Das tapfere…

Kürzlich sprachen wir am Küchentisch über ein Atelier, in dem Lernende für die Kundschaft massgeschneiderte Hemden anfertigen. Hemden, denen man ihre gute Qualität ansieht. «Diese Schneiderinnen verstehen etwas von ihrem Handwerk», bemerkte ich. «Schneiderin? Das heisst heutzutage Bekleidungsgestalterin!»

Dass vieles nicht mehr so heisst wie zu meiner Jugendzeit, ist mir nicht unbekannt. Das Basler Kaufhaus «Rheinbrücke» nennt sich heute «Manor», das alte «Joggeli» wurde zum «St. Jakob-Park», die «Nati A» wurde zur «Super League» und der Milchverband zu «Swissmilk». Die Reihe könnte beliebig lange fortgeführt werden.

Als ich zur Schule ging, da gab es noch eine «Putzfrau», die dem Abwart bei seiner Arbeit half. Heute ruft man sie «Raumpflegerin» – mit Aufstiegsmöglichkeit zur «Facility-Managerin». Recht so. Ein Absolvent der Universität hat heute einen «Master» in irgendwas, zu meiner Zeit gab es die Lizenz zum Lehren, das «Lizentiat» – heute auch mit «z» statt «t» (Lizenziat). Aber halt, ich komme vom Thema ab.

Der/die BuchbinderIn heisst neu PrintmedienverarbeiterIn, der/die Lastwagenchauffeur/euse «Strassentransportfachmann/frau». Und dann gibt es noch ganz neue Berufe: «Fachmann/frau Kundendialog» – das wird wohl der/die bisherige VertreterIn sein. Und der  «Milchpraktiker» – ein/e simple/r MilchtrinkerIn wie ich?

Ich kann damit leben, dass Dinge sich ändern. Aber das tapfere Schneiderlein lasse ich mir nicht nehmen. Ich will kein tapferes Bekleidungsgestalterlein – bitte!

Franz Osswald