die von Gott in der Bibel privilegierte Beziehungsform.
  • Nach dem Eheverständnis vieler Kirchen – auch der unsrigen – ereignet sich das Sakrament der Ehe nicht durch das Ja-Wort beziehungsweise die Willenserklärung oder den Ehevertrag, sondern in der Segnung durch die Kirche. Eine Ehe wird daher immer zuerst «zivil» als Erklärung und Vertrag vor den Menschen geschlossen. Wenn das stattgefunden hat, haben christliche Paare den Wunsch, durch eine besondere kirchliche Feier ihre Verbindung auch unter den Segen Gottes zu stellen. Sie tun dies freiwillig und mit innerer Überzeugung. Sie bekennen damit eine bestimmte christliche Wertehaltung, mit der sie ihre Ehe leben wollen. Denn die Frage, warum sich zwei Menschen ineinander verlieben und ihren Weg nun gemeinsam gehen möchten, lässt sich trotz aller möglicher rationaler Gründe letztlich nicht erklären. Dieses Unerklärliche gründet für Christen in Gott, der für Christen Liebe ist. Liebe ist aber zugleich nichts Statisches, sondern Aufgabe und auch Verpflichtung: Füreinander da sein in guten und in schlechten Tagen. Hier muss die Kirche Überzeugungsarbeit leisten. Der christliche Wert der Ehe und der Familie ist vorzuleben und durch die Erziehung der Kinder wird die nächste Generation darauf vorbereitet, Gottes Schöpfung zu gestalten und zu bewahren – auch wenn dieser Anspruch das Scheitern nicht ausschliesst. Das Hauptproblem liegt hier nicht im Ritus der kirchlichen Ehesegnung, sondern wie Ehe und Familie in der Gesellschaft erlebt und als Wert gesehen werden.

Aus eigener Erfahrung kann ich nachvollziehen, dass heute sowohl die Gemeinschaft von Frau und Mann in der Ehe als auch die von Eltern und Kindern in der Familie in den verschiedenen Lebenskontexten (Beruf, Freizeit, Ausbildung, Wohnort usw.) nicht mehr so eng ist. Zugleich wächst aber gerade in der Kleinfamilie die Bedeutung von Ehe und Familie als Orte der Erfahrung von bedingungsloser Annahme und Zuwendung, von Verständnis füreinander und von Vergebung, von Zusammenhalten in Freud und Leid. Wir dürfen davon ausgehen, dass es sehr viele Menschen in Ehe und Familie miteinander gut haben; einander helfen, einander trösten, einander ergänzen und auch viel Freude und Spass miteinander haben. Deshalb ist die Familie die «Kirche im Kleinen». Das schliesst Auseinandersetzung, Krach und Trennungen nicht aus. Es ist eine entlastende Einsicht, dass es im Alten Testament eine Vielfalt von Familienformen gibt (im Vordergrund stand dort die Sippe bzw. Grossfamilie) und auch die «Heilige Familie» (Maria, Josef, Jesus) zwar heilig, aber nicht perfekt war.

Zur Frage der Partnerschaftssegnung für gleichgeschlechtliche Paare

Wenn ein Staat die «Ehe für alle» einführt, ist dies seine Sache. Welche Schlussfolgerungen die Kirche daraus zieht, ist eine andere. Sie muss in ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen klären wen, was und wie sie segnen kann.

Die Ehe zwischen Mann und Frau mit dem Ziel der Familiengründung und auf Dauer angelegt, ist biblisch die von Gott bevorzugte Partnerschaftsform. Gleichzeitig hat Gott aber auch seine Schöpfung so geschaffen, dass zehn bis zwanzig Prozent der Menschen dieses Bedürfnis nicht haben und sozial oder/und sexuell von Natur aus anders orientiert sind. Sie sind gleichwertige Geschöpfe Gottes und vollwertige Mitglieder der Kirche ohne Wenn und Aber.

Die Wertung von Sexualität ist immer eng mit dem Menschen- und Gottesbild verbunden. Ausgehend vom christlichen Menschen- und Gottesbild gilt Sexualität als eine Gabe Gottes. Dies verlangt, dass sie verantwortungsbewusst in die persönliche Lebensgestaltung einbezogen wird. Daher muss eine Partnerschaft zwischen zwei erwachsenen Menschen, die auf Freiwilligkeit und gegenseitiger Achtung beruht, alle Aspekte des Lebens umfassen. Infolge der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten vierzig Jahre müssen sich auch die christlichen Kirchen mit der Forderung gleichgeschlechtlicher Menschen nach voller Anerkennung ihrer Orientierung und Lebensweise auseinandersetzen. Gleichgeschlechtliche Paare haben dieselben Bedürfnisse und Erfahrungen hinsichtlich einer körperlich-seelischen Gemeinschaft wie die in Ehe lebenden verschiedengeschlechtlichen Paare. Daher macht es Sinn, eine solche Verbindung – wenn das Paar dies wünscht – kirchlich zu segnen. Eine solche Tradition der «Freundschaftssegnung» lässt sich auch bis ins zwölfte Jahrhundert historisch belegen.

So gesehen kann ich verstehen, dass viele Theologen/Theologinnen heute von einem Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau sprechen und einem Sakrament zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau usw. Nur bei der Ehe von Sakrament zu sprechen und bei der Partnerschaftssegnung von Sakramentalie scheint ihnen nicht logisch. Da aber nicht anzunehmen ist, dass die altkatholischen Kirchen die Tradition der sieben Sakramente im Alleingang ohne ein Ökumenisches Konzil ändern können (z. B. beide Riten neu als Sakramente oder beide als Sakramentalien zu betrachten), macht es Sinn, an der bisherigen Theorie und Praxis (Sakrament der Ehe und Partnerschaftssegnung) festzuhalten – und zugleich wie die orthodoxen Kirchen von mindestens sieben Sakramenten zu sprechen.

Im Vordergrund sollten eher Fragen der inhaltlichen Gestaltung bei der Partnerschaftssegnung stehen. Denn einiges in der zurzeit bei uns zur pastoralen Erprobung freigegebenen Liturgie überzeugt mich nicht mehr, wie zum Beispiel auf die Symbolik des Ringaustausches zu verzichten; oder allgemein der krampfhafte Versuch in der Symbolik und in den Gebeten beider Riten Parallelen zu vermeiden.

Das Sakrament der Weihe: Diakonat, Presbyterat, Episkopat

Auf dieses Thema gehe ich in diesem Hirtenbrief nicht ein. Es würde den beabsichtigten Kontext sprengen. Meines Erachtens soll man jeden Dienst für die Kirche beauftragen und segnen. Die dabei mögliche Unterscheidung zwischen Sakrament und Sakramentalie beziehungsweise zwischen Weihe/Ordination und Beauftragung/Segnung ist eine relative und ein Thema für sich; aber letztlich sekundär. Im Vordergrund soll stehen, dass die Kirche ihre Autorität letztendlich nur an ihrem Dienstcharakter für die Menschen messen kann.

Sakramentalien

Neben den Sakramenten kennen viele Kirchen «Sakramentalien» (kleine Sakramente oder Segnungen). Denn in einem gewissen Sinne ist jedes kirchliche oder religiöse Handeln sakramental. Als man in der westlichen Kirche des 12. Jahrhunderts begann, die sieben Sakramente – es gab damals über dreissig, wie beispielsweise Mönchsweihe, Königsweihe, Begräbnis – besonders hervorzuheben und ihre Reihenfolge festzulegen, nannte man die übrigen Riten «kleine Sakramente» oder Sakramentalien oder später auch Segnungen. In unserer Kirche zählen zum Beispiel die Segnung von Kerzen, die Segnung von Häusern und die Segnung der Erntegaben dazu; aber auch die Beauftragung zum Lektorendienst, die Amtseinführung eines Kirchenrates oder eines Pfarrers. Sakramentalien beziehen sich bisher auf Menschen und auf Sachen. Hierin liegt eine Grunddifferenz zwischen katholischer und reformatorischer Tradition. Letztere beschränkt den Segen Gottes auf Menschen. Persönlich würde ich es vorziehen alle sakramentalen Handlungen, die direkt den Menschen betreffen, Sakramente zu nennen und alle sakramentalen Handlungen, die Sachen betreffen, Sakramentalien.

Zusammenfassung und Ausblick

Unter «Sakrament» verstehe ich eine Handlung (Ritus), in der sich Christinnen und Christen mit freiem Willen sowohl zu ihrem Glauben bekennen als auch darin bestärkt werden. Durch beides (bekennen und erfahren) sind sie «Zeichen der Nähe Gottes».

Auch wenn die Handlung von Menschen vorgenommen wird, ist es letztendlich Gott, der am Menschen handelt. Zugleich geht es um die Gemeinschaft in der Kirche, da die Sakramente aus dem gemeinsamen Geist einer Gruppe entstanden sind und dort ihre Deutung nicht erklärt werden muss.

Ein Sakrament wurde nach kirchlicher Lehre direkt oder indirekt von Christus eingesetzt. Ersteres gilt streng genommen nur für Taufe und Abendmahl und eingeschränkt für die Busse als die «Sakramente der Bibel». Ansonsten sind kirchliche Traditionen dafür verantwortlich. Veränderungen, die möglich sind, sollten aber von den Kirchen gemeinsam verantwortet werden und einem Ökumenischen Konzil vorbehalten bleiben. Daher plädiere ich für die Beibehaltung der jetzigen Ausgangslage und eine Konzentration auf die Glaubenspraxis. Die Sakramente und die Sakramentalien sollen den Menschen hilfreich sein für ihr Leben und ihre Gottesbeziehung.

So möchte ich Sie mit diesem Hirtenbrief einladen, sich darüber auszutauschen wie Sie die Sakramentenpraxis in unserer Kirche sehen und erfahren. Dabei geht es um zwei Schritte. Der erste Schritt ist die persönliche Beziehung zu Christus und Gott. Der zweite Schritt ist die damit verbundene Frage, welchen Stellenwert Sie den Sakramenten beimessen. Das zweite ist ohne das erste sinnvoll nicht möglich. Zugleich bin ich der Auffassung, dass die «Krise der Sakramente» nicht nur mit der Säkularisierung zu tun hat, sondern auch mit der Art und Weise, wie sie vermittelt werden. Wenn Jesus sagte, dass der Mensch nicht für den Sabbat da ist, sondern der Sabbat für den Menschen, gilt das analog für die Sakramente. Sie gründen in Bibel, Geschichte, theologischer Systematik und bisheriger Praxis, müssen sich aber aktuell jeweils daran messen lassen, ob sie den Verständnis- und Existenzbedingungen im Heute entsprechen.

+ Bischof Harald Rein 

 
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