Allerheiligen

«Selig sind, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.» (Mt 5,3)

«Was möchtest du denn einmal werden?» «Ein Heiliger!» «Oh, dann musst du dich aber gewaltig anstrengen!» Kann ein Mensch eine Heilige werden? Mit Absicht. Wäre sie eine Eiferin, er ein Zelot? Wohl kein unbedingt erstrebenswertes Ziel. 

Die Seligpreisungen bei Matthäus reden, wie ich meine, auch von Heiligen. Von Armen, Trauernden, Gewaltlosen, Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit,Barmherzigen, Friedensstiftenden, Leidenden in und an der Welt. Das sind nicht Menschen, die etwas für sich wollen und das Leben entsprechend zurechtbiegen, es sind Menschen, die eine Situation antreffen und entsprechend darauf reagieren. 

Nicht, dass sie nicht dennoch etwas täten gegen ihre Armut, ihre Trauer, ihren Hunger und Durst, ihr Leiden an der Welt. Aber sie nehmen vor allem das Vorgefundene auf und versuchen, damit umzugehen. So, wie sie es können. Auch wenn das nicht nur angenehm sein würde. Menschen, die für sich eine Aufgabe als Lebensinhalt gefunden haben, fragen sich vielleicht auch ab und zu: «Warum tue ich mir das an?» Ein Leben auf Goldgrund, mit strahlendem Heiligenschein – es wird nicht der Alltagszustand sein. Heiligkeit senkt sich vielmehr unversehens auf ein Leben. Vielleicht weniger in der eigenen als eher in der Wahrnehmung anderer, denen sie, die Heiligkeit, segensvoll entgegenkommt. Dann wird man sagen: Sie ist eine Heilige. Auch wenn sie selbst eher sagen würde: «Ich habe nur das getan, was mir mein Herz gesagt hat, dass ich tun sollte.» Wohl ihr.

Pfarrer emeritus Niklaus Reinhart