Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019

Caspar David Friedrich: Die Lebensstufen,1835.

Alles hat seine Zeit. Wo Gott ist, da ist Zukunft!

«Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreis­sen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, aufhören zu lieben hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.» (Prediger 3,1-15 nach Lutherbibel 2017)

Liebe Schwestern und Brüder,

Epochale Veränderungen geschehen oft so langsam, dass man sie leicht übersieht und verdrängt. Und auf einmal rasen und lärmen sie daher, dass man nichts anderes mehr sieht. Ähnlich geschieht dies in unserer Kirche. Obwohl unsere Mitgliederzahl gesamtschweizerisch von 1874 bis 2019 von 75‘000 auf 12‘000 zurückging, blieben unsere Strukturen bis zum Ende des Episkopats von Bischof Hans Gerny 2001 fast unverändert; insbesondere was die Anzahl der Kirchgemeinden anging und unsere Stellung an der Universität Bern. Die Anzahl der Geistlichen und der bezahlten Stellen war sogar angestiegen; insbesondere durch die Einführung des Ständigen Diakonats neben dem Pfarramt. 

Erst mit dem Wechsel zu Bischof Fritz-René Müller und zu mir wurde deutlich, dass wir über unsere Verhältnisse leben und Reformen dringend notwendig sind. Und obwohl mittlerweile vieles klar und deutlich geworden ist, ein Reformwille sich manifestiert und auch einiges geschehen ist, kommen wir kaum vo­ran. Unser Tempo ist nicht nur langsam, sondern wird mittlerweile zum Risiko. Das Problem in unserer Kirche sind nicht mangelnde Ideen, sondern deren Umsetzung. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin fest davon überzeugt, dass es noch in 50 Jahren in der Schweiz Christkatholische Kirchgemeinden geben wird. Aber unserem Bistum, einzelnen Kirchgemeinden und dem Institut für Christkatholische Theologie an der Universität Bern wird langsam der Schnauf ausgehen, wenn wir nicht wachsen oder strukturell und finanziell unsere Kräfte bündeln. 

Veränderung ist angesagt und vonnöten

Das ist auch ein Ergebnis der Zukunftswerkstatt. Im Vordergrund der Veränderungswünsche stehen die effizientere Nutzung der vorhandenen personellen und materiellen Ressourcen, mehr diakonisches Engagement, Öffentlichkeitsarbeit und Spiritualität; verbunden mit Ausstrahlung, ­Authentizität und der Bereitschaft eines jeden Mitgliedes, sich am Leben der Kirche zu beteiligen. Kein Handlungsbedarf wird bezüglich unserer Identität gesehen. 

Unser Kirchenverständnis mit seinem bischöflich-synodalen System, seiner liturgisch-sakramentalen Praxis und seinem ökumenischen Engagement werden positiv wahrgenommen. Alles Weitere im Sinne von Details möchte ich nun dem begonnenen Prozess der Zukunftswerkstatt überlassen. Hier beschränke ich mich auf Grundsätzliches und stelle Zukunftsperspektiven anstelle von Vergangenheitsbewältigung in den Vordergrund. Wir sind wie jede Kirche dazu berufen, neue Wege zu den Menschen zu finden.

Die Vergänglichkeit allen Seins und die Kunst des Loslassenkönnens

Generationen kommen und gehen. Alles ist endlich. Das drückte der gros­se Maler der Romantik, Caspar David Friedrich, in seinem Bild «Die Lebensstufen» aus, das sich auf dem Titelblatt des Hirtenbriefes befindet. Fünf Menschen am Strand und fünf Schiffe auf dem Meer symbolisieren verschiedene Generationen und Lebensphasen. 

Das ist auch die Botschaft im Buche Prediger: «Alles hat seine Zeit.» Dieser Text kann unterschiedlich verstanden und wahrgenommen werden. Ich interpretiere diesen Bibeltext hier nicht auf das Schicksal des einzelnen Menschen bezogen, sondern im Hinblick auf die Kirche als eine Gemeinschaft von Menschen. Und gerade dann liegt der Schwerpunkt der Aussage nicht auf der Melancholie der Vergänglichkeit allen Seins, sondern auf dem konstruktiven Loslassenkönnen: Alles ist relativ, jede/r ist ersetzbar. Ewig ist nur Gott. Da­raus kann eine grosse Kraft erwachsen sowohl für die persönliche Lebensgestaltung als auch für das Engagement in der Kirche. 

Die Kirche pilgert durch die Zeit und ist von ihrer Umwelt abhängig. Daher ist vieles wandelbar. Sie hat aber ein unveränderliches Ziel, nämlich das Evangelium zu verkünden und das Reich Gottes den Menschen erfahrbar zu machen. Im Vordergrund sollte stets die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation stehen. 

Ich bin der Überzeugung, dass Kirche Zukunft hat und dass letztlich das alleinige Oberhaupt der Kirche, Jesus Christus (daher kommt auch unser Name!), zu seinem Versprechen steht: «Und lehrt sie, alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Seht: Ich bin alle Tage bei euch, bis Zeit und Welt vollendet sind.» (Matthäus 28,20)

Wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Hat unsere Kirche Zukunft?

Zukunftsforscher und kirchliche Arbeitsgruppen arbeiten vielerorts an einer Zukunftsvision für die Kirche. Aus meiner Sicht sind in Westeuropa die für uns wichtigsten Prognosen folgende:

  • Die Kirche der Zukunft ist keine Volks- und Landeskirche mehr. Sie besteht nur aus überzeugten und überzeugenden Mitgliedern. Die Entflechtung von Staat und Religion schreitet weiter voran. Macht und Einfluss der Kirche beruhen auf ihrer christlichen frohen Botschaft. Sie wirkt als «produktive Minderheit» in die Gesellschaft hinein. Sie ist ein wohltuender Kontrast und kein Abbild der Gesellschaft. In der Übergangsphase werden nach wie vor die «Distanzierten» die Mehrheit der Mitglieder bilden, aber die Zukunftsgestaltung der aktiven Kerngemeinde überlassen. Dadurch ergeben sich für die Zukunftsplanung Hindernisse und Konflikte.
  • Die Unterscheidung zwischen Betreuungs- und Beteiligungskirche bezieht sich auf ihre primäre Struktur und darf im Blick auf ihr Handeln nicht missverstanden werden. Im Sinne von Solidargemeinschaft nach Innen und Aussen ist Kirche immer zugleich beides. Trotzdem ist der Auftrag einer Kirche nicht, die Menschen zu betreuen (Betreuungskirche), sondern sie zu Jüngern und Jüngerinnen zu machen (Beteiligungskirche), die die Botschaft Jesu leben und weitergeben.
  • Kirchen können in einer säkularisierten Welt wie Oasen, Burgen und Tankstellen in diese hineinwirken und wollen als solche wahrgenommen werden. Dadurch verschiebt sich die Verantwortung und die Planung mehr auf das Bistum und die Region. Die Bedeutung der klassischen Kirchgemeinde nimmt ab, wenn sie selbst nicht zu einem solchen zentralen «Begegnungsraum» werden kann. Das Ende der «Kirche im Dorf» lässt sich nicht aufhalten.
  • Über die Zugehörigkeit zu einer Kirchgemeinde werden ihre spirituelle und ihre diakonische Attraktivität entscheiden. Dogmatische Fragen, konfessionelle Gebundenheit und familiär-biografische Prägung treten in den Hintergrund. Dadurch wird die Kirche von selbst offener und ökumenischer. Überall, wo es Sinn macht, sollten sich Kirchen für ein besseres gemeinsames Zeugnis zusammenschliessen.
  • Die Menschen erhoffen sich von den Kirchen Hilfestellungen zu ihren aktuellen Sinnfragen. Das sind heute aufs eigene Leben bezogen Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheit und Beziehung (das heisst, Familie, Ehe und andere Lebensmodelle). Hinzu kommen auf die Gesellschaft bezogen die Unsicherheit über die Zukunft der Sozialversicherungen, die Sorge um die Umwelt und anderes. Es geht hier aber nicht darum, dass Kirchen die Politik ersetzen oder ihre Mitglieder entmündigen sollten, sondern darum, aus dem christlichen Glauben heraus Positionen zu formulieren, die den Menschen leben helfen und dazu beitragen, eine Haltung als Christ und Christin zu finden. Die notwendige Tagesaktualität darf aber nicht den Blick auf das Eigentliche nehmen. Die Grundprobleme und Fragen der Menschen bleiben gleich: Woher komme ich? Wer bin ich? Was darf ich über meine Lebenszeit hinaus erhoffen? An was orientiere ich mich? Und die christliche Antwort ist und bleibt – wie es auch in unserem Eucharistiegebet I heisst: «Den Tod des Herrn verkünden wir, und seine Auferstehung preisen wir, bis er kommt in Herrlichkeit.»
  • Die einzig sinnvolle Form von nachhaltiger Mission ist für die Kirche, Menschen dazu einzuladen, selbst he­rauszufinden, ob die christliche Weltsicht wahr ist und ihnen zu leben hilft, wie z. B. auch mit einer zeitlich begrenzten Probemitgliedschaft.
  • Der derzeitige Säkularismus muss aus der Perspektive Gottes nicht als eine Plage verstanden werden, sondern als eine besondere Herausforderung für die Kirche.
  • Wir haben es heute in unserem Kulturkreis mit einer dreifachen Krise zu tun, die der Schweizer Kardinal Kurt Koch so auf den Punkt bringt: Glaubensmangel, Gläubigenmangel und Geistlichenmangel. Das stellt eine grosse Herausforderung für unsere engagierten Laien und unsere angestellten Geistlichen dar. Wir müssen daher diesen und untereinander gros­se und mehr Sorge tragen, weil Menschen einfach ihre natürlichen Grenzen der Belastbarkeit haben. Hier braucht es flankierende Massnahmen. Es ist schwierig, zukunftsorientiert zu arbeiten, wenn ständig über finanzielle Ressourcen, Zusammenlegungen von Kirchgemeinden und Stellen- und Pensenabbau diskutiert wird.

Hören wir auf Gott und aufeinander

Gottes Gegenwart ist die Zukunft der Kirche und die Kirche ist das Salz der Erde. Aber sie kann es nur sein, wenn sie Gottes Gegenwart spürt und aus diesem Bewusstsein heraus handelt. Wer sich dazu entscheidet, die Vergangenheit zum Massstab der Gegenwart zu machen, wird vor allem Niedergang entdecken. Wer in der Veränderung Möglichkeiten statt Niedergang sieht, kann neue Chancen entdecken und Aufbrüche wagen. Denn alles hat seine Zeit. Das Wirken des Heiligen Geistes zeigt sich gerade darin, dass die spürbare Gegenwart Gottes die Welt verwandeln kann.

Die Kirchen in der Schweiz befinden sich in einer gewaltigen Umbruchsituation. Es geht um den christlichen Glauben und seine Weitergabe schlechthin. Die christliche Religion in Westeuropa ist in Gefahr, von den Menschen vergessen zu werden, weil sie sie für ihr Leben als nicht mehr relevant empfinden. 

Ich appelliere an Sie, unsere Kirche in die Zukunft zu bringen. Wie können wir heute überzeugend Kirche sein? Was sehen wir dabei als unseren spezifisch christkatholischen Auftrag an? Wo liegen unsere Prioritäten? Es geht dabei um eine inhaltliche Entscheidung und nicht um Strukturanpassungen, die nur eine etwaige Folge sein können. Viele unserer klassischen Themen (z. B. Stellung des Papstes, Pflichtzölibat, Frauenordination) sind heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr.

Es geht um Zukunftsgestaltung im Dialog und in Hoffnung. Beides kann uns befähigen,

  1. den regelmässigen sonntäglichen Gottesdienstbesuch als den Kern einer Kirchenmitgliedschaft zu betrachten,
  2. ethisch-religiöse Positionen öffentlich zu vertreten und vor allem vorzuleben,
  3. altes loszulassen,
  4. neues aufzubauen,
  5. den Immobilienbestand zu überprüfen auf das hin, was wir wirklich brauchen,
  6. über unsere Strukturen nachzudenken,
  7. stolz zu sein auf unseren Sonderauftrag innerhalb der einen Katho­lischen Kirche. Bleiben wir das Gewissen und die Vorhut eines menschenfreundlichen, synodalen und liberalen Katholizismus,
  8. mehr zu verdeutlichen, dass die Kirche nicht nur lebt von dem, was sie liturgisch feiert und seelsorgerisch und diakonisch tut, sondern zugleich von Gebet und Fürbitte. Letztlich können Kirchen nur existieren und weiterleben, wenn es das Werk des Heiligen Geistes ist.

Von Martin Luther stammt in seinem Brief an Dr. Güttel von 1539 der Satz: «Und doch sind wir es nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Und unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein: sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: Seht: Ich bin alle Tage bei euch, bis Zeit und Welt vollendet sind.» (Matthäus 28,20)

+ Bischof Dr. Harald Rein

«Allmächtiger, ewiger Gott, durch dessen Geist alle Glieder der Kirche zu einer heiligen Körperschaft miteinander verbunden sind und zu mannigfacher Dienstleistung befähigt werden, lass deine Gnade walten über allen deinen Dienern und Dienerinnen, auf dass sie, was recht ist, erkennen und in allen Dingen gehorsam sind dem, der das Haupt ist, Christo Jesu, deinem Sohne, unserm Herrn. Amen»

(Gebet aus Bischof Eduard Herzog, Andachtsbuch. Gott ist die Liebe, Nachdruck 1960, S. 262) 

2019 Hirtenbrief