«Ich geb’ Dir zwei Zeitler»

Wer kennt nicht die Erfahrung, dass einem nach dem Abschied oder nach dem Tod eines Menschen noch vieles einfällt, was man noch gerne gesagt oder Gutes getan hätte. Es gibt diese verpassten Gelegenheiten, die sich nicht wiederholen lassen.

Die Probleme mit der Zeit gehören zu den schwierigsten Fragen – da mögen unsere Zeitmesser noch so gut funktionieren. Wie oft hört man, «i ha kei Zyyt». Manchmal klingt dies wie ein Hilferuf kurz vor dem Ertrinken. Für den einen vergeht die Zeit schleppend. Es will ihm nicht gelingen, in diesem Augenblick zu leben, weil er nur hofft, dass der jetzige vergeht. Der einzelne Augenblick hat keinen Wert, weil man in sich eine dunkle Leere spürt. Dem anderen vergeht die Zeit zu schnell, er jagt hinter ihr her und erreicht doch nicht den Augenblick, in dem er verweilen könnte, um so zur eigenen Tiefe und zur Besinnung zu kommen.

«Nimm dir Zeit! – was heisst das?» fragte mich ein Schreiner, der nach vielen Jahren harter Arbeit und Anspannungen im Familienleben vom Arzt eine «Aus-Zeit» verschrieben bekam. «Das kann ich Dir nicht sagen», gab ich ihm zur Antwort. Als ich drei Wochen später wieder bei ihm vorbeikam, schenkte er mir ein Holzstück in der Grösse eines «Fünflibers». Darauf hatte er in kunstvollen Buchstaben «Zwei Zeitler» geschrieben. Er hat realisiert, dass er sich noch nie Zeit für sich selbst genommen hatte. Er wolle sich von jetzt an jede Woche zwei Stunden Zeit für sich selbst geben. Ihm war etwas klar geworden.
Vor lauter Freude darüber drechselte er weitere «Zeitler», um sie an alle seine Freunde zu verteilen. Wie diese «Zeitler» einzulösen sind, das müssen alle für sich selbst entdecken, das kann er ihnen nicht sagen.

Niklas Raggenbass