«Primat und Synodalität bedingen sich»

Die beiden römisch-katholischen Co-Präsidenten der zwei Mandatsperioden der Internationalen Römisch-Katholisch-Altkatholischen Dialogkommission: Bischof em. Paul-Werner Scheele (rechts) und Erzbischof Hans-Josef Becker (links), 2012. Foto: Möhler-Institut Paderborn

In den Jahren 2004-2009 erarbeitete die vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und von der Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz eingesetzte «Internationale Römisch-Katholisch-Altkatholische Dialogkommission» (IRAD) einen Bericht mit dem Titel «Kirche und Kirchengemeinschaft». Er hatte gleich nach seinem Erscheinen in den Kirchen der Utrechter Union ein reges Interesse von Pastoralkonferenzen, Bistumssynoden, der Internationalen Altkatholischen Theologenkonferenz und von weiteren Tagungen mit ökumenischer Beteiligung gefunden. 

An diesen Dialog erinnern die in den vergangenen Tagen erschienenen Nachrufe auf den am 10. Mai 2019 in Würzburg entschlafenen römisch-katholischen Co-Präsidenten Bischof em. Prof. Dr. Paul-Werner Scheele, der mit dem christkatholischen Bischof Fritz-Rene Müller die elf Sitzungen der IRAD leitete. Der 1928 im Sauerland geborenen Scheele war zeitlebens mit Paderborn verbunden, wo er u. a. Theologie studierte und von 1971 bis 1979 als Professor an der dortigen Theologischen Fakultät Dogmatik und Dogmengeschichte lehrte und ­zugleich als leitender Direktor des ­Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik wirkte. 1974 wurde er zum Weihbischof des Erzbistums Paderborn ernannt. Von 1979 bis zu seiner Emeritierung 2003 war er Bischof von Würzburg, aber die Verbindung mit Paderborn behielt er bis zu seinem Todesjahr als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Möhler-Instituts. Von 1976 bis 2003 war er auch Vorsitzender der Ökumenekommis­sion der Deutschen Bischofskonferenz. So war er «über viele Jahre hinweg die Seele und der Motor der römisch-katholischen Kirche für die Ökumene in Deutschland und auf Weltebene», wie es in einem Nachruf heisst. Auch die Altkatholiken dürfen seiner in Dankbarkeit gedenken. R.I.P.

Die IRAD setzte ihre Arbeit in einer zweiten Mandatsperiode 2012-2016 fort. Römisch-katholischer Co-Präsident war der Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker, der zusammen mit dem altkatholischen Bischof Dr. Matthias Ring (Bonn) die neun Sitzungen leitete. Die IRAD vertiefte auftragsgemäss eine Reihe von Themen der ersten Mandatsperiode und veröffentlichte 2017 den neuen zusammen mit dem früheren Bericht in einer Neuausgabe von «Kirche und Kirchengemeinschaft» (Bonifatius Verlag, Paderborn). Anders als vor zehn Jahren scheint dies in den Kirchen der Utrechter Union, mit Ausnahme der österreichischen Geistlichenkonferenz und der IBK für ihre internen Zusammenkünfte, so gut wie kein Interesse mehr zu wecken.

Immerhin sind mir zwei von römisch-katholischer Seite organisierte Anlässe bekannt, wo zentrale Themen aus der Arbeit der mittlerweile entpflichteten IRAD vorgestellt und diskutiert wurden. Am 2. Mai 2018 lud das Ökumenische Institut der Theologischen Fakultät Luzern zu einem öffentlichen Vortragsabend ein: «Römisch-Katholiken und Christkatholiken. Neue Ergebnisse des interreligiösen Dialogs zu einem Familienzwist». Dabei stellte Dr. Agnell Rickenmann, Regens des Seminars St. Beat Luzern und Domherr in Solothurn die – von der Christkatholisch-römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweiz erarbeiteten und von der IRAD übernommenen – Reflexionen darüber vor, wie hinsichtlich der beiden Mariendogmen von 1854 («Unbefleckte Empfängnis») und 1950 («Aufnahme in den Himmel») der kirchentrennende Aspekt überwunden werden könnte. Der Schreibende ging auf das Kernthema des ganzen Dialogs ein: die Stellung des Papstes innerhalb einer auf regionaler und universaler Ebene immer schon synodal strukturierten Gemeinschaft von Ortskirchen, d. h. Bistümern. Wenn der Papst als Bischof der Kirche von Rom nicht aus dieser für die Kirche fundamentalen Gemeinschaftsstruktur herausgelöst wird, wenn grundsätzlich gilt, dass Primat (Leitungsdienst) und Synodalität (Mitverantwortung) einander immer wieder bedingen, damit die Gemeinschaft von Bistümern ihre Einheit im apostolischen Glauben bewahrt und diese in den geschichtlichen Prozessen der Inkulturation bewährt, dann muss das Amt des Papstes nicht mehr ein Hindernis für Kirchengemeinschaft sein. In diese Richtung zielt das Ergebnis der IRAD, das ausdrücklich eine Rückkehr-Ökumene ausschliesst.

Am 16. Mai 2019 kam es im Rahmen der Frühjahrstagung der Ökumene-Referenten der deutschen (römisch-katholischen) Diözesen 2019 in Erfurt zu einem aufschlussreichen Vergleich hinsichtlich des Themas «Primat und Synodalität in neueren ökumenischen Dokumenten». Der Schreibende stellte die diesbezüglichen Erörterungen und Thesen des IRAD vor. Dr. Johannes Oeldemann vom Möhler-Institut Paderborn präsentierte, was der nicht offiziell, aber doch international zusammengesetzte «Gemeinsame orthodox-katholische Arbeitskreis St. Irenäus» im ungefähr selben Zeitraum zu dieser Frage an hermeneutischen, geschichtlichen und systematischen Überlegungen zusammengetragen und kürzlich veröffentlicht hat («Im Dienst an der Gemeinschaft. Das Verhältnis von Primat und Synodalität neu denken», Bonifatius Verlag, Paderborn). Dabei stellte sich in wichtigen Punkten eine bemerkenswerte Konvergenz der Ansichten und Erwartungen der beiden Dialoggruppen heraus. Wie auch immer die kirchenamtlichen Reaktionen aus dem Vatikan ausfallen, die Relevanz eines geläuterten altkatholisch-ökumenischen Anliegens der ersten Stunde ist immer noch gegeben.

Prof. Dr. emeritus Urs von Arx