Logo Christkatholische Kirche Schweiz
Header Kleiner
      
   

Bischof em. Hans Gernys neustes Buch muss man lesen, wie man guten Wein trinkt: Schluck für Schluck und nicht zu viel aufs Mal. Ein Buch zum Mitdenken und Nachdenken. Eine Rezension von Peter-Ben Smit.

Dieses Buch zu lesen, war keine einfache Aufgabe – und das spricht für das Buch! Ein Rezensent ist ja immer versucht, ein Buch relativ zügig durchzuarbeiten, damit er möglichst schnell weiss, was drin steht, seine Meinung bilden und die Rezension abfassen kann. Nun war die Meinung recht schnell gebildet: «Glaube ist kein Leistungssport» ist ein anregendes Buch, welches es unbedingt zu lesen lohnt. Aber das Buch schnell lesen, das geht nicht. Das hat so seine Gründe, die ich als Ausgangspunkt für diese Besprechung nehme.

Gut Ding will Weile haben

Denn: Wieso kann man ein gutes Buch nicht in einem Zug lesen? Das geht nicht, wenn ein Buch auf jeder Seite neue und anregende Gedanken präsentiert. In «Glaube ist kein Leistungssport» präsentiert Bischof emeritus Hans Gerny ja ein «Best-of» jahrzehntelangen predigens, vortragens und veröffentlichens. Die jetzt zusammengetragenen Texte sind aber mehr als bloss eine Dokumentation, die hauptsächlich für Historiker und Historikerinnen interessant sein dürfte (gute Historiker/innen würden zudem vor allem auch gerne wissen, was nicht in diesen Band aufgenommen wurde!). Die etwa 260 Seiten Predigten zum Beispiel kann man nicht einfach durchlesen, weil man die Gedanken, Perspektiven und Überlegungen, die Gerny bietet, jedes Mal auch überdenken muss. «Muss» – ja, weil die Texte dazu nötigen, nicht weil sie zufälligerweise aus einer bischöflichen Feder stammen!

Eine gute Predigt lässt innehalten, bietet neue Perspektiven auf den Glauben und braucht deswegen auch etwas Zeit. Gernys Art zu predigen – und das spricht für seine Predigten, dass sie auch in gedruckter Form «wirken» – ist in der Regel so, dass er etwas Altbekanntes aufgreift, es pro-blematisiert, oder das eigene Ringen mit einem Thema mit den Hörern (jetzt Lesern) teilt, und sich so durcharbeitet zu einer neuen Sicht. In der Regel greift er dabei entweder biblische Themen auf oder solche aus dem liturgischen Jahr: Er ist ein zutiefst biblischer und kirchlicher Theologe. Wie in einer willkürlich ausgewählten Predigt zu Ostern 2012 (S. 64–66).
Sie fängt an mit «Jedes mal, wenn ich an Ostern predigen muss, komme ich in Nöte» (S. 64), geht dann dem Auferstehungsbericht des Markusevangeliums nach, stellt fest, dass die Auferstehung nie bewiesen, sondern nur erfahren, «gespürt» werden kann, und dass der Glaube an die Auferstehung das Leben von Milliarden geändert hat, ohne je «greifbar» zu werden – die Auferstehung übertrifft alles, was wir denken oder fassen können. Daher schliesst die Predigt ab mit: «Wenn wir singen ‹Christus ist auferstanden›, dann singen wir das, was wir nicht beweisen, aber spüren und erleben können. Vielleicht sollten wir gar nicht von der Auferstehung reden. Vielleicht sollten wir nur von ihr singen.» (S. 66) Der Anfang lädt ein zum Mitdenken: Es lohnt sich, einem Bischof, der offen ist über sein eigenes Ringen mit dem Glauben, zuzuhören. Der Schluss regt an zum Weiterdenken: Mit welcher Sprache und mit welcher Ausdrucksform lässt sich eigentlich etwas Vernünftiges über Gott zum Ausdruck bringen? In der Mitte sind durchdachte exegetische und theologische Gedanken anzutreffen. Ein solcher Aufbau macht eine Gernysche Predigt zu einem
sehr kompakten Text. Einer reicht wohl aufs Mal – deshalb würde ich empfehlen, dieses Buch so zu lesen: dosiert, wie der Wein, nur ein Glas pro Tag.

Eigene Leidenschaft aufgezeigt

In den weiteren Teilen des Buches sind «Vorträge und Artikel», «Bischöfliche Gedanken», «Politische und kulturelle Gedanken» und eine Auslegung des Vaterunser (Notre Père) aufgenommen. Hier zeigt sich die kirchliche und gesellschaftliche Leidenschaft vonGerny. Er beschreibt seine Auffassung vom Bischofsamt, sein Verlangen nach einer lebendigen Liturgie, seine Impulse für eine spirituelle Erneuerung in der Kirche und sein ökumenisches Engagement – und er äussert sich differenziert zu politischen Themen, immer einladend zum Mitdenken und gleichzeitig herausforderdernd. Er zeigt sich dabei auch als Meister der christkatholischen Gratwanderung: politisch involviert zu sein, ohne parteipolitisch zu werden und – eben auch als Bischof – Platz zu lassen für die Stimme anderer, während es stets sein Ziel ist, zu überzeugen.

Wer sich also im Glauben sowohl herausfordern als auch «ernähren» lassen möchte, soll sich dieses Buch vornehmen. Das gilt auch für jene, die sich fragen, wie man sich als Christ (sicher auch als Christkatholik) zu Gesellschaft, Kultur und Politik verhalten kann oder soll.

Am besten liest man das Buch aber dem Ort entsprechend, wo es gedruckt worden ist – in Bern, also langsam.

Peter-Ben Smit


 Dieses Buch ist im Webshop des Christkatholischen Medienverlages erhältlich.

 
(c) 2012 by Christkatholische Kirche der Schweiz