Beten mit Leib und Seele: Knien und Stehen

Die neun Gebetsweisen des heiligen Dominikus. Bibliotheca Vaticana (Codex Rossianus 3).

Knien in Freiheit
macht Menschen nicht klein.
Knien lebt von der Achtung.
Für mich, für die Liebe, die Gott ist.
Klar wird im Knien, wer ich nun bin.
Wie klein manchmal und wie kleingeistig.
Wer knien kann, kennt das Fragile in sich.
Kennt den Schatten, die Schuld.
Wunder der grenzenlosen Wertschätzung Gottes!
Lässt den Menschen nicht auf den Knien.
Erhebt uns.
Dass wir erhobenen Hauptes stehen vor ihm, vor ihr.
Dem Geheimnis der Welt.
Der Erlösung aus Hingabe.
Die Liebe macht keinen Druck.
Zwingt niemanden in die Knie.
Sie weitet und hebt.
Dass mit aufrechtem Gang
Wir leben und beten.

Die Hände des Stehenden öffnen sich ganz.
Kein falscher Stolz verschliesst ihn.
Eitle Leistung verzerrt nicht sein Gesicht.
Überlassen und Hingabe richten ihn aus.
Das Gebet Jesu,
das Vater-unser,
das von der Mütterlichkeit Gottes spricht,
will nicht im Knien gesprochen sein.
Wer «Abba» ruft,
muss sich nicht wälzen
im Unrat des Unvollkommenen.
Muss nicht im Knien das Heil empfangen.
Das ist das Wunder:
Nicht herabsehen will Christus auf uns.
Nicht huldvoll. Nicht herablassend.
Von Angesicht zu Angesicht,
auf der Höhe der Augen
will er uns
lieben und retten und heilen.

Pfarrer PD Dr. Michael Bangert