«Was willst Du, dass ich Dir tue?»

Heilung des blinden Bettlers am Stadttor von Jericho (Egbert-Codex, um 980 auf der Insel Reichenau entstanden. Stadtbibliothek Trier).

Ein blinder Bettler. Behindert. Unbrauchbar.
Ausgeschlossen. Abgeschoben. Ausgeschlossen.
Bekommt Almosen. Dazu vielleicht noch ein wenig Mitleid.
Ein Namenloser. Benannt nach dem Vater: Sohn des Timäus.
Auf dem Bild eine schnöde Sachbezeichnung: «caecus», «Blinder».

Doch in dem Namenlosen lebt Sehnsucht.
Nach Licht. Nach Begegnung. Nach Ansehen.
Darum schreit er plötzlich los. Ohne Hemmung.
Lässt sich nicht beruhigen. Nicht stillstellen.
Jetzt ist der Augenblick. Jetzt bricht die Sehnsucht aus:
Jesus, erbarme dich meiner! Wende Dich mir zu!

Einige ermahnen ihn: Benimm Dich. Halt die Klappe!
Sie herrschen ihn an: Fall’ nicht aus der Rolle!
Doch! Jesus hält ein. Schaut auf ihn. Wendet sich zu.
Und: Er tritt den Konventions-Versessenen glatt auf die Füsse.
Göttliches Heil kennt keine Schablone.

Nenn Deinen Wunsch. Deine Sehnsucht. Was soll ich Dir tun?
Ja, was? Versteht er es nicht: Das ist doch ein Blinder!
Nur Gott ist kein Zauberer. Er sucht nach des Menschen Wille.
Der Herzenswunsch des Blinden ist schon in der Tiefe geformt:
Lass mich sehen, das Licht und die Menschen!
Lass das Licht in mich ein, dass selbst ich ein Licht bin!

Die Segenshand Jesu streckt sich. Der Blinde tastet entgegen.
Schon ist er gekleidet in der Farbe des Göttlichen, in Gewändern des Heils.
In Purpur eingehüllt wie der Gottessohn. Wie der Baum neuen Lebens,
der einen Ast schon liebevoll neigt, ihn zu schützen und hüten.
Der Wunsch seines Herzens wird wahr. Wahr wie das Licht.
Welch grosse, einfache Kunst, das zu wollen, was mich hell macht und heil.

Michael Bangert