Ein neuer Blick

Installation

Installation «Dein Mantel ist mein Zelt» von Monika Dillier. | Bild: Michael Bangert

Zu sehr gewöhnt.
An das Alte. An die schönen Formen.
Gewöhnt an die hehre Feier hoher Liturgie.
Vielleicht abgestumpft.
Für den Glanz des Ewigen.
Alles muss so sein und so. Weil es immer so war!
3 Monate lang war moderne Kunst bei uns zu Besuch.
In der Predigerkirche.
Der Ehrwürdigen. Der 750-jährigen.
Wir wollten unsere Blicke erfrischen. Anregungen gewinnen.
Und dann das!
Da kommt eine Künstlerin, Monika Dillier,
und umbaut den Tabernakel mit rosa-pinken Glasbausteinen.
Ich muss zweimal schauen.
Der Tabernakel. Dort, wo das Heiligste bewahrt wird.
Da braucht es doch Gold oder Silber.
Oder Edelsteine.
Oder mindestens Bronze. Wuchtig-solides Metall.
Aber rosa-pinke Glasbausteine?
Nicht einfach für meine Vorstellungen.
Bei der Vernissage:
Ich frage eine betagte Dame, eine Säule der Kirchgemeinde
nur wenig bis Neunzig:
Welches Kunstwerk ihr besonders gefalle?
Sie: Die rosa-pinken Glassteine beim Tabernakel.
Ich muss schlucken.
Es bröckelt in meiner Vorstellungswelt.
Es macht den Eindruck,
als würden zu ewigem Eis gefrorene Ansichten schmelzen.
Das Erhabene in rosa-pinkem Glas?
Die Dame findet es gut.
Heiliges Brot. Allerheiligstes!
In rosa-pinkem Glas?!
Ihr erprobter Glaube braucht das Eherne nicht.
Nicht Metall. Nicht Pracht. Nicht Edelstein.
Ich bin beeindruckt. Verwundert. Verstört.
Rosa sei doch die Farbe der Rosen. Der edelsten Blume!
Pink, das helle Purpur, die Farbe göttlicher Gegenwart.
Aber wäre nicht Gold besser? Angemessener?
Nein, sie beharrt. Rosa-pink-lila-farbenes Glas! Das passt!
Neues Sehen für mich.
Gott zeigt sich.
In ungeahnten Formen. Worten. Farben.
Auch in rosa und pink.
Das muss ich noch lernen.

Michael Bangert